Zeitung Heute : Himmlisches Eisenbahnvergnügen

Der Tagesspiegel

Auch im Weltall wird es bald eine Eisenbahn geben. Heute abend soll die Raumfähre Atlantis von Cape Canaveral in Florida zum Flug STS-110 starten. Sobald die Fähre an der Internationalen Raumstation ISS (International Space Station) andockt, sollen die Astronauten mit dem Bau der außerirdischen Bahnstrecke beginnen. Das erste Teilstück wird 13 Meter lang sein. Nach Fertigstellung in etwas mehr als zehn Tagen können die Gleisarbeiter der Schwerelosigkeit wieder den Heimflug antreten.

Für irdische Verhältnisse ist die als Endausbau vorgesehene Länge von 110 Metern zwar wenig beeindruckend. Für den Orbit dagegen bedeutet dies eine Premiere – vergleichbar etwa mit der ersten deutschen Eisenbahnstrecke, die 1835 die Städte Nürnberg und Fürth verband. Wie damals die erste Teilstrecke allmählich zu imposanter Länge wuchs, wird auch das außerirdische Netz nach und nach entstehen.

Beim Bau der Schienenstrecke, die die verschiedenen Teile der Raumstation miteinander verbinden soll, sind die US-Astronauten extremen Bedingungen ausgesetzt. Die Temperaturunterschiede seien weitaus größer, als diejenigen, welche die Arbeiter der ersten transkontinentalen Eisenbahnverbindung erdulden mussten, sagt Tom Farrell, Manager der US-Weltraumbehörde Nasa.

Doch die Anstrengungen dürften sich lohnen, denn die Bahnstrecke erleichtert Arbeiten und Wohnen auf der Raumstation ziemlich. Auf die Schiene kann ein kleiner Handwagen gesetzt werden, an dem sich die Astronauten festhalten können, um so schnell von einem Ende des Sonnendachs zum andern zu kommen. Dies ist beispielsweise bei Reparaturarbeiten vorteilhaft.

Auch an die Beförderung von Lasten haben die Konstrukteure gedacht. Ein Transportfahrzeug dient als mobile Basis für einen Roboter, dessen Greifarm die Besatzung mit dem Nötigsten versorgen kann. Das Fahrzeug hat ein Ladegewicht von 20 Tonnen, wird von 30 Elektromotoren angetrieben und „rast“ mit höchstens 91 Metern in der Stunde über die Schienen. „Wie die transkontinentale Bahn unser Land enger zusammengebracht hat, so bringen diese Schienen 16 Nationen aus aller Welt zusammen, die im Orbit kooperieren“, sagt Farrell.

Bei aller Freude über die internationale Kooperation im All wirft die Angst vor dem irdischen Terror einen Schatten auf die jetzige Mission – zumindest auf den Start. Entgegen früher gepflegter Offenheit und Informationsbereitschaft wurde diesmal der genaue Zeitpunkt des Countdowns bis 24 Stunden vor dem Start geheimgehalten. Die Nasa habe sich entschlossen, „auf der sicheren Seite zu sein“, sagte Sprecher Bruce Buckingham. Die Öffentlichkeit solle so gut wie möglich informiert werden, dies dürfe aber nicht auf Kosten der Sicherheit gehen.

So gab die Raumfahrtbehörde Anfang der Woche lediglich bekannt, dass der Countdown begonnen habe und dass der Start am Donnerstag zwischenen 14 und 18 Uhr Ortszeit stattfinde. Nach mitteleuropäischer Zeit soll Atlantis also zwischen 21 Uhr am Donnerstagabend und ein Uhr Freitagnacht abheben. Die Wahrscheinlichkeit auf günstiges Wetter für den Start betrug am Mittwoch siebzig Prozent. Fernsehbilder von den Astronauten am Start-Tag wird es diesmal allerdings nicht geben.

Die sieben Astronauten sollen elf Tage im All bleiben und neue Ausrüstung, Lebensmittel und Kleidung zur Raumstation bringen. Es ist der erste Besuch für die ISS-Besatzung seit Dezember letzten Janhres und der 13. Shuttle-Flug zur Weltraumstation überhaupt. An Bord befinden sich neben den Eisenbahnschienen auch Teile eines metallenen Rahmens, der an dem 8,4 Meter langenWissenschaftslabor „Destiny“ installiert werden soll. An dieser Art Rückgrat können weitere ISS-Teile sowie Generatoren und Hitzeschilder angebracht werden.

Um die Schienenverbindung aufzubauen, sind insgesamt vier Ausflüge vorgesehen. Die Weltraumspazierer von STS-110 sollen auch den mobilen Transporter einrichten, der später mit dem System verbunden wird. Dies erlaubt es dem Roboterarm, zu rangieren und zu manövrieren. Da damit auch entferntere Stellen der Station erreichbar sind, kann der Roboter vorteilhaft für die Installation des Rückgrats eingesetzt werden .Paul Janositz

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