Zeitung Heute : Hinter chinesischen Mauern

In den ersten Jahren im Gefängnis wollte er keine Reue zeigen. Später konnte er nicht mehr. Nun ist Yu Dongyue, einst Demonstrant auf dem Platz des Himmlischen Friedens, frei

Harald Maass[Peking]

Die Stimme am Telefon klingt ängstlich. „Mein Bruder kann keine Besucher empfangen“, erklärt ein Mann im Hunaner Bauerndialekt. Im Hintergrund sind Kinderstimmen zu hören, Küchengeräusche, man stellt sich ein Familientreffen in der chinesischen Provinz vor. Vor einer Woche ist Yu Dongyue, der ältere Sohn der Familie Yu im Landkreis Shegang, aus dem Gefängnis entlassen worden. Während der Studentenproteste 1989 in Peking hatte Yu, damals ein junger Journalist bei einer Staatszeitung, zusammen mit zwei Freunden Farbbeutel auf das Mao-Porträt am Platz des Himmlischen Friedens geworfen. Fast 17 Jahre saß Yu deshalb in Arbeitslagern, wurde gefoltert und verprügelt, bis er gebrochen war. „Er ist geistig verwirrt“, sagt sein Bruder, Yu Xiyue. „Er erkennt seine eigene Familie nicht mehr.“

Peking im Mai 1989. Seit Wochen versammeln sich jeden Tag Tausende Studenten und Pekinger Bürger zu Protesten auf dem Tiananmen, dem großen Platz des Himmlischen Friedens. Die zumeist jugendlichen Demonstranten fordern mehr Offenheit in den Medien, einige sprechen sogar von Demokratie. Doch manche sind sich auch der Gefahr bewusst. Wie lange mag die Kommunistische Partei die Demonstrationen dulden? Yu Dongyue ist damals 21 Jahre alt und Kulturredakteur bei der „Liuyang Zeitung“, einer Lokalzeitung in seiner Heimat Hunan.

Yu war mit dem Zug in die Hauptstadt gereist, auf dem Platz des Himmlischen Friedens herrscht Volksfestatmosphäre. Zusammen mit zwei Freunden, Yu Zhijian und Lu Decheng, entfaltet Yu zwei Transparente am Tor zum Kaiserpalast. „5000 Jahre Autokratie müssen jetzt zu Ende gehen“ und „Der Personenkult muss jetzt beendet werden“. Ähnliche Forderungen sind auf Hunderten anderen Transparenten auf dem Platz zu lesen.

Doch Yu und seine Freunde machen noch mehr. Am 23. Mai werfen sie mit roter und schwarzer Farbe gefüllte Eierschalen auf das große Porträt des Vorsitzenden Mao.

Aus Angst, dass das besudelte Bild die bis dahin friedliche Studentenbewegung in Verruf bringen könnte, entscheiden sich die Studenten, selbst gegen die Farbwerfer vorzugehen. Die Demonstranten übergeben Yu und seine beiden Begleiter an die Behörden. Das Mao-Bild ist nach einigen Stunden ausgewechselt. Doch die Hoffnung der Studenten, Pekings Führer noch beschwichtigen zu können, ist vergeblich. In der Nacht zum 4. Juni schließlich schicken die KP-Mächtigen Soldaten und Panzer auf den Platz. Hunderte oder gar Tausende Demonstranten werden ermordet.

Yu Dongyue verschwindet in den Kellern der chinesischen Gefängnisse. „Wir haben ihn erst nach zwei oder drei Jahren wiedergesehen“, sagt der Bruder. Yu war mittlerweile der Prozess gemacht worden, wie Tausenden anderen jugendlichen Mitläufern auch. Der Mittlere Volksgerichtshof in Peking befand die drei Farbwerfer der „konterrevolutionären Agitation“ für schuldig. „Sie besudelten, konterrevolutionäre Sabotage treibend, am helllichten Tag das große Porträt des Führers Mao, das am Tiananmen-Turm hängt, sowie das Mauerwerk“, heißt es in der Urteilsbegründung vom 11. August 1989. Yus Strafe: 20 Jahre Gefängnis. Er wird in das Hunan Provinzgefängnis Nummer 3 in Lingling verlegt, wo er die ersten zwei Jahre in Isolationshaft verbringt. „Als wir ihn damals sahen, war er geistig noch in guter Verfassung“, sagt der Bruder.

Doch Yu begeht nun ein Verbrechen, das in den Augen der chinesischen Wärter noch schlimmer ist als das Farbeierwerfen: Er will nicht gestehen, dass es ein Fehler war. Im chinesischen Strafsystem wird Häftlingen Reue abverlangt. Wer sich weigert, sie zu zeigen, wird systematisch gequält. Nach Aussagen von Mithäftlingen wurde Yu regelmäßig verprügelt. Sein Kopf sei „mit Narben übersät“ gewesen, berichtet die Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Einmal habe man ihn an einen Pfahl gebunden und tagelang in der Sonne gelassen, ehe er erneut für zwei Jahre in eine Einzelzelle gesperrt wurde. Irgendwann wurde Yu, der später in das Provinzgefängnis Nummer 1 verlegt wurde, wahnsinnig. „Ein oder zwei Mal im Jahr durften wir ihn besuchen“, sagt der Bruder. Doch Yu erkannte selbst seine Mutter nicht mehr.

Zwischen 70 und 300 Demonstranten von 1989 sitzen heute noch im Gefängnis, schätzt John Kamm von der amerikanischen Gefangenen-Stiftung Duihua (Dialog). Von vielen sind im Westen nicht einmal die Namen bekannt. Manchen der damals prominenten Studentenführern gelang in den Wirren 1989 mit Hilfe von ausländischen Botschaften die Flucht. Andere damals Inhaftierte wurden nach einigen Jahren Gefängnis freigelassen, so auch die beiden Farbeierwerfer Lu Decheng und Yu Zhijian. Der ehemalige Busfahrer Lu schaffte es, während er auf Bewährung war, sich 2004 nach Thailand abzusetzen. Der frühere Lehrer Yu Zhijian kam 2000 vorzeitig frei – Peking bewarb sich damals um die Ausrichtung der Olympischen Spiele. Weil er sich vor ein paar Wochen an einem Hungerstreik beteiligte, ist er nun wieder in Polizeigewahrsam. Nur Yu Dongyue musste weiter hinter Gittern für das beschmutzte Ansehen der KP büßen. In den ersten Jahren seiner Haft wollte er keine Reue zeigen. Später konnte er nicht mehr.

Die Mutter habe zur Feier der Rückkehr Xihongshi Jidan gekocht – ein Omelett mit Tomaten, erzählt der Bruder. Früher war das Yus Lieblingsgericht. Er ist 38 Jahre alt, kann sich nicht mehr alleine anziehen, sich nicht selbst waschen. „Meine Eltern helfen ihm dabei“, sagt der Bruder. Die meiste Zeit des Tages sitze Yu vor dem Fernseher und rede wirres Zeug. „Wir hoffen, dass er sich nun langsam erholt.“

Wenn er arbeiten könnte, dürfte er nicht, jedenfalls nicht bei seiner Zeitung oder in einem anderen Staatsbetrieb. Vorschrift bei ehemaligen politischen Gefangenen. Auch der Kontakt mit ausländischen Journalisten ist verboten. Und er wird beobachtet werden, sagt John Kamm, der Mann von der Stiftung. Für den Rest seines Lebens.

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