Zeitung Heute : Hightech fürs Ohr

Moderne Hörgeräte werden immer kleiner. Doch ihr Leistungsspektrum wächst

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Gut hinhören – manchmal ist das leichter gesagt als getan. Denn rund 15 Millionen Menschen in Deutschland haben einen mehr oder weniger gravierenden Hörschaden, schätzt das Grüne Kreuz. Allerdings dürften sich viele dieser Tatsache gar nicht bewusst sein: Der Hörverlust tritt in der Regel schleichend und zunächst oft nur in bestimmten Frequenzbereichen auf. Die Folge: Eigentlich hört man subjektiv noch alles. Nur mit dem Verstehen hapert es – vor allem dann, wenn es um Nuancen geht oder wenn Lärm in der Umgebung das Hinhören zusätzlich erschwert.

Ein Hörgerät tragen aber nur rund 2,5 Millionen Deutsche. Zwar muss nicht jede leichte Störung sofort technisch kompensiert werden. Bei vielen dürfte aber auch das Image der Geräte eine Rolle spielen: Klobig und fleischfarben hatte man sie bei älteren Verwandten früher in Erinnerung. Doch das hat sich geändert: Von einer regelrechten Revolution spricht Martin Kinkel, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung beim Hersteller und Vertreiber Kind Hörgeräte, wenn es um den Einzug der Digitaltechnik in den Bereich der Hörhilfen geht. Moderne Geräte bieten die Möglichkeit, die Hörverstärkung in bis zu 15 getrennten Frequenzbereichen individuell auf die Probleme und Vorlieben ihres Trägers abzustimmen – in etwa so wie beim Equalizer einer guten StereoAnlage. Teils besteht sogar die Möglichkeit, unterschiedliche Programme für laute und leise Umgebungen zu erstellen – selbst spezielle Einstellungen zum Beispiel zum Musikhören sind möglich.

Auch in Sachen Design hat sich einiges getan: Die modernen Geräte sind kleiner und eleganter geworden. So sehr, dass einige Hersteller in ihren Prospekten schon versuchen, die Hörhilfen in der Nähe von Lifestyle-Produkten wie dem digitalen Apple-Walkman iPod zu positionieren. Das dürfte zwar ein wenig übertrieben sein – auf dem letzten Hörgeräte-Akustiker-Kongress, der Ende Oktober in Frankfurt stattfand, konnte der Hersteller GNResound aber immerhin sein „Air“-System präsentieren, das vom Designzentrum NRW mit dessen „reddot“-Preis ausgezeichnet wurde. Tatsächlich wirkt das System mehr wie ein Headset fürs Handy oder wie ein mp3-Player, als wie ein Hörgerät alter Schule.

Phonak dagegen präsentierte mit dem SmartLink SX das erste System, an das sich Mobiltelefone mittels des digitalen Funkstandards Bluetooth anschließen lassen. So kann das Handy auf dem Schreibtisch oder in der Tasche Verbindung aufnehmen mit einer Einheit, die gleichzeitig als Fernsteuerung und Mikrophon dient. Von dort aus erfolgt die weitere Übertragung via Funk.

„Technologisch gesehen ist die Entwicklung eines Hörgeräts um einiges komplizierter als die eines Handys“, skizziert Kinkel die Probleme. Denn im Hörgerät steckt in der Regel eine 1-Volt-Knopfzelle, die um die zehn Tage halten sollte – alles andere würde zu viel Platz wegnehmen. Vieles von dem, was es in anderen Bereichen der Unterhaltungselektronik schon gibt, kann daher aus Gründen des Stromverbrauchs nicht einfach übernommen werden.

Zwar gab es auch vor der Bluetooth-Hörhilfe schon Möglichkeiten, Telefone und Hörgeräte miteinander in Kontakt zu bringen. Doch basierten diese auf analoger Technik und waren deutlich empfindlicher gegen elektromagnetische Störungen, wie etwa die Einstreuungen von Neonröhren. Andere Geräte, wie Walkmen oder mp3-Player, lassen sich an das SmartLink, wie auch an die Hörhilfen der meisten anderen Hersteller, ganz konventionell mittels Kabel anschließen, wenn spezielle „Audioschuhe“, an die Geräte angesteckt sind. Die neuen Hörhilfen haben allerdings einen Haken: den Preis. Rund 2300 Euro beträgt zum Beispiel die unverbindliche Preisempfehlung für ein Komplettsystem rund um das SmartLink SX. Die Kasse zahlt solche Beträge in der Regel nur für Kinder unter 18 Jahren. Für Erwachsene liegt die Zuzahlung lediglich bei Beträgen zwischen 300 und 500 Euro – eine Summe, die neben dem reinen Gerät auch die Anpassung und den Service für fünf Jahre abdecken muss.

Zwar wird diese Praxis schon seit längerem von den Schwerhörigen- und Gehörlosenverbänden angeprangert und selbst das Bundesverfassungsgericht forderte die Kassen dazu auf, ihre Festbeträge den Marktpreisen anzupassen – passiert ist angesichts knapper Kassen jedoch nichts.

„Laut machen können alle“, kommentiert Kinkel. „Die Herausforderung liegt darin, auch einen guten Klang zu erreichen.“ So verfügen die etwas besseren Geräte zum Beispiel auch über Möglichkeiten, Hintergrundlärm zu minimieren oder die Wahrnehmung der eigenen Stimme via Hörhilfe so zu verbessern, dass diese nicht mehr als dumpf und flach empfunden wird. Auch Zusammenschaltungen mehrerer gleichartiger Geräte sind möglich – eine Eigenschaft, die etwa dort Sinn hat, wo mehrere ältere Menschen zusammenkommen. In Verbindung mit einem externen Mikrophon hilft diese Technik, hörbehinderten Kindern die Teilnahme am Schulunterricht zu erleichtern.

Immer wichtiger wird angesichts der Vielfalt die Arbeit des Hörgeräte-Akustikers. Denn er muss nicht nur die individuell angefertigten Ohrstücke anpassen – auch die vielen Einstellmöglichkeiten wollen so konfiguriert werden, dass der Nutzer möglichst viel davon hat. In manchen Situationen sind Träger von Hörhilfen ihren „natürlich“ hörenden Mitmenschen sogar heute schon überlegen: Drückt ein Hörbehinderter seinem Gesprächspartner etwa ein Mikrophon in die Hand und nutzt die Funktionen seines Gerätes, um andere Geräusche zu unterdrücken, so kann er in lauten Lokalen oder auf Parties oftmals mehr verstehen als jemand, der nur auf seine Ohren angewiesen ist.

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