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Ein Forschungsprojekt untersucht Jugendverbandsarbeit am Beispiel der Evangelischen Jugend

Ortrun Huber

Jenni ist 17 Jahre alt und lebt in Falkensee bei Berlin. Seit sieben Jahren tanzt die Gymnasiastin bei den „Power-Girls“, eine Musicaltheatergruppe, die zur Paul-Gerhardt-Gemeinde in Berlin-Spandau gehört. Zwar ist Jenni getauft, aber in der Gemeinde ist sie wegen der „Power-Girls“: „Mit der Kirche haben wir eigentlich überhaupt nichts zu tun“, sagt Jenni. Auch Annemarie ist in einer evangelischen Jugendgruppe aktiv. Die 16-Jährige lebt bei ihren Eltern in Torgau und organisiert beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) Konfirmanden- und Jugendfreizeiten. Annemarie wurde erst vor zwei Jahren getauft und konfirmiert. Für die Gymnasiastin aber ist ihr Glaube eine Selbstverständlichkeit: „Ich wusste immer Gott an meiner Seite.“

Jenni und Annemarie könnten kaum verschiedener sein, doch beide sind auf ihre Weise typisch für die Arbeit der Evangelischen Jugendgruppen in Deutschland. Denn egal, ob Pfadfinder, Jugendclub, CVJM oder Kellertreff – bei der Evangelischen Jugend ist man offen für alle Jugendlichen und für die verschiedensten Aktivitäten. Und die Gruppen sind mehr als nur ein Freizeitangebot: Hier treffen die Jugendlichen ihre Freunde, hier werden Probleme besprochen, hier wird Gemeinschaft erlebt oder hat man einfach nur Spaß. Orientierungsverlust, Verweigerungshaltung und Werteverlust – all das, was mit der „Jugend von heute“ generell in Zusammenhang gebracht wird – sind kaum zu finden. „Bei der Evangelischen Jugend machen junge Leute mit, gerade weil sie das Gefühl haben, etwas für sich, aber auch etwas Sinnvolles für andere tun zu können“, erklärt Richard Münchmeier. Der Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin hat zusammen mit seinen Mitarbeitern drei Jahre lang Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit am Beispiel der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) untersucht. Ein komplexes, aus mehreren Teilen bestehendes Forschungsprojekt, das quantitative und qualitative Untersuchungsmethoden in sich vereint. Gefördert wurde die Studie mit 680 000 Euro vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Jeder zehnte Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren, so ermittelten die Wissenschaftler, kommt mit einer Einrichtung der Evangelischen Jugend in Kontakt. Eine beachtliche Zahl, so die Autoren, denn aufs Ganze gesehen, erreicht wohl nur die Sportjugend einen noch größeren Anteil der Jugendlichen. Wie aber beeinflussen diese Jugendlichen ihren Verband? Die Sozialwissenschaftler befragten in einem ersten Schritt rund 2 000 junge Mitglieder von Jungen Gemeinden, Pfadfindern, CVJM und anderen evangelischen Jugendgruppen nach ihrer persönlichen Sicht auf ihre Organisation, ihren Erwartungen und Wünschen. Zudem führten die Forscher – neben Erkundungsbesuchen vor Ort, Gesprächen mit Fachkräften der Jugendarbeit und anderen qualitativen Untersuchungen – ausführliche biographische Interviews mit einer Reihe von Jugendlichen, die in der Evangelischen Jugend besonders aktiv sind – und fanden überraschende Antworten. So erklärt die 16-jährige Vanessa, die unter anderem CVJM-Freizeiten betreut: „CVJM, das ist für alle da. Keine Ahnung, wer dahinter steckt. Ist mir auch egal.“ Meist sind sich die Jugendlichen des christlichen „Ursprungs“ ihrer Jugendgruppe aber durchaus bewusst, auch wenn dies für den Einzelnen nicht unbedingt von Bedeutung ist. „Für die Jugendlichen ist ihre Gruppe in der Evangelischen Jugend ein Ort, an dem sie Gemeinschaft als aktiven Spaß erleben und darin einen sozialen Sinn finden“, sagt Richard Münchmeier. „Das heißt aber nicht, dass die Jugendlichen, die hier aktiv sind, alle dasselbe erwarten oder erreichen wollen.“ Im Gegenteil: Heterogenität und Vielfalt zu ermöglichen und auszuhalten, so die Forscher, scheint ein maßgebliches Merkmal der Evangelischen Jugend zu sein.

