Zeitung Heute : Hightech-Nation: Die Farbe des Erfolgs ist meist olivgrün

Ralf Balke

Jaffa-Orangen prägen schon lange nicht mehr das Bild der israelischen Wirtschaft. Heute zählt Israel zu den führenden Hightech-Nationen der Welt. Der Gründerboom der vergangenen Jahre hat viele Väter.

"Früher war es der Traum einer jeden jiddischen Mamme, dass ihr Sprössling einmal ein berühmter Arzt oder Rechtsanwalt wird - heute reißt sie sich beide Beine aus, damit er Gründer eines Hightech Startups wird und seinen Laden an die Börse bringt", lästert Chaim Kapone aus Tel Aviv. Der 47-jährige PR-Fachmann muss es wissen, berät er doch schon seit über zehn Jahren Unternehmen aus der Hightech-Branche. "Das Land hat in den letzten Jahren ein neues Idol hervorgebracht: den Manager eines erfolgreichen Hightech Startups". Und jüngst sorgte der Fall des 25-jährigen Israeli Tomer Karissi für Schlagzeilen: Nach langem Hickhack genehmigte im April dieses Jahres das Innenministerium in Jerusalem den Antrag des Computerspezialisten, sich fortan ".Com" nennen zu dürfen. "Ein Familienname ist in meinen Augen nur ein archäologisches Überbleibsel", so Tomer.Com. Er ist somit der erste Mensch, der seinen Namen offiziell in eine Website-Adresse geändert hat.

Kein Zweifel, Israel befindet sich im Hightech-Fieber. In den 90er Jahren entwickelte sich das kleine Land zur Supermacht in Sachen Telekommunikation. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Rund 15 Prozent aller Neuentwicklungen in diesem Bereich stammen aus Israel. Rund 3000 bis 4000 Startups sind in diesem Zeitraum zwischen Jordan und Mittelmeer aus dem Boden geschossen. Die genaue Zahl kennt eigentlich niemand, denn vielen dieser oft sehr kleinen Firmen ist nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Während die israelische Gesamtwirtschaft in den vergangenen drei Jahren ein durchschnittliches Wachstum von knapp zwei Prozent verzeichnete, legte der Hightech-Sektor jährlich um 15 bis 20 Prozent zu. Kurzum, Israel durchlebte einen Strukturwandel ohnegleichen und ist dank seiner quirligen Gründerszene heute eine 100 Milliarden Dollar schwere Industrienation.

Der Hightech-Boom im "Silicon Wadi", dem Dreieck zwischen Tel Aviv, Herzlya Pituach und Jerusalem, hat viele Ursachen: Zum einen sind es weltpolitische Ereignisse wie der Kollaps der Sowjetunion, der dem kleinen Land einen Input von rund 900 000 zumeist hoch qualifizierten Arbeitskräften bescherte. Mit 135 Ingenieuren auf 10 000 Arbeitnehmer belegt Israel weltweit den ersten Platz. Und trotzdem herrscht Fachkräftemangel.

Aber auch die spezifische Situation Israels erklärt einiges. Die jahrzehntelange Isolation des Landes hat ein gewisses Faible für alles entstehen lassen, was eine rasche und billige Kommunikation mit dem Rest der Welt ermöglicht. So ist beispielsweise die Echtzeit-Sprachübermittlung via Internet - vulgo Internet-Telefonie - eine israelische Domäne. Dass moderne Kommunikationsmittel in Israel so etwas wie ein nationales Hobby sind, merkt jeder Besucher nach wenigen Stunden. Rund 2,6 Millionen Handy-Besitzer gibt es, das ist fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Und die machen reichlich Gebrauch davon. Wen wundert es, dass es wiederum ein israelisches Unternehmen war, dass die klingelnden Störenfriede zum Schweigen bringt. Netline Technologies entwickelte ein Verfahren, das durch die Schaffung künstlicher Funklöcher Handys in einem bestimmten Umkreis lahmlegt.

Topleute aus der Armee

Die Farbe des Erfolges ist aber häufig olivgrün. Fast immer ist das Militär Sprungbrett für eine Karriere in der Hightech-Industrie. Die einzigartige, in der Armee antrainierte Improvisationsgabe und enge Kontakte unter den Hightech-Soldaten bilden sozusagen den Nährboden, auf dem so mancher Startup heranwuchs. Wer etwa in "Mamram" diente, dem elektronischen Braintrust des Militärs, kann sofort von der Uniform in den Business-Dress wechseln. Fast alle Topleute kennen sich aus der Armee und bilden ein Netzwerk, das an die Old Boys Networks amerikanischer Universitäten erinnert. Viele Erfindungen und Produkte tragen daher oft auch die Handschrift des Militärs. Kein Wunder also, dass Firmen wie Aladdin-Knowledge-System oder Check-Point-Software weltweit den Ruf haben, Spitzenprodukte in Sachen "Firewall-Business", Schutzsystemen für Unternehmen-Intranets, herzustellen. Sicherheit made in Israel verkauft sich immer gut.

