Zeitung Heute : Hilfe auf dem Postweg

Wo sie auftauchen, ist die Lage ernst – sie müssen tapfer sein und brutal, weil andere versagt haben. Horst Piepenburg und Andreas Ringstmeier versuchen derzeit, die Pin Group zu retten. Falls sie damit scheitern, wird eine große Idee sterben: die vom Wettbewerb

Marc Neller

Als er am Morgen vor dem Spiegel stand, ein Mann Anfang fünfzig, weißhaarig, groß, wurde er plötzlich unsicher. Er überlegte einen Moment, entschied sich dann für den einfachen Anzug und zog den feinen Baumwollanzug wieder aus. Es schien ihm angemessener, Ausdruck seines Respekts vor denen, die er in Not stürzen würde. Wenn er schon sonst nichts mehr für sie tun konnte, dann wenigstens das.

Andreas Ringstmeier lenkt sein silbernes Sportcoupé über die A 44, sein Ziel ist Münster. Wo er auftaucht, ist die Lage ernst. Ringstmeier ist Spezialist für letzte Hilfe, Notarzt für todkranke Unternehmen. Dr. Andreas Ringstmeier, Insolvenzverwalter, Köln.

Der Post-Konkurrent Pin Group, ein verzweigtes Firmenkonstrukt aus rund 120 Einzelgesellschaften mit 11 500 Mitarbeitern hat Insolvenz angemeldet. Pin hatte die Idee, das Briefmonopol der Post in Deutschland zu brechen. Dann beschloss die Bundesregierung einen Mindestlohn für Briefzusteller, der Pin allein in diesem Jahr 35 bis 45 Millionen Euro zusätzlich kosten sollte. Zu viel für das junge Unternehmen. Es ist ein großer, schwieriger Fall, nur ein paar Anwaltskanzleien kamen in Frage. Das Amtsgericht Köln hat Ringstmeier bestellt.

Ringstmeier ist der Anwalt der Lieferanten, Kunden und Mitarbeiter, verantwortlich dafür, dass nichts wegkommt und dass die Gläubiger aus dem Restvermögen bekommen, was ihnen zusteht. Die Frage, vor der er jedes Mal steht, schließen oder sanieren, ist für Münster entschieden. Die Pin Mail Münsterland GmbH, 450 Mitarbeiter, ist eine der ersten Tochtergesellschaften, die abgewickelt werden, eine von vorerst 15, und es ist so gut wie sicher, dass weitere folgen. Daran ändert auch das Berliner Verwaltungsgerichtsurteil nichts, das den Mindestlohn am Freitag für nicht zulässig erklärte. Vorläufig.

In Münster wissen nur der Geschäftsführer und ein paar Menschen aus der Führungsriege, dass Ringstmeier kommt. Aber die Nachricht von den Schwierigkeiten ist schon zu den Kunden und Lieferanten durchgesickert. Andere Postdienstleister in der Gegend haben bereits die ersten Kunden abgeworben.

Ringstmeier versucht, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten; die Polizei fährt vor ihm auf der rechten Spur. Aber er hat keine Zeit. Er hat selten Zeit. Wenige Wochen, manchmal Tage entscheiden darüber, ob ein insolventes Unternehmen zu retten ist. Drei Monate lang zahlt die Bundesagentur für Arbeit den Arbeitern das Gehalt, es heißt dann Insolvenzgeld. Es kommt von allen Unternehmen, sie müssen eine Umlage auf ein Konto der Bundesagentur einbezahlen, das nur für diesen Zweck gedacht ist, im vergangenen Jahr 674 Millionen Euro.

Doch wenn die drei Monate um sind, muss eine Lösung gefunden sein, ein Investor, ein Käufer, der bereit ist, das Unternehmen zu retten. Für Münster hat sich niemand gefunden.

Für Bremen, Fulda, Kassel, Schwerin und andere auch nicht. Ringstmeier betreut jetzt gleichzeitig 36 Fälle, alles Pin-Firmen. Er hat Konten einzurichten, Inventar muss erfasst werden, dort, wo es zu spät ist, muss Mitarbeitern und müssen Mietverträge gekündigt werden und Büros geräumt.

Ringstmeier war mit seinen Gedanken schon im Weihnachtsurlaub, als an diesem Dezembertag gegen elf Uhr vormittags in seiner Kanzlei das Telefon ging. Es musste dringend sein, es war das Klingeln jener Leitung, deren Nummer nur sehr wenige Menschen kennen.

