Zeitung Heute : Hiersein, Dasein, Wegsein – noch am Boden heben Passagiere mit Kunst ab

Der Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ rückt nicht nur technisch und baulich in eine neue Dimension vor, sondern auch kulturell. Zum ersten Mal wird hier in Deutschland eine Kunst am Bau realisiert, die mit sechs internationalen Künstlern in sechs Kapiteln eine komplette Geschichte zum Thema „Land – Luft“ erzählt.

Die Leitidee orientiert sich am Flughafen selbst, an seiner „Landseite“ vor dem Sicherheitsbereich und seiner „Luftseite“ dahinter. Dazwischen befindet sich als imaginäres rotes Band die Sicherheitszone, die einerseits von jedem Passagier physisch durchquert wird, andererseits auch ein virtuelles Tor zwischen zwei Welten darstellt – eine Grenze zwischen Ankunft und Abreise.

„Wir wollten keine repräsentativen Skulpturen aufstellen, sondern mit der Geschichte eine Kommunikation zwischen dem Fluggast und der Kunst erzeugen“, so Edzard Brahms, Koordinator für Kunst am Bau. Daher war es wichtig, Orte zu finden, an denen man die Besucher mit Kunst konfrontieren kann, wo sie bereit sind, sich damit zu befassen und sei es auch nur, um zu sagen: „Das finde ich doof.“

Letztendlich wurden sechs passende Orte ausfindig gemacht, darunter der Luftraum in der Check-in-Halle, wo die kalifornische Künstlerin Pae White ihren „Magic Carpet Ride“, einen riesigen, roten fliegenden Teppich, realisieren darf. Eine weitere baulich sehr aufwändige Arbeit ist „Gadget“ von Olaf Nicolai. Das Kunstwerk ist wie eine Perlenkette, die sich außen um die Fluggastbrücke des A380 schlingt und je nach Nutzung der Brücke leuchten wird. Daneben gibt es kleine, aber feine Orte der Kunst, wie den Flur hinter dem Security Check, der zum Marktplatz führt und durch den jeder Fluggast geht. Hier entsteht die „Open Sky Box“ von Takehito Koganezawa, eine raumhohe Lichtbox, die mal blau, mal weiß angeleuchtet wird und somit auf abstrakte Art die Reise vorwegnimmt.

Dagegen wird es am Austritt des Ankunftsbereichs den „Sternentalerhimmel“ des Künstlerduos Cisca Bogman und Oliver Störmer geben. Die Sternentaler sind Münzen aus aller Welt, die in den Boden eingelassen werden – fast verleiten sie einen dazu, sich nach ihnen zu bücken. Ein weiterer Ort für Kunst am Bau sind die beiden Treppenaufgänge vom unterirdischen BBI-Bahnhof in die Airportcity. Mit Sandstrahltechnik werden hier auf die Glasflächen der Seiten-, Decken- und Rückwände unterschiedliche Motive des Künstlers Matt Muligan aufgebracht. Es geht dem Wahlberliner dabei um Themen wie „Reisen und Fliegen“ und „Berlin und Brandenburg“.

Das sechste Kapitel öffnet sich in einem virtuellen Raum. „Gate X“ des Film- und Videomachers Bjoern Melhus ist eine Smartphone-Applikation für die Wartezone. Hier kann der Betrachter mithilfe seines Handys die Realität im Flughafen um eine Dimension auf dem Bildschirm erweitern und so der Geschichte der computergenerierten Normfamilie aus den Flugzeug-Sicherheitsvideos folgen. „Eine schöne Beschäftigung für den Wartebereich und zugleich eine intensive Auseinandersetzung mit Kunst“, sagt Brahms. So schließt sich der Kreis zwischen Land und Luft. Tong-Jin Smith

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