Zeitung Heute : Hinter dem Horizont

Keine Zeit zum Trauern – die Demokraten suchen eine neue Parteispitze

Matthias B. Krause[New York]

John F. Kerry hat bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten deutlich verloren. Was wird die Demokratische Partei jetzt tun?

Dieses Mal, dachten sie, hätten sie alles richtig gemacht. „Wir hatten das Geld, wir hatten so viele Helfer am Boden wie nie zuvor, wir hatten einen guten Kandidaten, der Fuß an Fuß mit dem Präsidenten gekämpft und ihn in zwei Debatten besiegt hat“, stöhnt Harold Ickes. Mit seiner Organisation „America Coming Together“ sammelte er hunderte von Millionen Dollar, um John Kerry zu unterstützen. „Wir hatten alles und trotzdem haben wir verloren“, sagt er, „jetzt werden die Leute fragen: Was müssen wir noch tun?“

Der Schock fällt bei der demokratischen Partei besonders groß aus, weil sie auch im Senat und im Kongress Stimmen verlor und keinen einzigen Gouverneursposten dazugewann. Eine Niederlage auf ganzer Linie. Besserung ist nicht in Sicht. Die Daten der Meinungsforscher zeigen, dass die Partei die Verbindung zu den religiös geprägten Menschen im Süden und im mittleren Westen verloren hat. „Wenn 40 Prozent der Wähler regelmäßig in die Kirche gehen und bei ihnen Bush mit 20 Prozentpunkten vorne liegt – was ist daran nicht zu verstehen?“, fragt Peter D. Hart, ein von den Demokraten hoch respektierter Wahlanalyst.

Die Botschaft ist sehr wohl angekommen. „Jedes Mal, wenn wir erfolgreicher bei den Nicht-Kirchgängern sind als bei den Kirchgängern, haben wir ein großes Problem im Süden“, sagt der demokratische Senator John Breaux aus Louisiana. Ein Kandidat, der das auf die Schnelle ändern könnte, ist jedoch nicht in Sicht. Wenn die Partei darüber nachdenkt, wer als Nächstes das Rennen um das Weiße Haus aufnehmen könnte, taucht zuerst der Name Hillary Clinton auf. „Sie ist akzeptabel für alle“, sagt Donna Brazile, Kampagnenmanager von Al Gore 2000, „der gemäßigte Flügel mag sie, die Linken mögen sie. Keine Frage, Hillary ist die Person, auf die sich alles fokussieren wird.“

Da wäre nur ein Problem. Die ehemalige First Lady bringt genau jene Eigenschaften mit, die auch Kerry das Leben schwer machten. Sie ist Senatorin in einem Ostküstenbundesstaat (New York), ohne Wurzeln im Süden oder im mittleren Westen. Doch wer sonst? Dass Kerry noch eine Chance erhält, gilt als unwahrscheinlich. In der Geschichte der Demokraten gewährten sie nur einmal einem Verlierer einen zweiten Anlauf – und der ging auch schief. Möglicherweise wird Kerry den Fraktionsvorsitz im Senat übernehmen, der vakant ist, weil Tom Daschle in South Dakota scheiterte. In jedem Fall bleibt er Senator. Das wird aber nur gelingen, wenn sich auch der Teil der Partei zu seiner Wahl durchringt, der ihn nicht leiden kann.

John Edwards wäre ein Kandidat für einen neuen Anlauf, diesmal als Präsident, nicht als Vize, er scheidet als Senator als im Januar aus und hätte den Senat dann Wahlkampfplattform. Der in South Carolina als Sohn eines Mühlenarbeiters Geborene brächte zumindest die richtige Biografie mit. Doch weder an die Prominenz einer Hillary Clinton reicht er auch nur annährend heran, noch kann er auf ein so weit verzweigtes, spendenfreudiges Netzwerk zurückgreifen. Mindestens genauso wichtig wie ein starker Kandidat wäre eine in ihrem Profil geschärfte Partei, um die nur von Bill Clinton unterbrochene Serie von fünf Niederlagen in sieben Präsidentschaftswahlen zu durchbrechen. Politisch und moralisch. Oder, wie es die demokratische Senatorin Blanche Lincoln ausdrückte, die in Arkansas wiedergewählt wurde: „Wenn die Leute mit so vielen Problemen kämpfen wie hier, halten sie sich am Glauben und ihren Gebeten fest. Ich habe keine Schwierigkeiten, mich vor eine Menge zu stellen und zu sagen, wie wichtig mir mein Glaube ist. Die Demokraten müssen sich damit anfreunden.“

Damit sich etwas ändern kann, bedarf es zuerst einer grundsätzlichen Erkenntnis: Dass der Sieg von George W. Bush keine knappe Niederlage der Partei und ihres Kandidaten gegen einen Präsidenten in Kriegszeiten war, sondern vielmehr das Zeichen eines fundamentalen Wandels im Land.

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