„Amtsgericht, Rottländer hier.“ Er kannte die Stimme. Die Richterin sagte, sie sitze mit den anderen Insolvenzrichtern des Gerichts beisammen, und „mit einem Kollegen, den Sie sicher kennen: Herrn Piepenburg“. Horst Piepenburg, Insolvenzspezialist, einer der prominentesten Krisenmanager im Land. Ringstmeier hatte gerade in der Zeitung gelesen, dass Piepenburg die Pin-Gruppe retten soll.

Ob er, Ringstmeier, sich der Sache annehmen werde, wenn sie ihn zum vorläufigen Verwalter bestellen würde?, fragte die Richterin. Ringstmeier hat große, komplizierte Fälle gemeistert wie den des Fotoartikelherstellers Agfa. Er musste nicht lange überlegen. Er rief seine Frau an. „Weihnachten fällt aus.“

Seither ist die Rettung des Postkonzerns Pin ein Fall für zwei. Piepenburg und Ringstmeier haben ein Interesse, Arbeitsplätze erhalten, aber sie haben unterschiedliche Ziele. Piepenburg will das beste für Pin, Ringstmeier das beste für die Gläubiger.

Horst Piepenburg ist der Geschäftsführer in der Krisenzeit. Er muss den Betrieb am Laufen halten, Kunden gewinnen, Strategien ausarbeiten, wie die Gruppe zu halten ist, Mitarbeiter motivieren, ihre Arbeit weiterhin zu tun, damit Briefe ausgetragen werden. Ringstmeier ist derjenige, der überwacht, dass Piepenburg kein Geld ausgibt, das Pin nicht hat. Macht eine Gesellschaft auch nach drei Monaten noch Verluste, muss er schließen. Es sei denn, er findet einen Käufer für eine Gesellschaft. Das will Piepenburg verhindern. Er will die Gruppe zusammenhalten, sonst sinkt ihr Wert für Investoren.

Das Autotelefon klingelt, Ringstmeier erkennt die Nummer, eine der jungen Anwältinnen aus seiner Kanzlei. Sie hat in Münster die Vorarbeit gemacht. „Die Arbeitsagentur Münster war sehr kooperativ. Sie schickt zwei Leute, die Ihnen heute Nachmittag beistehen werden. Sie werden morgen und am Montag die Arbeitslosenberatung im Betrieb machen.“ Ringstmeier beendet das Gespräch. Auf dem Telefonbildschirm in der Mittelkonsole erscheint gleich die nächste Nummer. Der Geschäftsführer einer Pin- Firma in Aachen. Er klingt gehetzt. Vor dem Haus stehen Fernsehteams. „Was soll ich tun?“ Irgendwer muss weitergegeben haben, dass auch diese Tochterfirma nicht zu halten ist.

Es gibt für schlechte Meldungen keinen guten Zeitpunkt, aber dieser ist ein sehr schlechter. Der nächste Dominostein, die nächste Gesellschaft der Gruppe, die fällt. In ein paar Tagen wollen Piepenburg und Ringstmeier eine Pressekonferenz geben, es ist eine Art Reanimationsmaßnahme. Eine Mutinfusion. Piepenburg wird bekannt geben, dass er mit drei Investoren verhandele, die die gesamte Gruppe kaufen und sanieren wollen. Dass die Gespräche gut laufen. Näheres sagt er nicht, Namen nennt er schon gar nicht. Investoren sind oft scheu.

„Ich würde vorschlagen, …“, Ringst- meier rät dem Aachener Geschäftsführer, die Journalisten freundlich darauf hinzuweisen, dass sie eine Genehmigung brauchen, wenn sie auf dem Gelände filmen wollen. Die Arbeiter werden ihre Jobs verlieren, daran ist nichts mehr zu ändern. Aber es wäre ärgerlich, wenn sie es aus dem Fernsehen oder dem Radio erfahren würden. „Es wäre schlechter Stil“, sagt Ringstmeier, nicht seiner jedenfalls.

