Zeitung Heute : Himmelsjäger und Stier Sternbilder ganz nah:

Das Hausdach als Aussichtsposten

Thomas de Padova

Die meisten Sterne sind nichts als kleine Pünktchen. Man kann sie mit dem stärksten Teleskop heranholen und sieht doch nur eine blinkende Winzigkeit, nicht einmal den Ansatz einer Struktur. Kein Wunder, dass Astronomen jahrtausendelang glaubten, alle Sterne wären gleich weit entfernt. Die Fixsternsphäre bildete in ihren Augen den Abschluss des Kosmos.

Aber nicht einmal die Sterne ein und desselben Sternbilds haben denselben Abstand von der Erde. Obwohl wir sie nur als flimmernde Lichtpunkte sehen, sind einige von ihnen doch nah und groß genug, dass Forscher sie inzwischen mit großen Teleskopen als ausgedehnte Scheibchen abbilden können. „Beteigeuze, der linke Schulterstern des Orion, war der erste Stern, bei dem es möglich war, den Durchmesser zu bestimmen“, sagt Adolph Kunert, als er die Stufen zu seiner astronomischen Schatzkammer unterm Dach hinaufgestiegen ist. Auf das Haus in der Onkel-Tom-Siedlung in Berlin prasselt der Regen, das Sternbild Orion versteckt sich wie so oft in diesen Nächten hinter dunklen Wolken.

Nur der Name Beteigeuze blitzt auf, den man nicht so schnell vergisst. Als sich Schriftkundige im 13. Jahrhundert an einer Übersetzung arabischer Sternenkataloge ins Lateinische versuchten, kam Beteigeuze dabei heraus, was auf Yad al-Jauza zurückgeht. Vermutlich bedeutet dies „Hand des Riesen“. Und ein Riese ist dieser Beteigeuze in der Tat!

Kunert blendet den Winterhimmel auf dem Computer ein. Er hatte alles für eine Beobachtung vorbereitet, nun muss die Software durch die grauen Schleier hindurchblicken. Das bekannte Sternbild Orion ist auch auf dem sternenübersäten Bildschirm kaum zu übersehen: in der Mitte die drei dicht aneinander gereihten Sterne, die den Gürtel des Himmelsjägers formen, darüber Beteigeuze und Bellatrix, die die Schulterpartie markieren.

„Die Sterne des Orion sind vom Typ her sehr unterschiedlich“, sagt der Mann mit den freundlichen, wachen Augen. Der rechte Fußstern Rigel ist eher bläulich, Beteigeuze lässt dagegen schon mit bloßem Auge einen rötlichen Farbton erkennen. Wenn wir zu ihm aufschauen, können wir davon ausgehen, das größte Einzelobjekt vor uns zu haben, das wir je zu Gesicht bekommen werden.

Der Stern ist auch wissenschaftlich gesehen ein Riese: ein Roter Riese, viele hundert Mal größer als die Sonne. An ihren Platz gesetzt, würde Beteigeuze fast bis zum Jupiter reichen und alle inneren Planeten, inklusive unserer Erde, verschlingen. Nur wenige Sterne sind noch größer. Den Rekord hält KY Cygni im Sternbild Schwan. Etwa 300 000 Mal so hell wie unsere Sonne hat er einen Durchmesser von mehr als zwei Milliarden Kilometern: Das ist fast so weit wie von der Sonne bis zum Saturn.

Adolph Kunert blättert in seinen Büchern und sucht nach genauen Angaben über die Leuchtkraft von Beteigeuze. Im zweiten Stock des Reihenhauses stehen Bücherregale, Fernrohre und Stative, Dias und CDs, die Stück für Stück die Entwicklung der Astronomie der zurückliegenden Jahrzehnte widerspiegeln.

Sein Großvater sei früh gestorben, sagt der 83-Jährige. „Er hinterließ mir fünf dicke Bände ,Weltall und Menschheit’, in denen ich als Jugendlicher vieles fand, wovon man in der Schule kaum etwas hörte.“ Als die Familie 1937 nach Berlin kam, wurde Adolph Kunert Mitglied einer Arbeitsgemeinschaft der Treptower Sternwarte. Bald darauf erlebte er bei Luftschutzübungen Berlin als völlig abgedunkelte Stadt. „Da habe ich zum ersten Mal ein Nordlicht gesehen.“

Viele Jahre später, nach Drogistenlehre und Dozententätigkeit, sollte die Liebhaberei und stete Freizeitbeschäftigung zum Beruf werden: Im April 1963 wurde er wissenschaftlicher Leiter der neuen Wilhelm-Foerster-Sternwarte, an der er bis 1987 blieb. Vor allem die Begeisterung der Kinder für die Astronomie, „der Wurzelzwerge“, habe ihn in dieser Zeit beflügelt. „Erst als Pensionär habe ich mir Computerkenntnisse angeeignet. Das war noch einmal eine völlig neue Welt und ist eine tolle Hilfe.“

Beteigeuze ist auch in der Fachliteratur nicht leicht zu fassen. Er verändert sich, sein Durchmesser schwankt. Der Stern dehnt sich aus, kühlt dabei ab, zieht sich zusammen, wird heißer und heller, expandiert erneut. Dieses unruhige Dasein kündigt das baldige Ende an. Irgendwann wird der Rote Riese seine Jo-Jo-Existenz aufgeben. Eines Tages wird er nicht mehr genügend Energie erzeugen können, der Kern wird in sich zusammenfallen, die äußeren Schichten schießen in einem Feuerwerk ins All. Ob Beteigeuze schon morgen explodiert oder erst in einigen Millionen Jahren, ist ungewiss.

