Zeitung Heute : Hier wohnt der Terror

Der Anstifter zum Van-Gogh-Mord lebte in Deutschland – und fiel dort auf

Frank Jansen

Der Fall erscheint fast wie ein Paradebeispiel der Sicherheitslücken, durch die Terrorverdächtige schlüpfen können. Reduan al Issar nennt sich der Mann Anfang 40, den die holländischen Behörden für einen möglichen Drahtzieher des Mordes am Filmemacher Theo van Gogh halten – und der jahrelang in Deutschland trotz dubioser Aktivitäten geduldet werden musste. Schon der Name ist unklar, vielleicht heißt Reduan al Issar auch Abu Khaled. Inzwischen ist er verschwunden. Und plant womöglich irgendwo in Deutschland oder in einem anderen europäischen Staat einen Anschlag.

Reduan al Issar soll auf Initiative der holländischen Sicherheitsbehörden mit internationalem Haftbefehl gesucht werden. Generalbundesanwalt Kay Nehm und das Bundeskriminalamt haben am Montag einen „Beobachtungsvorgang“ eingeleitet, aber kein Ermittlungsverfahren. Erkenntnisse, dass der Mord an Theo van Gogh von Deutschland aus geplant worden sei, gebe es nicht, heißt es in Sicherheitskreisen. Was es aber gibt, ist eine Geschichte über die Hilflosigkeit deutscher Behörden im Umgang mit einem Mann, der als Kleinkrimineller auffiel und insgesamt eine undurchsichtige Existenz darstellt.

Im Dezember 1994 reiste al Issar in Deutschland ein, allein und ohne Papiere. Er stellte einen Antrag auf Gewährung von Asyl. Al Issar sagte, er sei Syrer und aus seiner Heimat vor politischer Verfolgung geflohen. Der Mann kam in Olsberg im Hochsauerlandkreis in eine Unterkunft für Flüchtlinge. Der Asylantrag wurde bereits im April 1995 abgelehnt, doch al Issar klagte. Aber auch das Verwaltungsgericht Arnsberg entschied gegen den Mann. Das war 1997. Al Issar konnte dennoch in Deutschland bleiben, da die syrische Botschaft keine Passersatzpapiere ausstellte. Den syrischen Diplomaten war offenbar unklar, ob al Issar überhaupt ein Landsmann ist.

So erhielt al Issar in Deutschland eine Duldung. Obwohl ihn Ausländerbehörde und Polizei vermutlich gern losgeworden wären – al Issar fiel nämlich 1996 auf, als er von einer Reise in die Niederlande mit Haschisch zurückkam. Doch ein Ermittlungsverfahren endete ohne Verurteilung. Im Sommer 1998 war al Issar plötzlich weg. Fünf Jahre später stand er dann in Holland vor Gericht, zusammen mit vier Islamisten. Laut Anklage hatte die Gruppe einen Anschlag auf jüdische Einrichtungen geplant. Al Issar wurde freigesprochen und im November 2003 nach Deutschland zurückgebracht.

Er landete wieder im Flüchtlingsheim in Olsberg. Die Ausländerbehörde fragte al Issar, was er seit 1998 gemacht habe. „Die Antwort waren nur belanglose Sachen“, erinnert sich eine Beamtin. Al Issar stellte einen Asylfolgeantrag, der abgelehnt wurde. Ebenfalls 2003 leitete die Staatsanwaltschaft ein zweites Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Drogenhandel ein. Nach mehreren Monaten wurde al Issar zur Fahndung ausgeschrieben. Bevor die Polizei ihn festnehmen konnte, setzte sich al Issar im Frühjahr 2004 ab. „Das ist alles so frustrierend“, sagt die Beamtin der Ausländerbehörde. Aber der Fall sei „das Übliche“.

Ob die Sicherheitsbehörden al Issar im Blick hatten, als er nach dem Terrorverfahren aus Holland abgeschoben wurde, ist unklar. Bei der Ausländerbehörde im Hochsauerlandkreis musste sich al Issar alle drei Wochen melden. Was er in der Zwischenzeit trieb, bleibt offen.

Nach Informationen des Magazins „Stern“ soll al Issar Mitglied der mit Al Qaida verbündeten, militanten Islamistenbewegung Takfir wa’l Hijra sein. Die niederländische Polizei hält den Mann für sehr gefährlich und sagt, er habe eine Zeit lang mit Mohammed Bouyeri zusammengewohnt, dem mutmaßlichen Mörder van Goghs. Hollands Justizminister Piet Hein Donner nennt al Issar sogar den „spirituellen Führer“ des „Hofstad Netzwerks“, der mutmaßlichen Extremistengruppe um Bouyeri. Das Netzwerk hatte laut Donner Kontakt zu den Attentätern von Casablanca und wurde seit 2002 beobachtet. Fraglich bleibt, ob die Niederländer dies den deutschen Behörden mitgeteilt haben. Wenn ja, müsste erst recht geklärt werden, ob al Issar auch in Deutschland beobachtet wurde – und wieso er im Frühjahr 2004 untertauchen konnte.

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