Er hat unruhig geschlafen, wie so oft, wenn ihm ein Tag bevorsteht, an dem er Menschen sagen muss, dass sie ihre Arbeit verlieren. Es ist Teil seines Jobs, und er hat das Unternehmen schließlich nicht in die Zahlungsunfähigkeit manövriert, sagt er sich dann immer. Jetzt sucht er nach einem Wort, das dieses Gefühl beschreibt, das ihn dann beschleicht. Es fällt ihm kein treffendes ein.

Eine Furcht treibt ihn um. Die Furcht vor dem Vorwurf, er habe nicht alles getan. Ringstmeier sagt, er verstehe das. „Wenn wir am Ende nichts für diese Leute tun können, woher sollen die wissen, wie viele Möglichkeiten wir geprüft, wie viele Verträge mit möglichen Investoren wir aufgesetzt und wie viele Verschwiegenheitserklärungen wir unterschrieben haben?“ Ohne Diskretion kein Investor, aber ohne Investor keine Rettung.

Dass die schwierig wird, war von Anfang an klar. Die Frage ist nun, ob sie noch gelingen kann. Fristen sind verstrichen. Bis Ende Februar wollte Piepenburg einen Käufer gefunden haben, einen für die ganze Gruppe. Das ist nicht gelungen. Mit jedem Tag, der ohne einen Erfolg vergeht, steigt die Gefahr, dass Pin zerschlagen wird und nur jene Gesellschaften, die Profit abwerfen, die in Berlin und einige in Süddeutschland etwa, verkauft werden. Und die übrigen geschlossen.

Horst Piepenburg steht im vierten Stock eines Glashauses in der Kölner Innenstadt, dessen dicke Fensterfront die Geräusche der Welt absorbiert, ein kräftiger kleiner Mann mit sauber gezogenem Scheitel und freundlichem Lächeln, dem „Lösung B“ nicht sonderlich behagt. „Lösung B“ heißt Zerschlagung. Horst Piepenburg hat anderes im Sinn. Er will, was er „die große Lösung“ nennt, einen Käufer für das ganze Unternehmen. Seit Dezember bastelt er an dieser Lösung. „Es ist mein schwerster Fall“, sagt Piepenburg, „aber ich bin Optimist.“ Wäre er es nicht, er hätte den Beruf verfehlt. Zweifel, ob er es schaffen kann, kosten Zeit, die er nicht hat. Er braucht Optionen. Plan A, notfalls Plan B, Plan C, wenn es nicht anders geht.

Die Pleite des Maschinenbauers Babcock-Borsig war auch so ein Fall, einer von über 2000 Fällen, die Piepenburg in den vergangenen 25 Jahren betreut hat, und einer, der viel Aufsehen erregte. Es ging um 21 000 Arbeitsplätze. Etwa 16 000 davon hat er gerettet. Bis heute bewundern Gewerkschafter, mit denen Piepenburg damals zu tun hatte, ihn dafür.

Nun hat er es mit einem Unternehmen zu tun, das neu gegründet wurde und in sehr kurzer Zeit sehr viele Firmen zusammengekauft hat, zu teilweise überhöhten Preisen, um ein deutschlandweites Netz zu knüpfen und gegen die Post, den Monopolisten, antreten zu können. Tatsächlich ist das, was ein Netz sein sollte, bisher ein Haufen loser Fäden. Die Software der Niederlassungen passt nicht zusammen, als Piepenburg kam, gab es keine einheitliche Kommunikation. In einer Filiale wurden Briefe sortiert, und dort, wohin sie geliefert wurden, noch einmal, erst dann wurden sie ausgetragen. Trotz allem ist Piepenburg nicht der Einzige, der für Pin eine Chance gesehen hat.

Einige Wochen zuvor, Mitte Januar, es ist ein wichtiger Tag im Glashaus. Termin mit den Banken, in einer halben Stunde. Piepenburg will sie überzeugen, ihm ein Darlehen zu gewähren. Er braucht das Geld, um den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten.

Er hat eine Mannschaft von fünf Mann in einem Besprechungsraum versammelt. Für die Details hat er Leute um sich, die ihm zuarbeiten. Letzte Abstimmung. Piepenburg lässt Blätter herumgehen, auf denen seine Leute den Wust an Daten zu übersichtlichen Statistiken der Gesellschaften komprimiert haben. Filialen, Mitarbeiterzahlen, Einnahmen, Ausgaben. Das Sekretariat draußen füllt sich mit Männern in grauen Anzügen mit Aktenkoffern, den Insolvenzprofis der Banken.

