Zeitung Heute : Hilfe, die Helfer kommen

Karnevalsklamotten aus Griechenland, Projekte im Kolonialstil – auf Sri Lanka richtet gut gemeinte Unterstützung oft viel Schaden an

Axel Vornbäumen[Manalkadu]

Die Zukunft ist gelb und weiß, in Manalkadu, und sie ist aus Glasfiber. Jetzt liegt sie aufgereiht wie an einer Perlenschnur in schwüler Mittagshitze inmitten einer sandigen Öd- und Trümmerlandschaft, ziemlich genau da, wo vor neun Wochen noch der Fischmarkt des Dorfes war: 15 kleine Boote mit Außenbordmotor und nagelneuen Netzen sind es, die die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in den äußersten Nordosten Sri Lankas, geliefert hat; zur Übergabe ist aus Berlin eigens Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul angereist. Unter blauen Plastikplanen hat sich die Dorfgemeinschaft in ehrfürchtiger Erwartungshaltung nahezu komplett versammelt. Und nun, kurz vor dem großen Moment für den kleinen Ort, aus dem fast jeder Zehnte am 26.Dezember vergangenen Jahres vom Tsunami in den Tod gerissen wurde, reicht die Kraft des gesprochenen Wortes kaum aus, um die Dankbarkeit für die Hilfe aus Deutschland auszudrücken: „Viele Leute hier wussten nicht, wie sie weiterleben sollen“, liest ein Offizieller vom Blatt, „nun aber können sie ein glückliches und schönes Leben in der Zukunft erwarten.“

Bei so viel Pathos will auch die Ministerin nicht zurückstehen: „Sie werden“, ruft Heidemarie Wieczoreck-Zeul, sichtlich bewegt, in freier Rede und stellvertretend für Regierung und Volk ins Mikrofon, „alle in unseren Herzen sein“, was, wie sich erst hinterher herausstellt, in diesem Augenblick allerdings kaum jemand begreift, weil der aus der Hauptstadt Colombo mitgereiste Übersetzer einen in dieser Region nur schwer zu verstehenden Dialekt spricht.

Wahrscheinlich ist dennoch an diesem Mittag in Manalkadu einer jener raren Momente zu erleben, in dem die Welt, nun ja, ein wenig zusammenrückt. Ein Moment, wie sich ihn engagierte Entwicklungspolitiker um die Jahreswende als Lehre aus dem Tsunami-Desaster erträumten, damals, als die Rede davon war, dass die Flut die Welt verändern würde, wie es sonst nur der 11.September getan habe: 60 Familien werden durch die 15 Fischerboote künftig wieder in Lohn und Brot gebracht. Ein ausgeklügelter, von den Bewohnern des Dorfes mitgetragener Kriterienkatalog sorgt dafür, dass soziale Spannungen und Neidgefühle bei denen, die zunächst leer ausgehen, wegen einer vermeintlich ungerechten Verteilung gar nicht erst aufkommen. Die Ersten, die wieder hinaus aufs Meer dürfen, sind die, die entweder am meisten verloren haben oder besonders viele Familienmitglieder versorgen müssen. Die, die fischen dürfen, zahlen überdies einen Teil ihrer Erlöse in einen Fonds ein, von dem die gesamte Dorfgemeinschaft profitiert. Und weil man mit der Gleichberechtigung der Frau schon recht weit gekommen ist in der Region um Manalkadu und auch, um ein entsprechendes Zeichen zu setzen, gehen zwei der weiß-gelben Fischerboote in den Besitz von Frauen über.

Es ist ein feinmaschiges Netz der Gerechtigkeit, das da über dem kleinen Ort ausgeworfen wurde, fast neun Wochen nach der Monsterwelle. Ein Netz, das in unzähligen, zeitaufwändigen Koordinierungstreffen geknüpft wurde und das von außen betrachtet vielleicht eine Spur zu bürokratisch gewirkt erscheint. Es ist aber, sagt GTZ-Projektleiter Wolfgang Garatwa, „der einzige Weg, um die Hilfe einigermaßen sozialverträglich zu gestalten“. Garatwas simple Formel lautet: „Nirgends zu viel, nirgends gar nichts“.

Doch so einfach, wie das Motto klingt, ist es nicht in diesen Tagen in Sri Lanka, in denen die Phase des Wiederaufbaus jenes auf einer Länge von 1000 Kilometer zerstörten Küstenstreifens beginnen sollte. Eine Phase, in der die Rücksiedlung von weit mehr als 500000 durch die Flutwelle obdachlos gewordenen Menschen anlaufen und der Wiederaufbau von über 100000 zerstörten Gebäuden angepackt werden soll. Nüchternheit ist eingekehrt nach den Tagen der weltweiten Anteilnahme – und nicht etwa weil nun Desinteresse ausgebrochen wäre, im Gegenteil: Mit wachsender Skepsis betrachten Entwicklungshilfeexperten mittlerweile die ebenso riesige wie unkoordinierte Hilfswelle, die über den Inselstaat im Indischen Ozean spült und die manche schon als „zweiten Tsunami“ bezeichnen, auch wenn Heidemarie Wieczorek-Zeul den plakativen Begriff lieber vermeiden würde, „schon aus Respekt vor den Opfern“. Doch die Prognosen der Entwicklungsexperten sind düster: Das Risiko steige täglich, dass alles in einem „großen Desaster“ ende, steigende Inflationsraten und unbezahlbare Baumaterialien inklusive, weil ein von der heimischen Wirtschaft nicht zu bewältigender Bauboom die Preise in die Höhe schnellen lassen werde. In ein paar Jahren, so lauten die Befürchtungen, werde der Nordosten neidisch auf den Süden schauen, das Landesinnere neidisch auf den Küstenstreifen, und die von 20 Jahren Bürgerkrieg Betroffenen neidisch auf die Vertriebenen des Tsunami. Ganz zu schweigen von dem längst schwelenden Verteilungskonflikt zwischen den von der Regierung kontrollierten Gebieten und jenen, in denen die tamilische Rebellenorganisation LTTE das Sagen hat. Schon jetzt diagnostizieren unabhängige Beobachter eine „asymmetrische Behandlung“

