Zeitung Heute : Hilfe von oben

Christoph von Marschall[Washington]

George W. Bush ist noch einmal in die Krisenregion gereist, die ersten Hilfslieferungen aus dem Ausland kommen in den USA an. Was muss geschehen, damit die anfänglichen Fehler wettgemacht werden können?

Zu keinem Zeitpunkt seiner Präsidentschaft ist George W. Bush so scharf krititisiert worden: Viel zu spät habe er sich gekümmert, und dann hätten seine Ansprachen „gefühllos und bürokratisch“ gewirkt. Zwei besonders brisante Vorwürfe: Die ausbleibende Hilfe für die zumeist schwarzen Opfer in New Orleans offenbare „Rassismus“ bis in die oberen Hierarchien im Weißen Haus; zweitens versuche der Präsident vom Versagen der von ihm geführten Bundesbehörden abzulenken und schiebe die Schuld den Führungen der betroffenen Staaten und Städte zu – was dort Empörung auslöste.

Aaron Broussard, Bürgermeister der Landgemeinde Jefferson im Umland von New Orleans, brach im Sender NBC in Tränen aus. „Niemand kommt zu uns. Der Minister hat uns Hilfe versprochen, jedermann hat uns Hilfe versprochen. Ich bin die Pressekonferenzen und leeren Versprechungen leid. Kommt endlich her und packt an!“ Denise Bottcher, Sprecherin der Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, beschwerte sich über das „blame game“ der Bundesregierung, während weiter Menschen sterben.

Nach und nach kommt ans Licht, wie es zu der Fehleinschätzung im Weißen Haus kommen konnte, dessen Mechanismen sonst auch von politischen Gegnern als hochprofessionell und effizient beschrieben werden. Bushs letzte Augusttage – offiziell galten sie noch als „Urlaub“ auf seiner Ranch in Texas – waren verplant mit Auftritten, um Unterstützung für seinen Irakkurs und die Reform der Sozialhilfe zu gewinnen. Zu diesem Zweck war er in Kalifornien, als New Orleans überflutet wurde. Viele leitende Mitarbeiter waren tatsächlich noch in Ferien, der politische Betrieb beginnt in den USA traditionell erst am ersten Dienstag im September wieder. Bushs oberste PR-Beraterin, Nicolle Devenish, war auf Hochzeitsreise in Griechenland. Wäre Bush bereits zu Beginn der Hurrikan-Woche in Washington gewesen und nicht erst am Mittwoch vorzeitig aus Texas zurückgekehrt, heißt es, hätte er schneller reagieren können.

Auch jetzt bleibt dem Präsidenten nicht viel mehr als Symbolik, um den Eindruck zu verwischen, ihm fehle es an Führungsqualität und er habe die Gemeinden, Städte und Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama im Stich gelassen, als sie dringend Bundeshilfe benötigten – vor allem Truppen, um Überlebende zu retten und die Ordnung wiederherzustellen. So reiste Bush nun gleich zwei Mal binnen kurzem in die Notstandsgebiete: am Freitag und am gestrigen Montag. Er spricht mit Opfern, verteilt Trinkwasser, lässt sich von örtlichen Einsatzleitern informieren, verspricht Hilfe. Politische Führung heißt in diesem riesigen Land mit dem aus Kolonisierungszeiten stammenden Verfassungssystem in erster Linie: öffentlich sichtbare Präsenz und die Vermittlung des Gefühls – der Chef kümmert sich persönlich.

Ob das gelingt, hängt vor allem davon ab, ob die Lage sich spürbar bessert und Medien diesen Eindruck verbreiten. Aktionismus nach dem Motto „jetzt nehme ich die Sache in die Hand“ ist zweischneidig. Bushs Ankündigung, das Katastrophenmanagement auf Bundesebene zu ziehen, traf auf bitteren Widerstand der Gouverneurin von Louisiana. Der Bund solle genug Truppen, Aufbauteams und Geld schicken. Den Einsatz könne man schon selbst koordinieren. Anders als nach dem Terrorschlag des 11. September kann Bush den Unmut nicht auf einen gemeinsamen äußeren Feind ablenken.

Vielleicht wird der Leiter der zivilen Katastrophenschutzbehörde Fema, Michael Brown, zurücktreten müssen, um Druck abzubauen. Das Weiße Haus lässt durchsickern, Bush mache derzeit deutlich Überstunden. Er komme vor sieben Uhr morgens ins Büro und arbeite nach neun Uhr abends immer noch.

Das Katastrophenmanagement rechnet damit, dass ganz New Orleans auf Wochen unbewohnbar bleibt. Wer noch dort ist, soll jetzt gezwungen werden zu gehen. Selbst wenn das Wasser aus der Stadt gepumpt sei, blieben von Giften kontaminierte Häuser und Straßen zurück, die desinfiziert werden müssten.

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