Zeitung Heute : High sein, dabei sein

HAUAus dem Roman „Unendlicher Spaß“ wird ein 24-Stunden-Theatertrip. Ein Dutzend Künstler lädt zum Performance-Parcours durch den alten Westen.

PATRICK WILDERMANN

Das Buch hat über 1500 Seiten und ist in jeder Hinsicht eine großartige Zumutung. „Man kann es nur in einigermaßen ausgeruhtem Zustand lesen“, sagt Matthias Lilienthal, aber selbst dann verliere man inmitten der wild wuchernden Bandwurmsätze und Handlungsstränge den Überblick. Die Rede ist von dem Roman „Unendlicher Spaß“ des amerikanischen Literaturgenies David Foster Wallace, der sich 2008 nach einem langen Taumel zwischen Schaffensdrang und Depression das Leben nahm. Sein Opus magnum wird kultisch verehrt und detailbesessen gedeutet. Wovon es handelt? „Das ist es ja gerade“, lacht der argentinische Regisseur Mariano Pensotti: „Von allem, eigentlich.“ Unter anderem von Tennis, Drogenabhängigkeit und einem fiktiven Unabhängigkeitskampf um Québec.

Als großes Abschiedsprojekt vom HAU will der scheidende Leiter Matthias Lilienthal aus diesem Sucht-Stoff Theater machen. Ein Dutzend dem Haus verbundene Künstler und Gruppen bastelt an einem Performance-Parcours, der 24 Stunden dauern wird und dennoch weit davon entfernt ist, Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Arbeitsgrundlage ist ein Romanexzerpt von 300 Seiten. „Wir versuchen, die Überforderung spürbar zu machen“, beschreibt Lilienthal diese lange Reise durch Tag und Nacht, die auch als gesplittete Zwölf-Stunden-Version buchbar ist. In seinen neun Jahren am HAU sei eine Performancekultur zur Blüte gelangt, sagt Lilienthal, mit der er jetzt noch einmal an einen literarischen Text anknüpfen wolle. Und gleichzeitig würden die narrativen Elemente systematisch torpediert, indem der Parcours den Fokus „auf die postutopische West-Berliner Architektur der 80er Jahre“ lenke.

Den Ausgang nimmt „Unendlicher Spaß“ im Grunewald, im Tennisclub „Rot-Weiß e. V.“ am Hundekehlsee. Der repräsentiert die Enfield Tennis Academy, die im Buch eine Hauptrolle spielt. Regisseur Mariano Pensotti werkelt hier an Szenen, die um den Akademiegründer und Filmemacher James Incandenza kreisen, dessen Sohn Hal der zweitbeste Spieler in Enfield ist. „Tennis“, sagt Pensotti, „steht bei Wallace für Erfolg und Talent, zwei zentrale Motive des Romans.“ Das zum Club gehörige Steffi-Graf-Stadion, das mit seinen ausfahrbaren Seitentribünen 7000 Plätze bietet, sei selbst „eine schöne Metapher“, lächelt Lilienthal: zu Hoch-Zeiten der Tennisbegeisterung konzipiert. Und fertiggestellt, als der Hype längst wieder vorbei war.

Die abseitigen West-Berliner Orte, denen vormals futuristische Ideen eingeschrieben waren und die heute einen überlebten Charme atmen, faszinieren auch Anna-Sophie Mahler. Die Künstlerin, die eng mit Christoph Schlingensief zusammengearbeitet hat, inszeniert zwei Szenen. Die erste spielt im Haus des Rundfunks an der Masurenallee, wo in einem kleinen Tonstudio die mitternächtliche Sendung der sagenumwobenen Madame Psychosis über den Äther gehen wird. Die zweite Szene ist im märkischen Viertel angesiedelt: im Fontane-Haus betreibt der glühende Amerika-Verehrer Frank Lange einen Western-Saloon, inklusive der „größten Jack-Daniel’s-Bar von Berlin“. Der perfekte Raum, um mit einem Alleinunterhalter das Wallace-Motiv des allgegenwärtigen Entertainments aufzugreifen.

Eine Mehrheit des Romanpersonals, erzählt der amerikanische Choreograf Jeremy Wade, habe Alkohol- oder Drogenprobleme. Entsprechend ist seine Passage von einem Meeting der Anonymen Alkoholiker inspiriert. Rausch und Konsum – auch das zentrale Metaphern. Wade hat „Unendlicher Spaß“ gleich nach Erscheinen 1996 in den USA verschlungen, die Lektüre, findet er, sei wie das Studium einer dunklen Magie. Jeder der beteiligten Künstler, schließt der Choreograf, habe seine ganz eigene Erfahrung mit diesem Roman-Monstrum gemacht. „Jetzt speien wir sie zusammen wieder aus in diesem 24-Stunden-Event.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 2.6., 10 Uhr

Vorstellungen bis 27.6.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!