Zeitung Heute : Hinter der Maske

Die Menschen sprühen ihre Häuser mit Chemikalien ein, die Schulen sind geschlossen und die Nachtclubs leer. Sars stellt in Peking alles auf den Kopf. Aber eine Studentin sagt auch: „Ich habe mich noch nie so frei gefühlt.“ Die Menschen haben plötzlich Zeit, für die Familie – und für die Liebe.

Harald Maass[Peking]

Vielleicht ist es nur eine Frage der Einstellung, wann bei einem Menschen die Panik einsetzt. „Wir haben keine Angst vor Sars“, sagt Liu Yinxin Gong und lehnt sich zurück in ihr Sofa. Am Wochenende sei die Familie zum Drachensteigenlassen in den Park gegangen, erzählt die zierliche Frau und tätschelt ihrem fast erwachsenen Sohn das Knie. An der Wäscheleine baumeln die weißen Mundmasken aus Stoff, die Vater, Mutter und Sohn beim Verlassen der Wohnung tragen. Nach der Rückkehr aus dem Park haben sie sich die Hände gewaschen, und der Sohn hat erst die Eltern mit Desinfektionsmittel besprüht und dann den Hund. „Wenn man vorsichtig ist, kann einem nichts passieren“, sagt Xiaolong Gong, der Vater.

Alltag in Peking, einer Stadt im Kampf gegen ein Virus. Eine merkwürdige Ruhe hat sich über die Großstadt und ihre 14 Millionen Bewohner gelegt. Die breiten Ringstraßen, auf denen sich sonst der Verkehr staut, sind wie leer gefegt. Im Xidan, dem normalerweise quirligen Einkaufsviertel, bleiben Kaufhäuser und Geschäfte geschlossen. Die vereinzelten Restaurants, die noch geöffnet haben, werben auf Tafeln damit, dass sie regelmäßig die Tische und das Geschirr desinfizieren. Die wenigen Menschen, die sich auf die Straße trauen, erscheinen gesichtslos. Weiße Masken verdecken ihre Nasen und Münder, dämpfen ihre Worte zum Flüstern. Es ist, als habe sich die ganze Stadt eine Maske übergezogen, zum Schutz vor dem unsichtbaren Feind.

Der unsichtbare Feind

Mehr als 3300 Menschen sind bisher in Peking an dem Schweren Akuten Atemwegssyndrom (Sars) erkrankt oder zeigen verdächtige Symptome – mehr als an jedem anderen Ort der Welt. 100 Menschen sind in der Hauptstadt bereits gestorben und täglich kommen 200 neue Verdachtsfälle dazu. Niemand weiß, wo das Virus als nächstes zuschlägt: Mal in einem Krankenhaus, in dem plötzlich Dutzende Schwestern und Ärzte das für die Krankheit typische hohe Fieber bekommen, mal in einem Studentenwohnheim. Dann fahren, eskortiert von Polizeiautos mit Blaulicht, Ambulanzen vor. Und Ärzte in wuchtigen Schutzanzügen, in denen sie wie Astronauten aussehen, holen die Infizierten mit Bahren aus den Häusern.

Die Behörden führen einen verzweifelten Kampf. Jedes Gebäude, in dem ein Sars-Fall auftritt, wird für zwei Wochen von der Außenwelt abgeriegelt, und die möglicherweise Infizierten werden in Kliniken isoliert. 11000 Pekinger leben schon in Zwangsquarantäne. Versammlungen mit mehr als 50 Menschen sind verboten, und wer auf der Straße ausspuckt, muss ein Strafgeld von 100 Yuan zahlen – elf Euro. Im Pekinger Zoo mischen die Pfleger Vitamin C in das Futter der Säugetiere, und Vögel erhalten chinesische Medizin, berichtet die „Peking Morgenpost“. Weil viele Menschen Angst davor haben, sich in öffentlichen Bussen anzustecken, haben die Verkaufszahlen für Autos mit 900 Stück pro Tag Rekordhöhe erreicht. Doch das Virus breitet sich weiter aus.

