Zeitung Heute : Hilfe zur Selbsthilfe

Verschiedene Anbieter helfen Bewerbungen zu optimieren – aber helfen diese Dienstleistungen weiter?

Judith Kessler

Natürlich geht es auch einfach: Man schneidet die Stellenausschreibung seiner Wahl aus der Zeitung aus, formuliert schnell ein Anschreiben, geht dann zum Fotografen schräg gegenüber – lächelt nicht zu verkrampft in die Kamera – und fertig ist das Bewerbungsfoto. Das wird dann auf den Lebenslauf, der schon einige Zeit in der Schreibtischschublade lagerte, geklebt. Alles kommt in eine Mappe. Die in den nächsten Briefkasten. Kosten 55 Cent. Noch schneller geht’s mit einigen Standardsätzen im Bewerbungsformular auf der Website einer Firma. Chancen: 50:50 – maximal.

Vielen ist das zu wenig. Um ihre Chancen zu erhöhen, leisten sich immer mehr Jobsuchende professionelle Bewerbungshelfer. „Ich habe in meinen 20 Jahren als Trainer nicht eine Bewerbung gesehen, die ich nicht hätte toppen können“, sagt Gerhard Winkler. Für 110 Euro erstellt der Berliner eine komplette Bewerbungsmappe. Seine Kunden schicken ihm die Stellenanzeige und ihre eigenen Entwürfe. Winkler macht dann das Beste daraus. Die meisten seiner Kunden stammten aus der IT-Branche oder seien Naturwissenschaftler, die mit Sprache oft nicht gut umgehen könnten. Oft entschieden sich seine Klienten aus ganz pragmatischen Gründen für das Bewerbungs-Outsourcing. „Die haben einfach keine Zeit“, sagt Winkler. Der Trend geht zum bequemen Bewerber. Das hat auch Winklers Kollege Thomas Rübel vom Berliner Büro für Berufsstrategie in den letzten Jahren festgestellt. Die Karriereberatung wurde vor rund 15 Jahren von Jürgen Hesse gegründet. Obwohl Hesses Ratgeberbücher eine Millionenauflage haben, nutzen immer mehr Bewerber die individuelle Einzelberatung des Unternehmens. „Man kriegt eben lieber etwas erzählt als sich selbst einen Ratgeber durchzulesen“, meint Geschäftsführer Thomas Rübel. Viele fänden es auch einfach zu schwer, ein richtiges Anschreiben oder einen Lebenslauf zu verfassen. Im Beratungsgespräch mache oft erst der Coach den Bewerber auf Stärken aufmerksam, die er sonst in seinem Lebenslauf nie erwähnt hätte. 125 Euro pro Stunde kostet diese Hilfe zur Selbsthilfe.

Eine Investition, die sich lohnt, meint Arne tom Wörden, Leiter der Personalberatung beim Recruitingunternehmen Access. „Es ist erstaunlich, was teilweise in Anschreiben geliefert wird“, meint Arne tom Wörden. Ein Berater, der die richtigen Formulierungen findet, sei sein Geld daher schon wert.

Jutta Hargesheimer vom Personaldienstleister Adecco, sieht das Bewerbungscoaching kritischer. „Es gibt nach wie vor sehr viele Bewerbungen, die einer Optimierung bedürfen“, meint die Leiterin der Personalvermittlung. „Es ist fraglich, ob der Kandidat dann im persönlichen Gespräch die hohen Erwartungen, die er mit seinen Unterlagen geweckt hat, auch erfüllen kann.“

Das Coaching muss nicht bei der Bewerbungsmappe aufhören. Auch bei der Vorbereitung aufs Jobinterview müssen sich Kandidaten nicht länger auf die Lektüre einschlägiger Ratgeber verlassen. Statt verzweifelt vor dem Spiegel den gesamten Kleiderschrank auf der Suche nach dem perfekten Outfit durchzuprobieren, kann man sich auch bei Uta Amberg von „Imageline“ beraten lassen. Die Stilberaterin durchkämmt mit ihren Kunden den Kleiderschrank, berät bei Haaren und Make-up. „Wenn das Outfit nicht stimmt, ist der Interviewer leicht abgelenkt“, meint Amberg. Was der Kandidat inhaltlich sagt, spiele dann oft nur eine untergeordnete Rolle. Angelika Encke von der Stilberatung ImagoBerlin zieht mit ihren Kunden sogar durch die Boutiquen auf der Suche nach dem passenden Dress. „Ich suche für meine Kunden nach lässigen, selbstverständlichen Lösungen“, sagt Encke. Man könne einen Mann, der sonst in Pulli und verbeulten Jeans vorm Computer sitzt, nicht in einen Anzug quälen. „Der sähe aus wie ein Konfirmand.“ In diesem Fall rät die Stilberaterin eher zu einer Kombination. Ganz wichtig sei allerdings, die Kleidung vor dem Vorstellungsgespräch „einzutragen“. „Sie tragen ihr Outfit dann mit einer größeren Selbstverständlichkeit und wirken positiver.“

Die Wirkung seiner Kandidaten zeichnet Bewerbungschoach Thomas Rübel auf Video auf. „Wir haben einen bösen Fragebogen entwickelt, damit finden wir den wunden Punkt jedes Bewerbers“, verrät Rübel sein Trainingskonzept. So bereitet er seine Kunden für das Ernstfallinterview beim potenziellen Arbeitgeber vor. Außerdem würden seine Berater nach über zehn Jahren die wichtigsten Unternehmen kennen. „Wir können sehr genau sagen, wer die Interviews führen wird und unsere Kunden dann gezielt darauf vorbereiten.“

Die wissen das offenbar zu schätzen. Die Nachfrage nach den Bewerbungstrainings sei in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Immer mehr Menschen würden sich initiativ bewerben. Das seien die besonders motivierten Bewerber, die dann den Weg in sein Büro fänden. „Und wir wissen einfach wie’s geht.“

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