Zeitung Heute : Hilfe beim Herzinfarkt

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Hartmut Wewetzer

Bei der Behandlung des Herzinfarkts steht viel auf dem Spiel, und das gleich in doppeltem Sinn. Zum einen geht es um Leben und Tod, zum anderen sind sehr viele Menschen betroffen. Weltweit sollen jedes Jahr etwa zehn Millionen eine Herzattacke erleiden. Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass ein neues Medikament die Zahl der Todesfälle durch Herzinfarkt senken kann. Die Rede ist von Clopidogrel (vermarktet unter dem Namen „Plavix“). Clopidogrel wirkt ähnlich wie Aspirin und bremst die Neigung der Blutplättchen zum Verklumpen. Die Gefahr von Blutgerinnseln in verengten Herzgefäßen sinkt. Es setzt an einer anderen Stelle als Aspirin an, so dass sich beide Mittel ergänzen.

Getestet wurde Clopidogrel in einer gewaltigen Studie an mehr als 45000 chinesischen Herzinfarktpatienten. Von solchen Teilnehmerzahlen für wissenschaftliche Untersuchungen können amerikanische und europäische Forscher nur träumen. Und so ist es kein Wunder, dass die Studienergebnisse ihren Weg ins Fachblatt „Lancet“ fanden. Denn mit der Zahl der Studienteilnehmer wächst in der Regel auch die wissenschaftliche Qualität, weil der Einfluss des Zufalls zurückgedrängt wird.

Die chinesischen Herzinfarktpatienten bekamen während ihres Klinikaufenthalts für rund zwei Wochen zusätzlich zum bewährten Aspirin entweder Clopidogrel oder ein wirkstofffreies Scheinmedikament. Unter den Clopidogrel-Patienten gab es neun Prozent weniger Todesfälle, erneute Herzinfarkte und Schlaganfälle. „Wenn eine Million Patienten nach einer Herzattacke rechtzeitig Clopidogrel bekommen würden, könnte das nach heutigem Wissen 5000 Todesfälle und 5000 erneute Infarkte und Schlaganfälle verhüten“, rechnet Zheng-Ming Chen von der Uni Oxford vor, einer der beteiligten Wissenschaftler.

Bei uns wird Clopidogrel vor allem dann eingesetzt, wenn es Anzeichen für schwere Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße gibt, ein Gefäßverschluss (Infarkt) aber noch nicht eingetreten ist. Die Mediziner sprechen von einem akuten Koronarsyndrom. Und es wird für Wochen oder Monate verordnet, wenn ein Stent in einem aufgeweitetem Herzgefäß gelegt wird – eine Gefäßstütze aus feinem Draht, die die Durchblutung gewährleisten soll. Aber beim Herzinfarkt selbst wird es bisher kaum verwendet. Das hat seinen Grund auch darin, dass das Mittel mit rund drei Euro pro Tablette vergleichsweise teuer ist. Aspirin kostet nur ein paar Cent.

„Clopidogrel sprengt das Budget der Krankenhäuser und Arztpraxen“, sagt Professor Eckart Fleck vom Deutschen Herzzentrum Berlin. Wolfgang Bocksch, Herzspezialist an der Berliner Charité, weist darauf hin, dass die bei uns übliche Infarktbehandlung mit speziellen Medikamenten und Gefäßstützen in China noch nicht üblich ist. Deshalb ließen sich die guten Ergebnisse nicht so einfach übertragen. Allerdings war bereits im Frühjahr eine ähnliche Untersuchung in westlichen Industrienationen zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen. Wenn nur der Preis nicht wäre …

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