Zeitung Heute : Hier in Afrika

Vor einem Jahr wurde alles besser. Denn da wählte Kenia erstmals demokratisch seinen Präsidenten: Mwai Kibaki übernahm die Regierung. Mit ihm wehrt sich das Land nun gegen Korruption und Arbeitslosigkeit. Und hofft, dass die Vergangenheit niemals zurückkommt.

Christoph Link[Nairobi]

Die Regierung habe dem Volke zu dienen: Mit diesem Anspruch hat Mwai Kibaki vor einem Jahr die Präsidentenwahl in Kenia gewonnen, und das sich selbst bedienende Regime

Abends in Nairobis zentraler Koinange- Straße mussten sich Autofahrer vorsehen, nicht zufällig eine der leicht beschürzten Damen zu überfahren: Dutzende von Prostituierten bevölkerten die Fahrbahn, lupften die Mini-Röcke und riefen den Fahrern „Honey, Honey!“ hinterher. Damit ist es jetzt ersteinmal vorbei. Das kenianische Innenministerium erinnerte sich an den Strafparagraphen, wonach Prostitution in Kenia verboten ist, in einer Razzia wurden mehr als 100 Prostituierte verhaftet, seitdem ist die Geschäftsstraße abends wie ausgestorben.

Alles wird umgekrempelt: Nairobis Straßen müssen geputzt sein, Minderjährige dürfen nicht in Bars verkehren, Kleinbusse müssen Sicherheitsgurte haben, Korruption ist tabu, und die beliebten Spendensammlungen namens Harambee sind für Beamte verboten: Fast alle Lebensbereiche versucht der seit einem Jahr regierende Präsident Kibaki zu verändern – Schritt für Schritt will ihm das auch gelingen, immer im Kampf mit dem afrikanischen Lebensalltag. Hunderte von Straßenkindern, die von der Regierung in Umerziehungsheime gebracht worden waren, wandern langsam in die Städte zurück.

In der Adventszeit feierte Kenia den 40sten Jahrestag der Unabhängigkeit und der 72-jährige Farmer und Präsident Kibaki, der sich gerne mit der „First Lady“ Lucy und seinen Enkeln zeigt, verkündete die Parole von der „arbeitenden Nation“, für die man jetzt die Fundamente schaffe. Diese Vision müsse man stützen, um das Land zu einem „stolzen und wohlhabenden Mitglied der globalen Gesellschaft“ zu machen. Zumindest einige Fachminister in Kibakis Kabinett scheinen wirklich zu arbeiten, im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die unter dem wie ein Kaiser regierenden Moi kaum Handlungsfreiheit hatten. Kibakis Gesundheitsministerin setzte durch, dass billigere Medikamente in den Hospitälern eingeführt werden und sie eröffnete kleine städtische Krankenhäuser, die früher unter Moi vergammelten und geschlossen wurden. Für 50 Schillinge – etwa 60 Cent – erhalten hier die Ärmsten eine Behandlung. Der Bildungsminister setzte die Gebührenfreiheit in den Grundschulen durch, eine Million neue ABC-Schützen mussten aufgenommen werden. Und der Justizminister reinigte die für Korruption bekannte Justiz von verdächtigen Richtern durch Suspendierungen. Es geht voran in Kenia.

Weniger der Reformprozess als die ständig neuen Enthüllungen über die „Kleptokratie von Mois Kanu-Partei“, wie die Zeitung „Daily Nation“ schreibt, machen allerdings Schlagzeilen. Tag für Tag versammeln sich 200 bis 300 Zuschauer in einem Saal des Kenyatta-Konferenzzentrums, um der Untersuchungskommission zu Kenias größter Affäre, dem Goldenberg-Skandal, zuzuhören. Bankbeamte und Regierungsvertreter werden da gehört und nach mittlerweile 118 Sitzungen ergibt sich ein Bild davon, wie die Zentralbank Kenias mit dubiosen Geschäftsleuten in den Jahren von 1990 bis 1993 500 Millionen Euro illegal auf ausländischen Konten verbuchte. Mit fingierten Goldexporten – Kenia hat gar keine Goldlagerstätten – erschlich sich die Firma Goldenberg sogenannte Exporterstattungen. Ein Drahtzieher, der indischstämmige Kamlesh Pattni, ist inzwischen wegen Mordverdachts in Haft.

Der frühere Leiter von „Transparency International“ und jetzige Staatssekretär für Ethik in der Regierung, John Githongo, hat die Londoner Firma Kroll angesetzt, um die hinausgeschmuggelten Gelder ausfindig zu machen. Ein erster Bericht von Kroll ergab, dass in den 39 Jahren des Kanu-Regimes drei bis vier Milliarden US-Dollar an öffentlichen Geldern illegal transferiert wurden. Dazu wurde ein halbes Dutzend „politischer Banken“ in Kenia genutzt. Nach dem Goldenberg-Schema – fingierte Schuldentilgungen und gefälschte Verträge – verschwand das Geld. Westliche Diplomaten loben den Kurs Kibakis. „Wir haben hier ermutigende Zeichen und der politische Wille gegen Korruption ist da“, sagt der Weltbankvertreter, Makhtar Diop. US-Botschafter William Bellamy meint, Kenia habe sich selbst eingegraben, man müsse Geduld haben, denn es könne sich nur langsam befreien. Aber die Geduld des Volkes ist begrenzt. Es gab nur magere Gehaltszuschläge. Man habe nur neun Euro mehr erhalten, sagt eine Beamtin„Das ist ein Witz, gerade gut, um uns vom Streik abzuhalten.“

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