Zeitung Heute : „Hier wird der Wille zur Freiheit fassbar“

Bundeswehroffizier Martin Baur über Ehre und die Bedeutung Stauffenbergs als Vorbild für die Truppe

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Vor 60 Jahren wagten Wehrmachtsoffiziere ein Attentat auf Adolf Hitler. Wie verhält sich die Bundeswehr zum 20. Juli, Herr Baur?

Herr Baur, der 20. Juli 1944 ist zum Symbol des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus geworden. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter gelten als Vorbilder, das Attentat als Aufstand des Gewissens. War das auch in der Bundeswehr immer so?

In der Anfangszeit der Bundeswehr war der 20. Juli sicherlich nicht unumstritten. Direkt nach dem Krieg gab es um die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere und ihre Übernahme in die Bundeswehr heftige Debatten. Aber mit der Einsetzung des unabhängigen Personalgutachterausschusses wurde 1955 ein deutliches Signal an die Öffentlichkeit gesandt.

Wieso?

Der Ausschuss, dem auch drei Überlebende des 20. Juli angehörten, nannte in seinen Richtlinien als einziges konkretes Kriterium, dass jeder Wehrmachtsoffizier, der in die Bundeswehr übernommen werden wollte, die Motive der Männer um Stauffenberg anerkennen musste. Das lässt zudem vermuten, dass potenzielle Bewerber für die Bundeswehr, die für die Attentäter nur Verachtung übrig hatten, abgeschreckt wurden. Innerhalb des 38-köpfigen Gutachterausschusses bestand völlige Übereinstimmung, dass der 20. Juli als wichtiges Erbe auch in die Bundeswehr hineingetragen werde sollte.

Wie haben untere Dienstränge und einfache Soldaten den 20. Juli 1944 beurteilt?

Dazu gibt es nur wenig Material. Die Aussagen, die ich gefunden habe, variierten in der Beurteilung stark. Bei denen, die sich distanziert äußerten, fehlte das Verständnis für den Hintergrund der Tat. Allerdings muss man berücksichtigen, dass direkt nach dem 20. Juli nicht nur der Großteil der deutschen Bevölkerung, sondern auch die große Masse aller Offiziere das Attentat ablehnte. Nach dem Krieg wurde von den Offizieren gefordert, diese Meinung zu revidieren. Aus heutiger Sicht muss man sagen, das haben beachtlich viele geschafft.

Glaubwürdig geschafft?

Ja, ich habe dafür zeitgenössische Belege aus den 50er Jahren. Die Offiziere legten nicht nur Lippenbekenntnisse ab. Im Vergleich zum Beispiel zur Justiz oder den Universitäten wurde bei der Bundeswehr stark aussortiert.

Welche Rolle spielen die Männer um die Widerstandsgruppe heute in der Ausbildung der Offiziere?

Das Thema 20. Juli ist nicht mehr so aktuell wie in den 50er Jahren. Das hängt sicherlich mit dem zeitlichen Abstand zusammen, zum anderen dient auch kein Soldat mehr in der Bundeswehr, der persönlich mit diesem Ereignis konfrontiert war. Damals hat es an den Wurzeln des soldatischen Selbstverständnisses lichterloh gebrannt, wenn in der Bundeswehr über dieses Thema diskutiert wurde. Während meiner Ausbildung an der Offiziersschule wurde dem 20. Juli aber durchaus Raum gegeben. Allerdings würde ich persönlich mir wünschen, dass in der Truppe noch intensiver auf dieses Thema eingegangen wird – besonders auch mit Wehrpflichtigen. Denn hier wird eine Wurzel der inneren Führung – nämlich der unbedingte Wille zu aufrechter Freiheit – greifbar, lebbar und menschlich fassbar. Damit könnte dieser sperrige Begriff der inneren Führung lebensnäher und somit verständlicher gemacht werden.

Es ist unwahrscheinlich, dass Sie je vor eine Entscheidung wie Stauffenberg gestellt werden. Gibt es etwas, das Sie als junger Offizier aus den Ereignissen des 20. Juli ziehen?

Wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, kommt man unwillkürlich zu der Frage des eigenen Gewissens – im Hinblick darauf, was ich als militärischer Vorgesetzter mache oder befehle oder eben gerade nicht. Und darüber hinaus stellt sich die Frage: Worin gründet sich mein Gewissen? Gibt es ein ethisches Fundament oder sogar eine spirituelle oder religiöse Basis? Für mich ist es das eigentlich Faszinierende, dass die Männer des 20. Juli ihre Kraft und Motivation vorwiegend aus dem christlichen Glauben gezogen haben. Mir als Offizier, der Verantwortung für Menschen trägt und den Einsatz von Waffen, gibt dies ein beruhigendes Gefühl. Insofern liegt im Erbe des 20. Juli für mich folgende grundlegende und befreiende Wahrheit: Der Mensch ist nicht dazu verdammt, sich selbst das Maß aller Dinge zu sein.

Tobias Baur (31) ist Hauptmann der Bundeswehr und arbeitet als Prüfoffizier am Zentrum für Nachwuchsgewinnung in München. Er promoviert zurzeit über das Thema „Vergleich zwischen ziviler und militärischer Rezeption des 20. Juli 1944 in der Nachkriegszeit“.

Das Gespräch führte Sven Lemkemeyer.

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