"Erfolgreich Nischen zu entdecken und ein wenig Chuzpe, das sind vielleicht die wesentlichen Teile unseres Erfolgsrezeptes", erklärt Dani Atoun, Sales und Marketing Manager bei M. T. R. E, einem Meditech-Startup, das ein neuartiges Thermoregulierungssystem entwickelt hat, mit dessen Hilfe die Körpertemperatur bei chirurgischen Eingriffen gezielt gesteuert werden kann. Den Dotcoms folgen nun die Startups in den Bereichen Meditech und Biotech.

Doch kreatives Chaos und gute Ideen sind nicht alles. Gezielt hilft der Staat seinen Existenzgründern auf die Beine: Ein exzellentes Forschungsumfeld sorgt für optimale Rahmenbedingungen. Das Weizmann-Institut in Rehovot etwa, das im Februar 2000 seinen 50. Geburtstag feierte, ist mehr als nur eine rein akademische Einrichtung. Zum einen wird hier intensive Grundlagenforschung auf höchstem Niveau betrieben, zum anderen gibt es eine Ausrichtung auf sehr produktnahe Forschung. Rund 2500 Wissenschaftler und Studenten arbeiten hier an mehr als 1000 Projekten. Durch kommerzielle Erfolge und Lizenzeinnahmen trägt sich das Weizmann-Institut zum großen Teile selbst und ist nur mit knapp 50 Prozent vom Staatssäckel abhängig.

Eine Spezialität Israels sind die sogenannten Inkubatoren. Seit 1984 existieren diese "Brutkästen" für innovative Ideen. 26 solcher Existenzgründer-Einrichtungen gibt es mittlerweile, finanziert werden sie von der öffentlichen Hand. Das System funktioniert so: Wer ein Projekt vorschlägt, das Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg und kommerzielle Verwertbarkeit hat, wird zwei Jahre lang gefördert. Von erfahrenen Managern erhalten die potenziellen Gründer ferner Hilfestellung in Sachen Marketing, traditionell nicht unbedingt eine der Stärken israelischer Startups. Rund 52 Prozent aller Projekte, die das Licht in einem der Inkubatoren erblickt haben, können aus eigener Kraft am Markt bestehen. Israel ist mit sechs Millionen Einwohnern ein kleiner Markt. Es gibt nicht genug Kunden und wenig Kapital. Fast wöchentlich drängen daher innovative Unternehmen auf die internationalen Märkte. Über 130 von ihnen werden an der "Nasdaq" in New York gehandelt. Auch auf dem Neuen Markt in Frankfurt buhlen mehr als zehn Unternehmen um die Gunst der Investoren.

Zu viele Startups?

Hat der Hightech-Gründerboom im Heiligen Land nun Substanz oder ist er nur ein Strohfeuer? Kritische Stimmen wie Nisso Cohen, der für das amerikanische Beratungsunternehmen IDC den Markt beobachtet, verkündeten gar schon den "Tod der israelischen Hightech-Industrie". Es gebe einfach viel zu viele Startups für so ein kleines Land wie Israel. Aber für weitaus gefährlicher halten Experten die Verlockung, durch Unternehmensverkäufe innovative Pro-duktideen schnell vergolden zu lassen. Den Anfang machte die Firma Mirabilis. Der Vater einer der vier Twens, die das Internet-Chat-Programm ICQ entwickelt haben, ist Yossi Vardi. Er wurde Geschäftsführer von Mirabilis und verkaufte das Unternehmen für 407 Millionen Dollar an den Online-Giganten AOL. Damit wurde ein Run auf israelische Hightech-Unternehmen ausgelöst.

Ebenfalls problematisch für die Zukunft: Viele israelische Firmen verlegen ihren Unternehmenssitz ins Ausland, überwiegend in die USA. In Israel selbst bleibt oft nur die Forschungsabteilung. Eine Kapitalgewinnsteuer von 50 Prozent sorgt für diesen Exodus über den großen Teich. Der Vorteil: In Zeiten politischer Unruhen lassen sich von New York aus problemloser Geschäfte machen als wenn man allzu deutlich als israelisches Unternehmen auftritt. Der Nachteil: Die Schwankungen der "Nasdaq" können viel Unheil unter den israelischen Hightech-Unternehmen anrichten.

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