„Solche Vorgänge gehören zum natürlichen Kreislauf der Materie“, sagt Kunert. Im Weltall gehe nichts verloren. „Eingebettet zu sein in diesen gewaltigen Raum, das hat eine beruhigende Wirkung auf mich.“ Obschon man den Himmel im Planetarium so wunderbar rekonstruieren könne, sei es für ihn ein großer Unterschied, die künstlichen Lichter an der Kuppel zu sehen oder nachts die wirklichen Sterne zu beobachten.

Im Sternbild des Orion gibt es noch mehr zu bestaunen als Einzelsterne. Fast unvorstellbare Ausmaße hat der Große Orion-Nebel, der unterhalb des Gürtels im Schwert des Himmelsjägers zu finden ist, im Teleskop ein rotes Flammenmeer mit hellen Schlieren. „Er ist mit seinen vielen Farben sehr eindrucksvoll. Mit bloßem Auge können wir nachts kaum Farben erkennen. Aber das Fernrohr sammelt viel mehr Licht aus einem kleinen Bereich des Himmels als unser Auge. Je größer der Durchmesser des Fernrohrs, umso farbiger sehen wir den Himmel.“

Der Große Orion-Nebel ist eine diffuse Gaswolke und aus unserer Perspektive größer als der Vollmond. Es ist eine Himmelsgegend, in der ständig neue Sterne geboren werden. Vier sehr heiße Sterne, die wegen ihrer Anordnung als „Trapez-Sterne“ bezeichnet werden, bringen diesen Nebel zum Leuchten.

Auch beim nächsten Besuch in der Onkel-Tom-Siedlung spielt das Wetter nicht mit. Nur hin und wieder zuckt ein Licht auf und erlischt wieder. War es das feurige Auge des Stiers oder ein ganz anderer Stern? Kunert braucht keine direkte Sicht, um zu erläutern, wo das rote Stierauge Aldebaran und das zugehörige Sternbild am Himmel zu finden wären. Vom Orion gelangt man direkt dorthin. Der Himmelsjäger schwingt seine Keule, um sich des Angriffs des Stiers zu erwehren. Wenn Sie die Zeitung umblättern, können Sie dies anhand der Zeichnung von Johann Elert Bode nachvollziehen.

Dort ist der Krebsnebel, den wir hier ebenfalls als Foto zeigen, nicht namentlich eingetragen. Er liegt zwischen den Hörnern des Stiers und gehört zu den meistfotografierten Himmelsobjekten. Auch seiner gut dokumentierten Geschichten wegen, von der Kunert erzählt:

Im Jahr 1054 beobachteten Astronomen in China und Japan einen „neuen Stern“ am Himmel. Diesen massereichen Stern hatte es zwar, wie wir heute wissen, schon vorher gegeben. Aber plötzlich strahlte er ungemein hell, als er einen Großteil seiner Masse explosionsartig von sich warf. Dieses Material fliegt heute noch mit einer Geschwindigkeit von mehr als 1000 Kilometern pro Sekunde auseinander und erzeugt einen rot schimmernden Nebel. Im Zentrum der einstigen Explosion ist ein kleiner rotierender Stern übrig geblieben, der wie ein Leuchtturm in schneller Abfolge Lichtkegel aussendet. Die Strahlung dieses Pulsars bringt den Nebel zum Leuchten.

„Eigentlich wollte ich mir auf dem Hausdach eine kleine Beobachtungskuppel bauen“, sagt Kunert. Aber in der von dem bekannten Architekten Bruno Taut gebauten Waldsiedlung bekam er vom Landeskonservator keine Genehmigung. Jetzt gibt es in seinem Dachzimmer zwei Luken: Durch die eine kann er ein auf einem Metallsockel montiertes Spiegelteleskop mit einer Kurbel nach oben fahren, durch die andere gelangt er selbst hinauf. Für die Beobachtung des Krebsnebels und des Großen Orion-Nebels reicht aber ein kleineres Teleskop aus. Es ist nicht so anfällig für Erschütterungen durch vorbeifahrende Autos.

Kunert stellt das Fernrohr in eine Ecke zurück. Über dem Ausguck hat sich die Wolkendecke geschlossen. Doch vielleicht wird ihn die Nacht noch einmal an den Beobachtungsposten zurückrufen.

In der Tagesspiegel-Geschäftsstelle gibt es alle Sternbilder des Tierkreises, gezeichnet von Johann Elert Bode, als hochwertige Poster im DIN A3-Format in einer Sammelmappe zum Gesamtpreis von 25 Euro (Einzelpreis 5 Euro). Als großformatiges Poster (1,60 cm lang, 50 cm hoch) ist auch die Milchstraße mit eingezeichneten Sternbildern für 15 Euro erhältlich: Potsdamer Str. 81-83 in Berlin-Tiergarten, Mo-Do 9 bis 18 Uhr, Fr 9 bis 16 Uhr, Tel: 26009-514.

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