Zeitung Heute : Hilfe bei Bluthochdruck und gebrochenen Herzen

Der Tagesspiegel

Von Sascha Rettig

Bereits seit 1997 praktiziert er in Schöneberg als Allgemeinarzt und hat nicht die geringste Ahnung. Sicher, er wollte eigentlich Medizin studieren und ist auch mal beim Nachtdienst mitgefahren, aber medzinischen Sachverstand hat er nicht. „Ich spiele den Arzt schließlich nur", sagt der Schauspieler Rainer Hunold. In der ARD-Vorabendserie „Dr. Sommerfeld - Neues vom Bülowbogen", deren 200. Folge am Sonnabend ausgestrahlt wird, zieht er sich regelmäßig den Arztkittel an und verschreibt als gutmütiger Kiezdoktor Pillen gegen hohen Blutdruck und ist wohlmeindender Ratgeber bei gebrochenen Herzen.

Hunold, der mit seiner Familie und seinem Hund abseits des Großstadtrummels in Frohnau lebt, betont immer wieder gern, dass er trotz seines Bekanntheitsgrades als Schauspieler ein ganz normaler Mensch geblieben sei. Dem beleibten Seriendoktor mit den großen Händen, der einst als Günther-Strack-Nachfolger in der ZDF-Krimiserie „Ein Fall für Zwei" den Anwalt gab, nimmt man das gerne ab. Vollkommen glamourfrei und ohne Allüren fällt er unter den Schauspielern eher als der gewissenhafte Handwerker, Familienmensch und Saubermann auf.

In Hinblick auf seine Rolle als Arzt macht es sich Hunold leicht. „Der Sommerfeld ist so einer wie ich und ich bin so einer wie der Sommerfeld. Über so viele Jahre kann man sich nicht verstellen", erklärt der 52-Jährige mit seiner ruhigen, tiefen Stimme und offenbart so etwas beiläufig auch seine Schauspielphilosophie. Mit der Zeit habe sich Dr. Sommerfeld an ihn angepasst und nicht umgekehrt. „Wir sind beide zuverlässig, hilfsbereit, gutmütig und humorvoll", beschreibt Hunold sich und seine Serienpersönlichkeit und fügt hinzu: „Und haben manchmal zu wenig Zeit für das Private, weil wir so viel arbeiten."

Eine Arbeit, die durchschnittlich drei Millionen Zuschauer pro Folge begutachten - in Brandenburg ein paar mehr und in Bayern ein paar weniger. „Dr. Sommerfeld - Neues vom Bülowbogen" ist so ein recht erfolgreicher Berlin-Export in die bundesdeutschen Wohnzimmer. Das sieht auch Hunold so. Es handele sich schließlich um eine realitätsnahe Serie, die den Fernsehzuschauern durchaus Fragen beantworten kann: Wie leben die in Berlin, was ziehen die da an oder was fahren die für Autos? Hunold weiß noch, wie früher sein Erfahrungshorizont durch amerikanische Serien erweitert wurde. Durch den Bülowbogen könnten Serienfans Ähnliches über Berlin erfahren.

Der gebürtige Braunschweiger ist im richtigen Leben, wie auch in der Serie, ein Zugereister, dem nur gelegentlich ein „Icke“ rausrutscht und der zufällig in der Hauptstadt hängen blieb. Als er vor fünf Jahren den Bülowbogenpart von Günther Pfitzmann übernahm, wollte er sich das Berlinern nicht antrainieren und den Zuschauern nichts vorgaukeln. Diese Seite Berlins überlässt er lieber den anderen Serienfiguren. „Durch die Patientengeschichten kommt in der Serie außerdem alles vor, was in dieser Stadt so rumläuft - von der alten, einsamen Oma im zweiten Hinterhof bis zu den Millionären in der Villa am Wannsee", findet Hunold.

Doch nicht nur die Figuren sollen etwas über Berlin erzählen, sondern auch die Drehorte. So kommt Sommerfeld durch seinen Rettungsdienst in der ganzen Stadt herum, obwohl er seine Praxis im angestammten West-Kiez hat. „Ich habe dafür plädiert, dass man ebenso mal nach Mitte fährt, um dort zu drehen. In einer Folge waren wir beispielsweise ausgiebig am Potsdamer Platz. Das interessiert die Leute", erklärt der Schauspieler, der gelegentlich auch Drehbücher für einzelne Folgen der Serie schreibt.

Bis auf die Szenen in der voll funktionstüchtigen Praxis wird so fast ausschließlich an Originalschauplätzen herumgedoktert. Von dieser Praxis selbst existiert am Schöneberger Bülowbogen nur der Hauseingang. Wenn dort gedreht wird, sei das für die Anwohner schon normal. Es bestehe ein freundliches Verhältnis. „Nur gelegentlich sind manche sauer wegen des Parkverbots", erzählt Hunold. Dass an gleicher Stelle in den 20er Jahren ein Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten praktiziert haben soll, erfuhr er einst von einem Taxifahrer.

Mindestens zwei Jahre will Rainer Hunold noch als Dr. Sommerfeld kurieren. Dann könne wieder etwas Neues kommen. „Solange ich reinpasse in die Fernsehlandschaft, bin ich ein glücklicher Mensch", sagt Hunold und fügt schmunzelnd hinzu: „In der Praxis Bülowbogen bin ich das im Moment auch."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar