Zeitung Heute : Hilfe, die Politik schreibt Briefe

Der Tagesspiegel

Lieber P.,

ist Dir auch aufgefallen, dass Briefe schreiben sich neuerdings wachsender Beliebtheit erfreut? Irgendwie scheint man, vielleicht wegen der verwirrenden Stimmabgabe im Bundesrat, dem gesprochenen Wort nicht mehr zu trauen.

Neulich schrieben die CDU-Vorsitzende Merkel und der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Glos, sowie FDP-Chef Westerwelle und dessen Fraktionsvorsitzender Gerhardt sogar wortgleiche Briefe an den Bundeskanzler. Die Schreiber beschwerten sich, dass der Kanzler über ein Gespräch mit ihnen ein Protokoll hatte anfertigen lassen. „Wir lassen dahingestellt, ob dieses Protokoll den Gesprächsverlauf richtig wiedergibt“, schrieben sie.

Der Vorgang ist bisher unzureichend gewürdigt worden. Folgendes hatte sich ereignet: Der Kanzler unterrichtete die Spitzenleute der Oppositionsparteien vertraulich über den  Einsatz der Bundeswehr im Nahen und Mittleren Osten. Anschließend beschwerten sich die Oppositionsleute öffentlich, sie seien ungenügend unterrichtet worden. Daraufhin präsentierte das Kanzleramt das Gesprächsprotokoll, aus dem hervorgeht, dass die Unterrichtung durchaus umfassend gewesen ist, worauf es die Beschwerde über die Anfertigung des Protokolls setzte.

Wir haben es hier mit einem Vorgang zu tun, der beispielhaft ist für politisches Agieren in der Mediengesellschaft, von der Saarlands Ministerpräsident Peter Müller völlig zu Recht sagt, dass in ihr erfolgreiche Politik nur möglich ist unter Einsatz theatralischer Mittel. Müller bezieht sich auf den Kommunikationsphilosophen Vilém Flusser und dessen wichtigste Lehrsätze. Einer lautet: „Was nicht kommuniziert wird, ist nicht“, ein anderer: „Wer kommunizieren will, darf wenig informieren.“ Wir wissen um die Richtigkeit dieser Aussage nicht erst, seitdem Müller jetzt dargelegt hat: „Ohne Theater keine Nachricht. Und je mehr Theater, um so größer die Chance, dass eine Nachricht entsteht…“ Die uns, wie Du Dich vielleicht erinnerst, in jungen Jahren beigebrachte Mahnung „Mach’ doch nicht so ein Theater“ wäre also für erfolgsorientiertes politisches Handeln die ganz falsche Anweisung. Eine weitere Kernaussage der Flusserschen Theorie nämlich lautet: „Je mehr etwas kommuniziert wird, desto mehr ist es, und desto wertvoller ist es.“ In der Bundesratssitzung neulich wurde seitens der Union Empörung auf eine derart massive Weise kommuniziert, dass sich jeder Gedanke, hier könne es sich um wertloses Theater handeln, schlichtweg verbot.

Bayerns Ministerpräsident soll mittlerweile einen Brief an den Präsidenten geschrieben haben. Dem Vernehmen nach hat Stoiber darin seine zuvor mündlich geäußerte Warnung vor einem „kaltschnäuzigen“ Verfassungsbruch durch Rau nicht wiederholt.

Auch die anderen Ministerpräsidenten der Union schrieben Briefe, so Erwin Teufel, der Johannes Rau „höflichst“ um gewissenhafte Prüfung der Frage ersuchte, ob das Zuwanderungsgesetz rechtmäßig zustande gekommen sei, und den Bundespräsidenten seiner Hochachtung versicherte.

Es scheint also, als ob die Kommunikationstheorie einer Revision unterzogen worden ist. Vielleicht hat man doch das Ohr ein bisschen in Richtung Volkes Stimme geneigt und erkannt, dass selbst optimal inszeniertes politisches Theater auf Dauer vernünftiges politisches Verhalten nicht ersetzen kann. Trotzdem vermute ich, dass aus den Köpfen einiger CSU-Fürsten die Vorstellung vom „rheinischen Saupreißn“, von dessen Urteil man jetzt bedauerlicherweise abhängig sei, nicht wirklich getilgt ist. Diese geschichtlich und geografisch falsche Einordnung des Bundespräsidenten ist übrigens (aber wem sag’ ich das?) in Bayern nicht wirklich eine Beleidigung, sondern bringt, wie jetzt auch in einem Büchlein unseres Passauer Bruders im Geiste, Bruno Jonas, jederzeit nachlesbar, nur eine tief verwurzelte Emotion zum Ausdruck.

Ich finde die Kommunikationsgesellschaft großartig: Mal kommuniziert sie so, dann anders.

Mal schreibt sie sich Briefe, höflichst und hochachtungsvoll. Mal redet sie, mal spielt sie Theater. Hast Du übrigens im „Spiegel“ gelesen, was Gerhard Schröder auf die Frage geantwortet hat, ob es manchmal Augenblicke gebe, in denen er Oskar Lafontaine vermisse? „Vermissen ist nicht der richtige Ausdruck.“ Hat er gesagt.

Dein M.

Martin E. Süskind erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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