Zeitung Heute : Hinter den Kulissen

Der Tagesspiegel

Kleine Eifersüchteleien gefährden den Koalitionsfrieden noch nicht. Gregor Gysi hat eine Tradition wiederentdeckt, die Klaus Wowereit vor lauter PR-Arbeit glatt übersehen hatte: die Bürgersprechstunden des Regierenden Bürgermeisters. Dietrich Stobbe hielt sie als erster seit Mai 1978. Eberhard Diepgen brachte es in knapp 16 Amtsjahren auf 60, die letzte gab er im Dezember 2000. Gysi fand es nun sehr reizvoll, sich die Nöte und Beschwerden von Menschen wie du und ich unter vier Augen im Roten Rathaus anzuhören. Da er aber weiß, dass er nicht Herr des Rathauses ist, war er auf Teilhaberschaft aus und dachte sich die Sache so: jeden Monat eine Bürgersprechstunde, reihum gegeben von Wowereit (SPD) und den beiden Bürgermeistern Gysi und Karin Schubert (SPD). Und was hat Gysi nun davon? Wowereit fühlt sich zu Bürgersprechstunden animiert, teils modern via Internet, teils konventionell unter vier Augen – aber ohne Wechselspiel mit seinen Stellvertretern; darauf hatte sich auch keiner seiner Vorgänger eingelassen. „Es gibt kein rotierendes Modell“, sagt Wowereits Sprachrohr Michael Donnermeyer knapp. Und schiebt nach: „Sollte der Regierende mal kurzfristig verhindert sein, könnte er ja Herrn Gysi oder Frau Schubert um Vertretung bitten.“

Die PDS will sich als neue Regierungspartei behaupten. Dafür hat Gregor Gysi schon ein feines Netz gesponnen. Er hat für sich und seine PDS-Senatskollegen vertraute persönliche Referenten aus der PDS-Bundestagsfraktion rekrutiert. Und im Rathaus bekam der Bürgermeister und Wirtschaftssenator einen kleinen Platzvorteil. Er hat dort einen Büroleiter mit eigenem Zimmer, der sein Bürgermeister-Büro betreut. Dagegen wird das Bürgermeister-Büro der Justizsenatorin Karin Schubert aus der Ferne der Justizverwaltung von ihrem Sprecher Helmut Lölhöffel (SPD) mitbetreut. Ach ja, der stellvertretende Senatssprecher Günter Kolodziej (PDS) passt auch im Sinne Gysis auf. Als Senatssprecher Michael Donnermeyer (SPD) den Regierenden nach Warschau begleitete, kommentierte Kolodziej das so: „Aber dafür begleite ich Bürgermeisterin Schubert nach Prag.“ Folglich konnte nicht SPD-Freund Lölhöffel ihr Reisemarschall sein.

Mit einem kleinen fraktionsinternen Plausch beging die Grünen-Fraktionschefin Sibyll Klotz ihren 41. Geburtstag. Unter den Gratulationsbriefchen, die verlesen wurden, war einer, der große Heiterkeit auslöste. „Wieder gehört ein Lebensjahr der Vergangenheit an – und doch ist es ein wichtiger Mosaikstein in einem Leben. Die Strukturen und Farben des vergangenen Jahres sind nun bekannt – ein erfolgreiches Fortschreiten in Gestaltung und Farbgebung mögen die kommenden Tage und Monate ermöglichen. Manchmal ist es überraschend und beeindruckend zugleich, wie sich ein so gewachsenes Mosaik aus der Perspektive von Morgen in Formen und Strukturen weiterentwickelt“, schrieb der CDU-Fraktionschef Frank Steffel mit allen guten Wünschen „in diesem Sinne“. Also in welchem Sinne? Weiß Frau Klotz auch nicht: „Er wollte mir sicher sagen, dass mein Leben ein Mosaik ist und ich nicht weiß, welche Steinchen noch dazu kommen.“ Noch größer war die Heiterkeit bei den Grünen, als am Donnerstag wieder ein Gratulationsbrief von Steffel einging – diesmal zwei Tage vordatiert auf den 54. Geburtstag von Mit-Fraktionschef Wolfgang Wieland. Der rätselhaft besinnliche Text war Wort für Wort derselbe. „Wir hätten das gar nicht bemerkt, wenn die Geburtstage nicht so dicht beieinander lägen“, heißt es.

Eine interessante Einladung flatterte der stellvertretenden PDS-Fraktionschefin Carola Freundl auf den Schreibtisch. Botschaftsrat Johan Bengt-Palsson von der Schwedischen Botschaft bat zu einem „informellen und ungezwungenen Empfang“ – zu Ehren des neuen Kultursenators Thomas Flierl (PDS). Ach, Diplomaten ahnen ja nicht, wie klein Berlin ist. Frau Freundl kennt Herrn Flierl besser als alle anderen; sie teilt mit ihm Tisch und Bett. Die Einladung hat sie natürlich gern angenommen.

Die Kantine des Abgeordnetenhauses hat einen guten Ruf. Aber die Gulaschsuppe, die Parlamentspräsident Walter Momper dieser Tage beim Presse-Plausch servieren ließ, verdarb zumindest seinem Sprecher Lutz Rainer Düsing den Appetit, denn er fischte Silberpapier heraus, doppelt so groß wie eine Briefmarke. Momper guckte auch ganz entgeistert. Er dachte sofort an mögliche größere Peinlichkeiten bei Essen für offizielle Gäste aus der Parlamentsküche. Er schickte also seinen Protokollamtsleiter Lothar Funke mit einer warnenden Beschwerde los. Der bekam aber nur ein gemurmeltes „bedauerlich“ zu hören. Klang nicht sehr einsichtsvoll. Brigitte Grunert

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