Zeitung Heute : HINTER DEN KULISSEN

Der Tagesspiegel

Es duftete so verführerisch, dass Justizsenatorin Karin Schubert ordentlich Hunger bekam. Da war es mittags um zwölf und ihr fielein, dass sie vor lauter Morgenterminen noch gar nicht zum Frühstücken gekommen war. Die Senatorin, die sich bei Besuchen sämtlicher Justizeinrichtungen ein Bild macht, stand in der Bäckerei der Justizvollzugsanstalt Tegel, wo Brot für alle Gefängnisse gebacken wird und auch für die Bundeswehr. Sie bat also um ein Stückchen Brot. Das wurde sogleich in Form eines Vierpfünders herbeigeholt und eine dicke Scheibe davon abgesäbelt. Die trockene Stulle soll ihr wunderbar gemundet haben.

Seit Menschengedenken holten sich die Justizsenatoren ihre Pressesprecher aus der Staatsanwalt oder Richterschaft. Der frühere Senatssprecher Helmut Lölhöffel, der nun für Karin Schubert spricht, ist wohl der erste Nichtjurist. Da wird er sehr genau von den juristisch versierten Beamten beäugt. Der gelernte Journalist machte sich jetzt bei vergnüglicher Lektüre (Uwe Wesel: „Jura für Nichtjuristen“) schlau. „Die Gerichtssprache ist Deutsch“, zitierte Wesel aus dem Gerichtsverassungsgesetz (Paragraph 184) und kommentierte den Satz so: „Aber das ist kaum möglich, denn dort wird eine andere Sprache gesprochen als Deutsch: die Sprache der Juristen. Sie zeichnet sich aus durch hohe Abstraktion, wenig Anschaulichkeit, eigene Begriffe, umständlichen Stil mit langen Sätzen, Verschachtelungen und vielen Substantiven.“ Lölhöffel fand sich bestätigt.

Im Roten Rathaus ist man mit einem größeren internen Umzug des Presseamtes beschäftigt. Im Sinne der kurzen Wege sitzt nun alles dicht bei Senatssprecher Michael Donnermeyer (SPD). Nur dessen neuer Stellvertreter Günter Kolodziej (PDS) ist noch nicht am Ziel seiner Wünsche. Als Kolodziej das ihm zugewiesene Büro betrat, besah er sich das zum Schreien komische Mobiliar und konnte nur Njet sagen: ein niedlich geschwungener Damenschreibtisch und ein viel zu großer Konferenztisch, beides türkisfarben mit eingelegten braunen Holzstreifen, erregten sein Missfallen. Es sind „Erbstücke“, die sich die einstige Bundessenatorin Heide Pfarr (1989/90) ausgesucht hatte. Keiner wollte sie – Herr Kolodziej auch nicht. In seiner freundlichen Beharrlichkeit erwirkte er eine „Bemühenszusage“ für praktische Möbel, natürlich auch aus dem Magazin.

Reihenweise bekamen Spitzenpolitiker den Unmut ihrer Parteien zu spüren. Erst brauchte SPD-Chef Peter Strieder bei der Senatswahl zwei Anläufe. Dann stürzte die CDU ihren Chef Eberhard Diepgen. Und vor einer Woche glückte FDP-Landeschef Günter Rexrodt die Wiederwahl nur mit Ach und Krach im zweiten Wahlgang. „Heute kriegt Günter eine rein“, hieß es auf dem FDP-Parteitag. Das war die Quittung für die Totgeburt der Ampel-Koalition und Rexrodts raschen Rückzug vom Abgeordnetenhaus. Nach der Demütigung war allen wohler. Sogar ein neues Mitglied wurde spontan gefeiert. Und das kam so: „Ich wollte eigentlich schon immer in die Partei eintreten“, meinte Volker Adams, Bildungsreferent der Fraktion, im Plauderton zu Rexrodts Bundestagsassistentin Marion Vogdt. Da flitzte Frau Vogdt los, kehrte mit einem Antragsformular zurück, hielt es Adams unter die Nase – und er unterschrieb. Der Ortsverbandsvorsitzende zeigte die Trophäe sofort dem Parteitagspräsidium. Da war Guido Westerwelle gerade mit seiner Rede fertig, und so bekam Volker Adams von Westerwelle den ersten Gratulationshändedruck. Schneller kann man wirklich nicht Parteimitglied werden.

Bei den Grünen herrscht noch Solidarität. Vor Jahren schaffte die Grünen-Fraktion einen Autokindersitz an. Jetzt ging das Stück als „Wanderpokal“ an Burkhard Müller-Schoenau, der Vater einer Tochter Nina wurde. Müller-Schoenau gehört zwar dem Abgeordnetenhaus nicht mehr an, aber zurzeit gibt es keine Fraktionsbabys. Außerdem weiß Fraktionssprecherin Corinna Seide: „Nina wurde produziert, als Burkhard noch Fraktionär war.“ Stimmt, deshalb hatte er nicht mehr kandidiert, sondern eine „Auszeit“ genommen. Brigitte Grunert

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