Zeitung Heute : Hilsberg will Marketing fürs platte Land

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Finsterwalde. Eigentlich ist Stephan Hilsberg als Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium nur mittelbar für die Gesundheit der Brandenburger zuständig. Doch die Schlagzeilen der letzten Tage über den Ärzte-Notstand im Land bereiten ihm Kopfzerbrechen. „Hier wird zum ersten Mal der akute Mangel an Fachkräften sichtbar, der auch für andere Branchen prophezeit, aber nie so richtig ernst genommen wurde“, sagte der Mitbegründer der Ost-SPD gestern dem Tagesspiegel. Seiner Ansicht nach können Greencards für Mediziner aus Osteuropa oder eine „Buschzulage“ für Landärzte keine Lösung des Problems sein.

Vielmehr müssten die betroffenen Regionen schnellstens ein Marketingkonzept erarbeiten, das den begehrten Medizinern die Vorteile einer Tätigkeit in der Lausitz, Prignitz oder Uckermark nahe bringt. „Ärzte, die hierher kommen, haben für Jahrzehnte einen sicheren Arbeitsplatz. Ihr Markt erweitert sich, weil die Menschen ja älter werden und die Immobilienpreise sind auch niedriger als in den großen Städten“, meint Hilsberg. Er kennt die Probleme mit mangelhafter ärztlicher Versorgung aus seinem Wahlkreis im Elbe-Elster-Gebiet rund um Finsterwalde, weiß aber, dass es sich dabei nicht um eine Spezifik Südbrandenburgs handelt. Schon länger warnen Ärzte, Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung vor dem sich abzeichnenden Mangel an Klinik- und Landärzten in ganz Deutschland. In den neuen Bundesländern kommt verschärfend hinzu, dass hier noch immer weniger verdient wird als im Westen.

Am Geld allein liegt es aber nicht, meint der ehemalige Ärztliche Direktor des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums, Josef Horntrich: „Wir hatten noch Mitte der 90er Jahre für jede ausgeschriebene Arzt-Stelle stapelweise Bewerbungen. Jetzt fehlen so viele Anästhesisten, dass Operationstermine verschoben werden müssen. Das größte Problem besteht in der Überregulation des Arztberufs, die demotivierend wirkt. Das beginnt damit, dass jeder Arzt befürchten muss, juristisch belangt zu werden, wenn er bei der Aufklärung des Patienten eine von vielen Nebenwirkungen aufzuzählen vergisst. Das geht über die Auseinandersetzungen zum Arbeitszeitgesetz bis hin zum schlechten Ruf, den die Skandale um korrupte Ärzte dem gesamten Berufsstand zufügen.“

Jörg Trinogga, Sprecher der AOK Brandenburgs, ist der Ansicht, dass die Versorgungssituation in den ländlichen Gebieten in drei bis fünf Jahren so brisant sein wird, dass man über eine Änderung der Organisationsformen nachdenken müsse. Dabei gehe es nicht darum, das DDR-Modell der Polikliniken wiederzubeleben, aber die Einrichtung von Gesundheitszentren mit angestellten Ärzten ist nach Trinoggas Meinung sinnvoll: „Da wären die Ärzte vom unmittelbaren ökonomischen Druck erlöst, müssten nicht selbst in medizinische Geräte investieren und könnten mit vielen Kollegen kommunizieren.“

Ob bei der heutigen Gesprächsrunde zwischen Vertretern der Ärzteschaft und den Kommunen über den Medizinermangel dieser Vorschlag geprüft wird, ist fraglich. Beim Potsdamer Gesundheitsministerium wollte man sich vorab nicht äußern. Das Ministerium moderiere die Veranstaltung nur, hieß es. Betroffen seien vor allem die „berlinfernen“ Regionen. Genau deren Interessen sieht Stephan Hilsberg momentan in Potsdam nicht vertreten. Er fordert deshalb die Bildung einer Arbeitsgruppe mit Gesundheitsexperten und Vertretern der Regionen.

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