Sechs Stunden später, als es draußen dunkel wird, ist die Sitzung vorbei und Piepenburg macht ein zufriedenes Gesicht. Die Banken, sagt er, wollen neues Geld zuschießen. Eine Summe verrät er nicht, natürlich nicht, nur dass es „um einen einstelligen Millionenbetrag geht“.

Die Spekulationen darüber, mit wem Piepenburg über einen Kauf verhandelt, werden seit Tagen lauter. Blackstone und KRK, die großen Finanzinvestoren. Namen, die auch im Glashaus fallen, sind die der französischen Post und des holländischen Konkurrenten TNT. Es scheint Piepenburg zu amüsieren. Gerüchte, große Namen seien interessiert, sind gute Gerüchte. Das gilt auch für Kunden. Also kümmert er sich um große Namen. Zwei Tage später zum Beispiel. Piepenburg sitzt im Industrieclub, Heinrich- Heine-Allee, eine der vornehmen Düsseldorfer Geschäftsadressen. Ein Ort nur für Mitglieder. An diesem Tag sagen drei große Kunden zu, ihre Post künftig von Pin befördern zu lassen. Piepenburg hat ihnen „günstige Konditionen“ eingeräumt, ihre Unterschriften sind etliche Millionen Euro wert. Nun hofft er, dass die Firmen ihm schnell erlauben, die Deals öffentlich zu machen. Der Kampf gegen die Pleite ist auch ein Kampf um Symbole. Große Namen machen Mut.

Im Glashaus wird es laut auf dem Flur. Bürotüren gehen auf, die Mannschaft zieht sich in ein Besprechungszimmer zurück. Die Stichworte Mindestlohn und Insolvenzgeld fliegen durch den Raum. Es geht darum, ob Pin seinen Zustellern tatsächlich Mindestlohn zahlen muss. Piepenburg hat einen Rechtsspezialisten beauftragt, das zu prüfen. Piepenburgs Partner kommt aus dem Konferenzzimmer. „Wir müssen das durchrechnen, bis morgen früh um zehn!“ Dann will Piepenburg entscheiden. Tags darauf wird Pin verkünden, Mindestlohn zu zahlen.

Andreas Ringstmeier parkt seinen Wagen vor einem alten Backsteinbau in Münsters Mitte, dem Sitz der Pin Mail Münsterland GmbH. Eben noch hat ihn jemand aus Piepenburgs Mannschaft angerufen. Die Buchhaltungsgesellschaft, die für die gesamten Gruppe zuständig ist, steht auf der Kippe. Die Insolvenz kann vorerst abgewendet werden. Sie haben Aufschub, einen Monat. Danach werde man sehen. Fiele auch sie, es könnte das Ende sein.

Der Geschäftsführer der Pin Mail Münsterland GmbH erwartet Ringstmeier im ersten Stock des Hinterhofgebäudes in seinem Büro. Er ist Mitte Dreißig, ein Mann mit schwerem Oberkörper und einem kindlichem Gesicht. Der Geschäftsführer ist aufgeregt, er muss oft schlucken, während er spricht. „Ich habe Security bestellt, zehn Leute, aber die Lage ist ruhig“, sagt er. Ringstmeier nickt, er setzt sich an den Besprechungstisch.

„Woran ist es hier gescheitert?“

„Hier ist alles überdimensioniert, eine Geldverbrennungsanlage!“ Die Zusteller seien mit dem Auto in jede noch so kleine Bauernschaft gefahren, die Firma habe auf große Kunden und viele Aufträge gewartet, die aber nie kamen. „Und dann ...“, er macht eine Kopfbewegung zum Fenster hin, zu einem Teil des Hofes, der aussieht wie ein Autohaus. Ein Fuhrpark mit gut 130 Dienstwagen. Ringstmeier stutzt. „Hätte man nicht einen Teil verkaufen oder zurückgeben können? Das hätte doch schon was gebracht.“

„Ich hatte Anweisungen, das nicht zu tun.“ Ringstmeier will es genauer wissen. Oft ist das der Moment, in dem ein Spiel beginnt, das Ringstmeier aus hunderten Verfahren zur Genüge kennt. Manager, die es gewohnt sind, zu entschieden, sind plötzlich nackt vor ihm. Ein Fremder sitzt in ihrem Büro und stellt unangenehme Fragen. Es geht um ihren Ruf, sie haben Besseres zu tun als ihm, ohne dessen Erlaubnis sie plötzlich nichts mehr dürfen, zu erzählen, dass sie Fehler gemacht haben. Managementfehler sind der häufigste Grund für Insolvenzen.

