Zeitung Heute : Himmlische Ruhe

Technik gegen Nervensägen: Wie Störsender Mobiltelefonen das öffentliche Bimmeln und Belästigen austreiben können

M. EHRENBERG

Irgendwann war es Pfarrer Don Francisco Lopez einfach zu viel. Immer dieses Gebimmel während seiner Andacht. Besucher, die vergessen hatten, in der Kirche ihr Handy auszustellen. Die Gläubigen sammeln sich zum Gebet, schauen zur Heiligen Mutter Gottes und dann…Bimmebimmelimm! Oder gar eine Fanfare, ein geloopter Popsong, die neuesten Klingeltöne aus einer Jackentasche, mitten in die Stille hinein. Da hatte der spanische Pfarrer eine Idee. Kurzerhand installierte er in seiner Pfarrkirche ein System, das den Empfang von Anrufen auf Mobiltelefonen innerhalb der Kirche verhindert.

Eine Nachricht, die aufhorchen lässt. Denn ob in Kinos, Museen, Krankenhäusern, Restaurants, Theatern, Schulen, Galerien oder Kirchen - dem SMS-Gepiepse und lauten Gesprächen an öffentlichen Orten ist immer weniger zu entkommen. Der Handy-Wahnsinn. Was einmal als nützliche Erfindung begann, hat sich zur allgemeinen Plage entwickelt. Doch mittlerweile gibt es eine Gegenbewegung, und die droht mit Handy-Blockern.

Das heißt konkret: Methoden, die bei Telefonen das Klingeln zu unpassenden Momenten verhindern. So wie beim Pfarrer Lopez, der vor seiner Predigt nur auf einen Knopf zu drücken braucht, um einen Frequenzblocker zu aktivieren. Noch ist die Pfarrei Morairan bei Alicante die einzige Pfarrkirche, die über so eine Anlage verfügt. Doch das Beispiel dürfte Schule machen, nicht nur in Kirchen. In den USA soll es schon Restaurantchefs geben, die Störsender einsetzen, mit denen alle Verbindungen im Umkreis von circa 80 Metern unterbrochen werden. Pech für denjenigen, der einfach nur mal durchgeben will, was oder mit wem er gerade isst.

Besitzer bekommt nichts mit

Die Technik zum Handy-Blocken ist frappierend einfach. Funktionsfähigkeit und Empfangsbereitschaft der Handys werden sozusagen „überstimmt“, ohne dass es der Besitzer mitbekommt. Im Internet kann man Geräte kaufen, die ein Kein-Netz-Signal erzeugen oder automatisch auf Vibrationsalarm umschalten. Eine Sendermethode sorgt dafür, dass die dekodierenden Schaltkreise von Mobiltelefonen so gestört werden, als befände sich keine Funkbasisstation innerhalb der Empfangszone.

Sobald nun der Handy-Blocker in Betrieb genommen wird, unterdrückt er das Einloggen des Mobiltelefons. Es gibt keine Verbindung zur Basisstation. Gespräche können weder angenommen noch aufgebaut werden.

Himmlische Ruhe also. Der Preis dafür: 850 Euro, gültig fürs D- und E-Netz. Das Problem nur: Der Einsatz von Handy-Blockern in Deutschland ist durch die Regulierungsbehörde für Telekommunikation verboten, da die Frequenzen exklusiv den Mobilfunkbetreibern zugewiesen sind und Störsender dieselben Frequenzen nutzen. Außerdem wären ja die Telefone bei einem Notfall unbenutzbar.

Das gilt auch für viele andere europäische Länder. Der spanische Pfarrer hat noch keine Anzeige bekommen, aber in England ist ein Mann zu einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten verurteilt worden, weil er Störsender verkauft hatte. In Japan hingegen sind Handy-Blocker unter gewissen Bedingungen gestattet. Und da es immer mehr Leute gibt, die an unmöglichen Orten angerufen werden und dann eine Ewigkeit in der Tasche wühlen, bis sie ihr Handy gefunden haben, wird weiter an Störsender-Varianten getüftelt, die auch in Deutschland einsetzbar sind. Bei eBay sollen schon diverse Geräte gesichtet worden sein, die bis zu 1000 Euro kosten.

Flirt-Überfall in der U-Bahn

Aber was sind Handys eigentlich noch wert, wenn sie ein Fremder per Knopfdruck quasi ausstellen kann? Handy-Hersteller wie Samsung sehen diese Entwicklung gelassen. „Es gibt bei uns unten rechts eine ,Short-Cut‘-Taste, bei der man mit einem Knopfdruck auf Vibrationsalarm stellen kann. Die sollte jeder beherrschen. Was soll da der Quatsch mit Handy-Blockern?“, sagt Samsung-Sprecher Udo Magnussen. Das sei so, als würde man an jedem Ortsschild einen Sender einbauen, der die Geschwindigkeit der Autos automatisch auf 50 km/h reduziert. „Und was ist dann mit den Rettungswagen?“ Wichtig sei stattdessen „ein Handy-Knigge, eine allgemeine Kultur zur Frage, wo man telefoniert und wo nicht“.

Und manchmal können Handys ja auch ein Segen sein, als Mittel der modernen Kontaktanbahnung – als Gelegenheit zum Kennenlernen in Vorortzügen. In London haben Pendler eine Flirtmethode entwickelt, bei der alle Leute im Umkreis von 20 Metern angefunkt und verbunden werden, die ein aktiviertes Bluetoothhandy besitzen. Dabei kann es passieren, dass sich Mann und Frau in einem Abteil plötzlich kennen lernen – nach einer ziemlich mehrdeutigen Botschaft auf ihrem Handy-Display („Schnelle Nummer…“). „Toothing“ heißt dieser Flirttrend. Das funktioniert offenbar so gut, dass es schon „Toothing“-Guides für Anfänger gibt. In Deutschland sollen sich die ersten Kontaktsuchenden an Bahnhöfen in Frankfurt, Düsseldorf und Köln getroffen haben.

Hierbei wäre es wohl eher schade, wenn diese Handy-Blocker zum Einsatz kämen. Allerdings haben noch relativ wenige Mobiltelefone überhaupt Bluetooth-Funktion. Gott sei dank, meint dazu ein Handy-Hasser im „Toothing“-Online-Forum: „Die nächste Steigerung! Nach der Spamflut nun auch noch die Belästigungen durch wildfremde Passanten. Gratuliere!“

Infos im Internet:

www.alarm.de (Handy-Blocker)

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