Nicht die Beurteilung des Angebots stand bei der Befragung für die Wissenschaftler im Vordergrund, sondern die Frage, in welcher Weise junge Menschen selbst zu Akteuren der Jugendarbeit werden. Ein methodischer Perspektivenwechsel, wie Richard Münchmeier erklärt. „Wir haben in unserem Projekt bewusst die subjektorientierte Perspektive eingenommen.“ Eine Herangehensweise, die in der Forschung über Jugendverbände häufig vernachlässigt wird, sagt der Projektleiter: „Welche Organisation lässt sich schon gerne in die Karten schauen und fragt danach, wie die Jugendlichen ihr Angebot erleben?“

Neben den Motiven der Jugendlichen deckt die Studie auch interessante Unterschiede in der Binnenstruktur der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland auf, etwa beim Vergleich zwischen alten und neuen Bundesländern. Während im Westen der Kontakt zur Evangelischen Jugend vor allem über die Freunde hergestellt wird, geschieht dies im Osten meist durch die Familie. Darüber hinaus besitzt die Evangelische Jugend im Osten einen gewissen Monopolcharakter: Wenn die Jugendlichen dahin gehen, dann gehen sie tendenziell nur dahin. Der wichtigste Unterschied zwischen Ost und West liegt aber in der Bedeutung des Religiösen. Spirituelle Themen stehen in den Evangelischen Jugendgruppen im Osten bedeutend stärker im Vordergrund, während im Westen religiöse Aktivitäten nur eine von vielen Möglichkeiten sind. Zu erklären sind die Verschiedenheiten zwischen Ost und West durch die historische Entwicklung. „Im Westen war die religiöse Weltanschauung Privatsache des Einzelnen, in der DDR bedeutete das religiöse Bekenntnis hingegen eine automatische Zuordnung zu einer Minderheit. Diese Selektion hat sich bis heute erhalten: Junge Menschen, die nicht in der tradierten Form ihre Religiosität leben wollen, bleiben den Angeboten der Evangelischen Jugend im Osten eher fern“, sagt Richard Münchmeier.

Für eine Überraschung sorgte die Untersuchung in der Geschlechterfrage: Bei Jungen und Mädchen fanden sich keine geschlechtsspezifischen Motive für die Mitarbeit bei der Evangelischen Jugend, die bevorzugten Aktivitäten in der Gruppe oder die Bedeutung von Freunden und Gemeinschaft. Ob dies der Tatsache geschuldet ist, dass sich von der Evangelischen Jugend besonders Jungen mit ausgeprägter Sozialkompetenz angezogen fühlen, während sich solche, die sich an „klassischen“ Männlichkeitsbildern orientieren, eher im Sportverein tummeln, muss eine Vergleichsstudie zeigen.

Die Motivationen und Erlebnisse der Jugendlichen in ihrem Verband zu erfragen ist die eine Seite. Die Ergebnisse der Studie für die Praxis nutzbar zu machen eine andere. Eine Vielzahl von Arbeitskreisen auf regionaler und auch lokaler Ebene wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland ins Leben gerufen, um die Forschungsergebnisse auszuwerten und zu diskutieren. Die Betreuer von Jugendgruppen und andere Verantwortliche konnten so für ihre spezifischen Zusammenhänge von den Impulsen aus der Wissenschaft profitieren. Zudem wurden die Fragebögen der Erhebung so bearbeitet, dass sie auch von Laien anderer Jugendverbände angewendet werden können. Jeder Sportverein, jeder Jugendchor soll auf diese Weise in die Lage versetzt werden, den Blickwinkel seiner jugendlichen Mitglieder im Kleinen zu untersuchen.

Noch sind die Vorstellungen von Jugendarbeit in Deutschland häufig unscharf und mit Klischees belastet. „Es gibt von der kirchlichen Jugend so ein Außenbild: Das sind Leute, die treffen sich, trinken Tee und machen den ganzen Tag Bibelarbeit“, beklagt der 21-jährige Ferenc aus Berlin. Mit der Realität der Evangelischen Jugend hat das nicht viel zu tun. „Da passiert viel mehr an Leben, an Kommunikation! Und das muss auf jeden Fall nach außen getragen werden!“

Mehr im Internet:

www.fu-berlin.de/

jugendverbandsarbeit

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