Dieses Mal ist es anders. Der Geschäftsführer hat erst Mitte November in Münster angefangen, ein paar Wochen später konnte die Gesellschaft die Löhne und Gehälter nicht mehr zahlen. Eine Sache drückt ihn noch. „Äh, ... muss ich auch am Montag zum Arbeitsamt?“ Ringstmeier beruhigt ihn, er braucht ihn fürs Abwicklungsteam, 15 bis 20 Leute. Zwei Jahre, bis alles erledigt ist. Die Zeit drängt, in einer Viertelstunde will Ringstmeier mit dem Betriebsrat über die Entlassungen verhandeln. Er stellt dem Geschäftsführer noch ein paar Insolvenzverwalterfragen. Sind die Depots sicher? Gibt es Vermögensgegenstände, sensible Daten, die gesichert werden müssen? Schlösser, die auszuwechseln sind, damit nichts verschwindet?

Von unten, aus dem Hof, dringen Stimmen herauf. Es ist kurz vor 15 Uhr, die große Lagerhalle füllt sich mit Austrägern, als Ringstmeier sie betritt, ist die Luft schon stickig. Aus Jacken dringt der Geruch von Zigaretten, in der Mitte ist eine runde Fläche frei, für den Insolvenzverwalter und den Geschäftsführer. Als das letzte Geflüster verstummt, ist für Ringstmeier der Zeitpunkt gekommen, Schicksal zu spielen. Es ist eine Überforderung, wie die manchmal überhöhten Hoffnungen, die die Menschen in ihrer Verzweiflung in ihn setzen. Wenn er vor ihnen steht und sagt, „Sie müssen um ihren Arbeitsplatz fürchten, so sehr wie noch nie in ihrem Leben, trotzdem gibt es Hoffnung“, passiert es, dass sie nur den letzten Teil hören. Das liegt hinter ihm.

„Obwohl Hoffnung bestanden hat, die begründete Hoffnung, Sie hier komplett zu erhalten ...“ Ringstmeier fabriziert spröde, etwas ungelenke Bürokratensätzen, die sonst nicht seine Sache sind. Der Mensch, der vor dem Spiegel den Anzug gewechselt hat, ist hinter der Rolle des Verwalters verschwunden. Er spricht das Urteil. „Die Einstellung des Betriebes“, es wird laut, „wird morgen ...“, er ist kaum noch zu verstehen, „ ... wird morgen Abend geschehen.“ Hinter ihm schlägt eine Frau ihre Hände vors Gesicht, zu langsam, um die Tränen zu verbergen.

Ringstmeier bespricht noch ein paar Formalitäten mit dem Geschäftsführer, dann verabschiedet er sich. Es ist kalt geworden, wie er auf dem Weg zum Parkplatz feststellt. Im Auto schaltet er die Sitzheizung an und erledigt ein paar Telefonate. Dann ist es einen Moment lang still, zum ersten Mal an diesem Tag. Er hat damit begonnen, einen Betrieb abzuwickeln, der nicht mehr zu retten war. Er hat einen Beruf, der es einem Menschen nicht leicht macht. Kraft schöpfe er aus Erfolgen, sagt er. Oft ist es schon ein Erfolg, wenn einige Leute ihre Arbeit behalten. Bei der Pin-Gesellschaft in Magdeburg waren es 291, in München 157. Die Aufgabe wird nicht einfacher. Es gibt inzwischen einen zweiten Insolvenzverwalter, für die Muttergesellschaft. Und es kann sein, dass noch einer dazukommt. Einer aus Luxemburg, dort hatte die Gruppe bis zur Insolvenz ihren Sitz. Ringstmeier wählt die Nummer seiner Kanzlei. „Neuigkeiten, schlechte Meldungen?“

„Nein, vergleichsweise ruhig heute."

Ringstmeier nickt kurz, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Noch kann alles passieren. Eine Bruchlandung, ein Wunder oder irgendetwas dazwischen. Es gab schlechtere Nachrichten in den vergangenen Wochen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar