Zeitung Heute : Hinrichtung McVeighs: 168 Minuten Schweigen

Malte Lehming

Was der Tod für ihn bedeute, war Timothy McVeigh vor seiner Hinrichtung von Dan Herbeck gefragt worden. Herbeck ist einer der beiden Autoren, die 75 Stunden lang in der Haftanstalt Interviews mit dem Attentäter von Oklahoma geführt und anschließend ein Buch mit dem Titel "Der amerikanische Terrorist" darüber geschrieben hatten. "Der Tod ist ein Teil des gesamten Abenteuers", sagte McVeigh. "Falls ich herausfinden sollte, dass es ein Leben danach gibt, werde ich einfach improvisieren, mich anpassen und mit der neuen Situation fertig werden." Diese drei Schritte hatte man dem Golfkriegsveteranen bei der Armee beigebracht. Wer mit einer ungewöhnlichen Situation konfrontiert wird, muss improvisieren, sich anpassen und mit der neuen Lage fertig werden. Vielleicht ist das kein schlechter Vorsatz.

Am Montag, um 7 Uhr 14 Ortszeit (14 Uhr 14 MEZ), war McVeigh tot. "Der Auftrag wurde ausgeführt", sagte lapidar der Gefängniswärter Hardley Lappin einige Minuten später auf dem Gelände des Bundesgefängnisses in Terre Haute vor Hunderten von Mikrofonen. Dann erfuhr die Welt von den zehn Augenzeugen, die als Pressevertreter dabei sein durften, jedes Detail der Exekution. Weil die Live-Bilder fehlten, wurde umso akribischer berichtet. Dass er blass und dünn war, aber ruhig und kooperativ, dass die Injektionsnadel in sein rechtes Bein gelegt worden war und er seine Augen bis zum Schluss geöffnet hatte, dass er nichts mehr sagte, dafür aber ein handschriftliches Gedicht hinterlegt hatte, dass er fast kahlköpfig rasiert war und einigen Augenzeugen noch leicht zugenickt hatte. Nichts blieb verborgen. Nichts blieb unkommentiert. Wenn sich der 33-Jährige gekratzt und dabei leicht gegrinst hätte, wäre das bestimmt als geheimes Zeichen interpretiert worden.

Denn auch die wenigen Informationsbrocken, die in den vergangenen 24 Stunden überhaupt noch durchgesickert waren, waren in den Medien hin- und hergewendet worden. Bei seiner nächtlichen Verlegung in die Todeszelle hatte er zum ersten Mal seit Jahren wieder den Mond gesehen, erzählte zum Beispiel einer seiner Anwälte. Mitgefangene sagten aus, McVeigh sei Wochen vor seiner Hinrichtung auf Diät gegangen, um am Tag selbst wie ein ausgemergelter KZ-Häftling auszusehen. Zu dieser Theorie schien auch die Wahl seiner Henkersmahlzeit zu passen - nur zwei kleine Kugeln Pfefferminzeis mit Schokoladenstreuseln.

Zwei Faktoren erklären das Medien-Interesse. Es war zum einen die erste Hinrichtung, die der amerikanische Bundesstaat seit 38 Jahren vollstreckte. Und zum anderen hatte der Hingerichtete das schlimmste Verbrechen begangen, das je auf amerikanischem Boden verübt worden war. In Oklahoma City hatte Timothy McVeigh am 19. April 1995 um 9 Uhr 03 eine Bombe vor einem öffentlichen Gebäude gezündet und 168 Menschen getötet, darunter waren 19 Kinder.

In der Stadt selbst wurde der Montag deshalb als VE-Day begangen. Das steht für Victory over Evil, den Sieg über das Böse. Schon im Morgengrauen waren knapp 300 Überlebende und Angehörige von Opfern zur örtlichen Polizei gefahren und hatten sich dort versammelt. Dann wurden sie in Extra-Bussen auf das Flughafengelände gebracht, wo sie in einem flachen Raum, der vor den Medien streng abgeschirmt wurde, auf grauen Klappstühlen der Video-Übertragung aus Terre Haute folgen konnten. Das hat nicht ganz perfekt geklappt. Anfangs gab es Probleme. Die Leitung stand nicht. Deshalb begann die Hinrichtung mit wenigen Minuten Verspätung.

Doch nicht Genugtuung ist das Grundgefühl, das sich bald darauf einstellte, sondern Erleichterung. Ein Aufatmen geht durch die Stadt. "Das ist das Ende eines Kapitels, aber nicht das Ende des Buches", sagte einer von ihnen. Denn die meisten Hinterbliebenen wollen vor allem eines: Nie wieder etwas von Timothy McVeigh hören. Wie hatte er sie durch das Medien-Interesse an seiner Person auch nach der Tat noch gequält! Er gab Interviews, schrieb Briefe, die veröffentlicht wurden, stand Buchautoren Rede und Antwort, bezeichnete die ermordeten Kinder als "Kollateralschaden". In den vergangenen Monaten verging kein Tag mehr, an dem sein Name nicht in der Zeitung stand oder im Fernsehen erwähnt wurde. Das hielt die Tat ebenso dauerhaft präsent wie die Trauer über den Verlust von Familienmitgliedern. Als dann noch kurz vor dem ursprünglich angesetzten Hinrichtungstermin Mitte Mai völlig überraschend einige Tausend FBI-Dokumente auftauchten, wodurch eine Verschiebung notwendig wurde, setzte das die Nerven vieler Angehöriger endgültig einer Zerreißprobe aus. Die psychische Belastung muss so groß gewesen sein, dass eigens eine Telefonnummer eingerichtet wurde, die die Betroffenen wählen können, wenn durch die Berichterstattung die Traumata wieder hochkommen.

Nur wenige Hundert Gegner und Befürworter der Todesstrafe demonstrierten am Montag auf dem Gefängnisgelände. Die einen trugen Schilder mit der Aufschrift "Stop the Killing" und sangen "We Shall Overcome", die anderen hoben Tafeln vor die Kameras, auf denen "Bye Bye Baby Killer" zu lesen war. Am beeindruckendsten war das 168-minütige Schweigen der Todesstrafen-Gegner, das um 4 Uhr 12 Ortszeit begann und an die 168 Opfer erinnern sollte.

McVeigh soll vor seiner Hinrichtung auffallend ruhig gewesen sein und gut geschlafen haben. An seinem letzten Tag schrieb er Briefe und sah fern. Die Autopsie seiner Leiche hat er sich verbeten. Stattdessen soll sie verbrannt und die Asche einem seiner Anwälte gegeben werden. Der hat bereits angekündigt, dass es auf immer ein Geheimnis bleiben wird, wo die Asche schließlich beigesetzt wird. Das Grab des amerikanischen Terroristen, der sich nach nichts so sehnte wie nach Aufmerksamkeit, ist ohnehin ein anderes. Es sind die Medienarchive der gesamten Welt.

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