Zeitung Heute : Himmelsfotos in der Juke-Box

Der Tagesspiegel

Von Thomas de Padova

Benoît Pirenne verwaltet ein Universum aus Milliarden Sternen. Sein Zimmer ist klein, die Elektronik geschäftig. Sie erfasst, ordnet, kopiert. In der Mitte des Raumes steht eine rechteckige Vitrine. Darin stapeln sich die Aufnahmen, die das Weltraumteleskop „Hubble" in den vergangenen Jahren gemacht hat, in zwei mannshohen DVD-Türmen.

Ein Schlitten läuft automatisch zum linken Stapel, fährt in die Höhe und greift, wie von unsichtbarer Hand geleitet, nach den Sternen. „Irgendjemand auf der Welt hat sich wohl gerade ein paar Sternbilder ausgesucht", sagt Pirenne, der Leiter des Archivs der Europäischen Südsternwarte (Eso) in Garching.

Die Himmelsfotos des Hubble-Teleskops belegen nur einen kleinen Teil des Speicherplatzes auf den mehr als 1000 Disketten in der transparenten Juke-Box. Viel mehr Raum nehmen die Bilder in Anspruch, die die beiden größten bodengebundenen Teleskope der Eso in Chile gemacht haben: 3,5 Terabyte Daten waren es allein im Vorjahr, genug, um 5000 CD-Roms damit zu füllen.

Dinos sterben aus

Pirenne nennt die schrankgroße Vitrine den „Dinosaurier" des Archivs. Nicht nur weil sie mittlerweile der stattlichste Datenspeicher im Zimmer ist. Sie ist auch die älteste Datenbank - und könnte bald das Zeitliche segnen.

Denn in diesem Archiv ist kein Platz für Altertümer. Wer erwartet hat, einen Fundort historischer Quellen zu betreten, den muss Benoît Pirenne enttäuschen. Das Archiv dient ausschließlich Verwaltungszwecken.

Dabei ist es mit systematischer Verwahrung und Verwertung nicht getan. Die Datenmenge der Astronomen wächst so rasant, dass auch die modernste Technologie nach kürzester Zeit schlapp macht. Im Eso-Archiv wechseln die Speichermedien im Drei-Jahres-Rhythmus.

„Bis 1996 haben wir noch optische Platten als Datenspeicher benutzt", sagt Pirenne. „Die waren teuer und schwer zu handhaben. Die Operateure mussten jede Platte in Lesegeräte einlegen."

Dann kamen die CDs. „Sie waren billiger, und wir haben die ganzen Daten umkopiert", sagt der Informatiker. Aber auch mit CDs war den Astronomen auf Dauer nicht zu helfen. „Wir haben ein dichteres Medium gesucht und 1999 zu den DVDs gewechselt. Jetzt denken wir wieder über die nächste Generation nach", sagt er und geht zu einem kleinen Regal. „Hier haben wir schon angefangen, ein neues System aufzubauen."

Die neue Anlage besteht aus ein paar einfachen, preisgünstigen PC-Boxen und magnetischen Speicherplatten. Auf jeder dieser Platten können 70 bis 80 Gigabyte an Daten archiviert werden. „Das reicht derzeit noch für die Himmelsaufnahmen aus einer Woche."

Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Mit der Fertigstellung der weltweit größten Teleskopanlage, des „Very Large Telescope" in der Atacama-Wüste in Chile, wird die Zahl der astronomischen Beobachtungen in den kommenden Jahren jedenfalls weiter zunehmen. Die vier großen Spiegel von mehr als acht Metern Duchmesser und die neuartigen lichtempfindlichen Empfänger der Kameras sammeln die Strahlen sehr weit entfernter Galaxien ein. Die ganze Anlage wird automatisch gesteuert und ist die ganze Nacht über in Betrieb. Wenn alle fehlenden Bauteile und die noch benötigten Hilfsteleskope bis 2003 installiert sind, werden die Wissenschaftler mit dem „Very Large Telesope" auch auf die Suche nach fernen Planeten gehen. Da kommen eine Menge Bilder zusammen.

Vorbereitung auf Datenflut

Die Europäische Südsternwarte bereitet sich inzwischen auf die zu erwartende Datenflut vor. Sie möchte ihr Archiv in Garching mit den Kapazitäten anderer internationaler Forschungsinstitutionen wie der Europäischen Weltraumorganisation zu einem neuen Netz verbinden, zu einem „virtuellen Observatorium". Es soll schneller sein als das Internet und Astronomen die Möglichkeit bieten, von überall her auf neueste Beobachtungsdaten zugreifen zu können.

„Wir wollen mit dem virtuellen Observatorium unter anderem zeigen, dass der Astronom auch mit Hilfe von Archiven gute Forschung betreiben kann", sagt Pirenne. „Denn nicht alle Wissenschaftler bekommen am Observatorium die Beobachtungszeit, die sie sich wünschen." Sie sollen sich künftig die gesuchten Daten nicht mehr an weit verstreuten Instituten mühsam zusammensuchen müssen, wie das heute noch der Fall ist. Zur Zeit analysiert ein Institut die Radiostrahlung einer Galaxie, ein anderes das Infrarotlicht und ein drittes die heiße Röntgenemission desselben Objekts.

Bis es aber so weit ist, dass der Wissenschaftler alle Himmelsbilder von seinem PC aus abrufen kann, wird die Eso ihre Computertechnologie wohl noch mehrfach austauschen müssen. Die beiden kleinen Juke-Boxen neben dem „Dinosaurier" künden bereits vom nächsten bevorstehenden Generationswechsel.

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