Zeitung Heute : Hier spielt die Musik

Nicht nur während der Popkomm ist Berlin Musikmetropole. Wie man den Einstieg in die Branche schafft

Judith Jenner

Man muss weder Gitarre spielen können, noch aussehen wie Robbie Williams. Wer für ein Plattenlabel, bei einem Musiksender oder in einem Tonstudio arbeiten will, muss organisieren können, nicht musizieren.

Für den Einstieg in die Branche bietet die zweite Berliner Popkomm die Chance, erste Kontakte zu knüpfen. Mehr als 700 Aussteller sind vom 14. bis zum 16. September in den Messehallen am Funkturm zu Gast. 15000 Fachbesucher zog die Popkomm im vergangenen Jahr an. „Berlin ist eine der wichtigsten Musikstädte in Deutschland“, sagt Hartmut Spiesecke, Sprecher der Deutschen Phonoverbände. So war es vor zwei Jahren der Wunsch der Branche, die Messe von Köln nach Berlin zu verlagern. Universal, MTV und mit ihnen zahlreiche kleinere Dienstleister zogen an die Spree. Laut dem Kulturwirtschaftsreport des Senats arbeiteten 2002 fast 10000 Angestellte und Freiberufler in der Berliner Musikbranche.

„Wir haben harte Jahre hinter uns mit Umsatzeinbrüchen, die vor allem durch illegale Raubkopien entstanden sind. Inzwischen ist die Talsohle durchschritten“, sagt Spiesecke. Das bedeute nicht, dass neue Jobs entstehen. „Aber die großen Plattenfirmen müssen zumindest keine Leute mehr entlassen.“

„Die Dynamik geht von den kleinen und mittleren Plattenfirmen aus, die gerade in Berlin im Elektronik-Bereich sehr innovativ sind“, sagt Atilano González Pérez, Sprecher der Label Commission, einem Zusammenschluss Berliner Independent-Labels. „Sie sind auch wesentlich beweglicher, wenn es darum geht, auf Trends zu reagieren.“ Hinzu kommen die lebendige Clubkultur, zahlreiche Musikfestivals, vielfältige Ausbildungsangebote und gute Produktionsbedingungen. Ob durch den Zuzug der großen Musikfirmen nach Berlin tatsächlich neue Arbeitsplätze entstanden sind, bezweifelt Atilano González Pérez. MTV nahm 2004 beim Umzug nach Berlin beispielsweise 80 Prozent der Münchner Belegschaft mit. „Durch die natürliche Fluktuation werden aber immer wieder Stellen frei“, sagt Hartmut Spiesecke.

Viele Musik-Berufe setzen keinen festgelegten Ausbildungsweg voraus. Die Szene lebt von Quereinsteigern. „Besonders im Bereich der Talentsuche ist ein guter Riecher wichtiger als eine abgeschlossene Ausbildung“, sagt Spiesecke. Eine Artist and Repertoire-Manager (A&R) muss wissen, welche Musik morgen „in“ ist und danach die Band aussuchen, die einen Plattenvertrag bekommt. „Visionen, gute Kontakte und kaufmännisches Denken sind dabei gleichermaßen gefragt“, sagt Ursula Freudenthal, Personalchefin bei Warner Music. Wie viel Berufseinsteiger bei Warner verdienen, verrät sie nicht, das sei Verhandlungssache. Generell kommen Musikmanager auf ein Einstiegsgehalt von 2500 bis 2800 Euro im Monat, erfahrene Profis nehmen bis zu 7500 Euro mit nach Hause.

Neue Jobs entstehen besonders in den New Media Departments, also zum Beispiel in der Online-Vermarktung von Musik. „Hier ist eine IT-Ausbildung ebenso wichtig wie kaufmännisches Wissen“, sagt Spiesecke.

Der Konzertbranche hat die Musik aus dem Internet nicht geschadet. „Die Live-Branche gehört zu den Gewinnern des Strukturwandels, da das Publikum nach wie vor bereit ist, sich auf Musik als ganzheitliches Erlebnis einzulassen“, sagt Constanze Althoff, die zur Popkomm einen Kongress zum Thema organisiert. Aber der Wettbewerb ist hart, weiß Mary Rademacher von Loft Concerts. Die Berliner Agentur hat in letzter Zeit Konkurrenz von überregionalen Veranstaltern bekommen, die ihre Zentren nach Berlin verlagern. „Waren früher vor allem Quereinsteiger in diesem Bereich tätig, hat heute fast jede Agentur einen Azubi zum Veranstaltungskaufmann“, sagt sie. Organisationstalent sei die wichtigste Eigenschaft des Eventmanagers. Man müsse einschätzen können, wie groß ein Act anzusetzen ist, um das Konzert entsprechend zu organisieren.

Von den schwierigen Bedingungen im Musikgeschäft lässt sich der Nachwuchs nicht abschrecken. „Die Musikbranche und ihre Stars bestimmen das Leben junger Menschen“, sagt Marie-Blanche Stössinger, Pressereferentin bei MTV. „Viele sehen das Musikfernsehen als stilprägend und möchten es gerne mit gestalten.“ Etwa 260 Mitarbeiter, Volontäre und Praktikanten beschäftigt MTV Networks zurzeit in Berlin. Offene Stellen gibt es momentan zum Beispiel für Producer bei dem Kindersender NICK, der am 12. September startet.

Die angespannte Jobsituation veranlasst viele Musikbegeisterte dazu, sich selbstständig zu machen. Der Musiker Daniel Meteo betreibt seit fünf Jahren das Dub-Elektronik-Label Meteosound. „Damals gab es einen Boom“, sagt er. „Heute machen sich Leute eher aus Verzweiflung selbstständig.“ Künstler gründen eigene Labels, Dienstleister arbeiten freiberuflich für die großen Studios.

So wie Silva Imken. Als Promoterin sorgt sie dafür, dass Medien über 2Raumwohnung, Melanie C oder DJ Bobo berichten. „Ich muss überzeugende Argumente für das Produkt sammeln, um es den Journalisten schmackhaft zu machen“, sagt sie. „Das ist wichtiger als eine Leidenschaft für die Musik. Im Gegenteil: Das kann sogar hinderlich sein.“ Imkens Arbeitsalltag besteht unter anderem darin, Pressetexte zu schreiben und Künstler zu Interviews zu begleiten. Die Aufträge bekommt sie unter anderem von ihrem früheren Arbeitgeber BMG, bei dem sie jahrelang Erfahrung sammelte. „Der Job lebt von den Kontakten. Daher würde ich die Selbstständigkeit nicht als Berufseinstieg empfehlen.“

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