Zeitung Heute : Hingehen zur Revolution muss man schon selbst

Die Organisation ICANN[teilweise als zukünft]

W. Kleinwächter gehört zu den wenigen Deutschen, die sich mit der neuen Weltinformationsordnung im Internet-Zeitalter beschäftigen.

Die Organisation ICANN, teilweise als zukünftige "Weltregierung des Internet" apostrophiert, führt Wahlen durch. Warum sollen Internet-User eigentlich wählen gehen?

Das Internet verändert unseren Alltag, unsere Art zu kommunizieren, zu arbeiten, zu leben. Heute sind knapp 200 Millionen Menschen am Netz, das sind drei Prozent der Weltbevölkerung. Bald werden daraus 500 Millionen, eine Milliarde und mehr. Immer mehr Menschen verbinden ihre Lebenswelt mit dem Internet. Wie der "Citizen" über sein Gemeinwesen mitbestimmt, sollten auch die "Netizens" ihr Leben im Netz mitgestalten können.

Von den neun Direktoren, die die Internet-Nutzer repräsentieren, sollen erst einmal einer pro Weltregion gewählt werden. Reicht das aus?

Das ist ein erster Schritt. In der Zukunft könnte die Vertretung der "Netizens" noch ausgebaut werden. Beispielsweise hielte ich einen "Membership Council" mit 300 gewählten Vertretern für sinnvoll. Ein solcher Council wäre dann eine Art Internet-Weltparlament und könnte den ICANN Board hinsichtlich der sozialen Konsequenzen ihrer technischen Entscheidungen beraten. Der Rat würde auch die neun Direktoren nominieren, die die Internet-Gemeinschaft im Board vertreten, genauso wie die Industrievertreter über ihre ICANN-Gremien, die sogenannten Supporting Organizations, die anderen neuen Direktoren bestimmen.

Was sollen die deutschen "Netizens" bis dahin tun, einfach mal wählen?

Es ist schon gut, wenn sich viele kundig machen. Für die Selbstverwaltung des Internet ist eine engagierte Zivilgesellschaft gefordert, die selbstbewußt zwischen den Polen Markt und Staat steht. Wir neigen in Deutschland ja dazu, erst mal nach der Zuständigkeit zu fragen, alles auf den Staat abzuschieben oder die Wirtschaft zu kritisieren. Das Internet hat von Anfang an anders funktioniert. Was Selbstorganisation und Entscheidungsprozesse angeht ist das schon eine Revolution. Aber: Hingehen müssen Sie zur Revolution selber, sie wird nicht zu Ihnen kommen, allenfalls an Ihnen vorbeigehen.Das Interview mit Professor Wolfgang Kleinwächter führte Monika Ermert

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar