Zeitung Heute : Hilfe verpflichtet

Die ersten Soldaten sind auf dem Weg. Gleich nach dem Bundestagsbeschluss, den Afghanistan-Einsatz auszudehnen, hob die Militärmaschine ab. Was in Kabul begann, soll jetzt auch in Kundus und Umgebung funktionieren: die Stabilisierung des Landes. Und die des Friedens.

Esther Kogelboom Robert Rimscha

Von Esther Kogelboom

und Robert von Rimscha

Nach dem Beschluss ging alles ganz schnell. 27 Bundeswehr-Soldaten, die ersten des für Kundus vorgesehenen Kontingents, stiegen schon am frühen Nachmittag am Militärflughafen Köln-Wahn in die Maschine, um über Usbekistan Nordafghanistans zu fliegen. Die Zustimmung des Bundestags war schließlich erwartbar.

Auch der Bundeskanzler hatte sich auf eine Ausweitung des Isaf-Einsatzes eingestellt. Während sich die Soldaten auf den Langstreckenflug vorbereiteten, empfing Gerhard Schröder 58 Gäste im Kanzleramt. Angehörige von Soldaten, die im Ausland stationiert sind, waren eingeladen. „Als Kinder könnt ihr stolz sein auf eure Väter“, sagte der Kanzler. „Sie sorgen dafür, dass wir hier sicher leben können, indem sie woanders für Sicherheit sorgen.“

Der Empfang sollte eine Zeichen dafür sein, wie wichtig die Arbeit der Bundeswehr sei. Schröder zeigte sich zugleich einfühlsam: „Ich kann nachvollziehen, dass es auch Ängste gibt.“ Doch gerade der Rückhalt in der Heimat sei wichtig für die Soldaten am Golf, auf dem Balkan, in Afrika und in Afghanistan.

Nun also werden es noch mehr. Stadt und Region Kundus – so heißt der neue Einsatzort. Das organisatorische Dach bietet die Isaf, die internationale Schutztruppe Das Mandat kommt von den Vereinten Nationen, die die Aufgaben der Isaf gerade – auch auf deutsches Drängen hin – über die Hauptstadt Kabul hinaus erweitert haben. Die militärische Führung liegt bei der Nato.

Zurück zur Ruhe

Nicht nur die Ausweitung des deutschen Engagements auf den Norden Afghanistans hat der Bundestag am Freitag beschlossen, sondern auch die Verlängerung des ursprünglichen Isaf-Einsatzes um weitere zwölf Monate. Ziel der Operation: Frieden sichern, Wiederaufbau ermöglichen, die brüchige Nachkriegs-Ruhe stabilisieren.

Und zugleich geht es um etwas ganz anderes. Offiziell ist die Isaf strikt getrennt von „Enduring Freedom“, dem Kampf gegen den Terror, an dem einige wenige deutsche Elitesoldaten in Ost- und Südost-Afghanistan weiter beteiligt sind. Wie der Zusammenhang zwischen Friedenssicherung und Terrorbekämpfung aussieht, verriet Außenminister Joschka Fischer im Plenum des Bundestages: In der Substanz, wenn auch nicht dem Mandat nach, gehe es um den deutschen Beitrag zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Fischer hatte ungewöhnliche Kronzeugen. Er zitierte ein internes Memorandum von Pentagon-Chef Donald Rumsfeld, in dem dieser kritische Fragen stellt. Nur „gemischte“ Ergebnisse im Kampf gegen Al Qaida und „langsamere“ Fortschritte bei der Suche nach flüchtigen Taliban-Führern habe Rumsfeld nun erkannt. Fischer war am Donnerstagabend im ZDF nach seiner Einschätzung der Rumsfeld-Überlegungen gefragt worden und wurde davon deutlich überrascht. Das Memo ist seit Mittwoch Top-Thema in den USA. Bis Freitagmorgen, zu seiner Rede im Bundestag, hatte sich Fischer schlau gemacht. Und er wies auch auf Überlegungen von Frederick W. Kagan hin, einem Vordenker der Neokonservativen in Washington, der nun ein aktives „Nationbuilding“ als notwendige Ergänzung des Kriegs gegen den Terror beschreibt.

Soll heißen: Amerika merkt es jetzt, Deutschland handelt längst. Militärische Triumphe sind nichts wert, wenn auf sie nicht die mühselige Arbeit des Errichtens tragfähiger Zivilstrukturen folgt. In Afghanistan hat Deutschland eine lange Tradition der Hilfestellung. Doch klar ist auch, dass hinter dem Engagement ein deutlicher Wink gen USA steckt: Berlin zeigt in Afghanistan, was Washington im Irak tun sollte.

Dabei ist das ausgeweitete Engagement auch das Produkt einer politischen Kehrtwende. Lange hatte die Bundesregierung im Gleichklang mit anderen westlichen Regierungen darauf beharrt, dass ein Isaf-Einsatz außerhalb Kabuls unmöglich sei. Der SPD-Außenpolitiker Gernot Erler räumte am Freitag ein, es habe da eine Hoffnung bestanden, die „leider irrig“ war: Dass nämlich von der Karsai-Regierung in Kabul automatisch eine stabilisierende Wirkung ausgehen würde. Kundus sei daher, so Erler, ein „Pilotprojekt“, das Anbieten eines Vorbildes. Ableger der Kabuler Ordnung, offiziell „Isaf-Inseln“ genannt, sollen zu den Pfeilern werden, auf denen einst ein neuer Staat ruhen kann.

Nur nicht aufhören

Dies bedeutet auch: Wer Kabul sagte, muss heute Kundus sagen. Wer die Stabilisierung nicht scheitern lassen will, der muss handeln. Den Angehörigen der Bundeswehr-Soldaten im Auslandseinsatz, die im Kanzleramt zu Gast waren, gab Gerhard Schröder einen Satz mit auf den Heimweg. Es war ein Satz, der ein gerade in außenpolitischen Fragen gern benutztes Leitmotiv des Kanzlers variierte. Gerhard Schröder sagt häufig, dass ein selbstbewusstes Deutschland tue, was eben getan werden muss. Ganz ähnlich beschied er den Soldatenfamilien: „Was Sie und ihre Lieben für unser Land tun, das ist eine wichtige Aufgabe, die getan werden muss.“ Genauso sieht Rot-Grün den Kundus-Einsatz. Als Pflicht.

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