„Der Wiederaufbau“, sagt GTZ-Direktor Roland Steurer, „darf nicht zu schnell gehen.“ Dem erfahrenen Entwicklungshelfer sind dabei nicht nur die „viel zu vielen Gutmenschen“ ein Dorn im Auge, die derzeit an allen Ecken und Enden des Landes auf eigene Faust und mit selbst gesammelten Medikamenten oder „absurden“ Altkleiderspenden auftauchen, wie jene Ladung Pelzmäntel und Karnevalsklamotten aus Griechenland etwa, die dieser Tage in Sri Lanka landesweit Empörung auslösten. Auch der Konkurrenzkampf unter den mittlerweile weit über 1000 so genannten Nicht-Regierungsorganisationen hat nach Ansicht des GTZ-Mannes bedenkliche Züge angenommen. Es seien Leute auf die Insel gekommen, beklagen Experten, denen nicht nur jegliche Sensibilität für das vom Bürgerkrieg zerrissene Land abgehe, sondern die auch ohne jegliche Absprache in „Kolonialstil-Manier“ ihre Projekte begönnen. Vielen, glaubt Steurer, werde mit der Zeit finanziell die Luft ausgehen. „In zwei Jahren“, unkt der GTZ-Experte, „stehen wir dann vor der Frage, ob wir diese Projekte rehabilitieren sollen.“

Es fehlt, klagt auch Martin Salm von der Caritas, „die klare Trennlinie zwischen den vielen Hilfsorganisationen“. Viele Kommunen in Sri Lanka seien damit überfordert, dass nahezu täglich neue NGOs Hilfspakete anböten, die sich kaum voneinander unterschieden. Salm und GTZ-Mann Steurer haben längst Verständnis dafür, dass die Regierung in Colombo mittlerweile „unerbetene Hilfsleistungen“ die Einfuhr verweigere. „Die schnelle, durchaus gut gemeinte Hilfe kann langfristig mehr Schaden anrichten als der Tsunami selbst“, sagt Steurer, der davor warnt, die Bevölkerung durch allzu weitreichende Hilfsmaßnahmen in die Lethargie zu treiben. „Der Eigenbeitrag ist nicht mehr viel wert in einer Zeit, in der alles umsonst reinkommt.“ Sri Lanka habe sich nicht gewandelt, sagt ein Kenner des Landes, auch er besorgt über den „Schenkungswahn“, der über die Insel gekommen ist. Es ist, als sei die Karawane der Helfer im Eiltempo in die falsche Richtung gelaufen.

In der Community der Entwicklungsexperten herrscht denn auch vorsichtige Skepsis, ob die von Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgerufene Partnerschaftsinitiative der richtige Weg ist, dem von der Katastrophe heimgesuchten Land beim Wiederaufbau unter die Arme zu greifen. Roland Steurer hält die Idee zwar für eine „Riesenchance“ – aber nur, wenn die gut gemeinte Idee auch mit entsprechendem entwicklungspolitischem Sachverstand verbunden sei. Andere rätseln mittlerweile, ob dem Kanzler so richtig klar gewesen sei, was er da angestoßen habe. Wie deutsche Kommunen, die selber chronisch Pleite seien, sinnvolle Projekte wie etwa den Wiederaufbau von Schulen begleiten sollen, ist so manchem noch schleierhaft.

Heidemarie Wieczorek-Zeul hätte den Enthusiasmus, mit dem der Kanzler die Entwicklungspolitik entdeckt hat, gerne noch ein wenig konserviert. Als sie kürzlich nach Hause gekommen ist, hat sie durch Zufall noch mal auf Phoenix gezappt, mitten hinein in Schröders Aschermittwochsrede. Geschlagene zehn Minuten habe der Kanzler über Entwicklungspolitik geredet! Und das am Aschermittwoch! Und nun, ausgerechnet jetzt, da ihr Herzensanliegen im „Mainstream von Politik“ angekommen sei, soll ausgerechnet sie es sein, die den Leuten erklärt, dass zu viel Geld nach Sri Lanka geflossen sei? Das scheint ein bisschen viel verlangt von einer Ministerin, die das Schicksal der Fischer von Manalkadu zu Tränen rührt.

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