Familie Gong sitzt in ihrem Wohnzimmer und trinkt Tee aus Plastikbechern. In der Schrankwand läuft der Fernseher. „Wir schauen jeden Tag die Nachrichten, um uns über Sars auf dem Laufenden zu halten“, sagt die Mutter. Wie die meisten Pekinger verbringt die Familie jetzt die meiste Zeit zu Hause. Die Anwaltskanzlei, in der Frau Gong arbeitet, ist wegen Sars seit einigen Wochen geschlossen. Und auch im Geschäft ihres Mannes läuft zurzeit nichts. Er hat eine Firma für Heizungsanlagen. Ein wichtiger Geschäftspartner aus Frankreich ist aus Angst vor Sars erst gar nicht nach China gekommen. Aber finanzielle Sorgen muss sich die Familie noch nicht machen, eine Zeit lang kann sie den Verdienstausfall verkraften. Auch die meisten Pekinger Staatsbetriebe sind geschlossen – aber die Angestellten erhalten trotzdem weiter ihr Gehalt. Familie Gong versucht, das Beste aus der Situation zu machen. „Wir unternehmen jetzt viel mehr zu dritt“, erzählt die Mutter. Der Vater freut sich, dass er zum ersten Mal nicht von seiner Familie gescholten wird, wenn er raucht. Zigarettenrauch soll angeblich vor Sars schützten. Eines von vielen unsinnigen Gerüchten, die in der Stadt kursieren.

Dem 16-jährigen Sohn Tianji Gong hat das Virus unverhoffte Ferien gebracht. Seit zwei Wochen sind Schulen und Universitäten geschlossen, und das bleibt mindestens noch zwei Wochen so. Auf Anweisung der Behörden müssen alle Schüler und Studenten täglich Fieber messen und die Körpertemperatur melden. Der Sohn gibt seine Messdaten jeden Tag per SMS durch. Aber die Gongs schummeln. „Wir messen nicht jeden Tag“, sagt die Mutter. An die Schule schicken sie einen erfundenen Wert. „Wenn er Fieber bekommt, merken wir das doch sofort“, sagt die Mutter.

Die Uni-Prüfungen sind vergessen

Samstagabend in der Sanlitun-Straße, dem Ausgehviertel Pekings. Aber jetzt sind die meisten Bars und Tanzkneipen geschlossen, die Neonreklame ist ausgeschaltet. Eine Gruppe französischer Studenten und ein paar chinesische Jugendliche stehen verloren auf der Straße vor einem Café und trinken chinesisches Bier aus der Flasche. Sie sind die Einzigen, die sich an diesem Abend zum Feiern rausgetraut haben. „So lange ich hier im Freien sitze, kann mir ja nichts passieren“, sagt eine junge Chinesin. Kurz nach Mitternacht räumen die letzten Vergnügungswilligen das Feld, in den Bars gehen die Lichter aus.

Yang Mei, ein schlankes Mädchen mit halblangen Haaren, sitzt in einem Nudelrestaurant – ausnahmsweise. In den letzten Tagen hat die Studentin der Pekinger Rundfunkuniversität den Campus nur verlassen, um ihre Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Seit einem Monat war sie nicht mehr in der Innenstadt. Aber das scheint sie nicht sonderlich zu beeinträchtigen, lächelnd gibt die 20-Jährige die neuesten Gerüchte über Sars zum Besten. Angeblich ist jetzt auch das abgepackte Trinkwasser mit dem Virus verseucht. „Bei uns trinkt niemand mehr das Wasser“, sagt Yang Mei. Auch ist der Unterricht für mehr als 60 Schüler – einen Großteil der Klassen – gestrichen. „Jeden Abend um zehn Uhr wird die Anwesenheit mit einem Stempel im Studentenausweis kontrolliert“, erzählt Yang. Wer keinen Stempel hat oder über die Maifeiertage nach Hause gefahren ist, wird unter Zwangsquarantäne gestellt. Yang Mei findet das gut. „Man trägt ja eine Verantwortung für andere Leute“, sagt sie. Ein Schüler habe heimlich bei seinen Eltern übernachtet. Die Kommilitonen meldeten ihn bei der Universitätsleitung – er wurde sofort isoliert.

Als die Professoren Thermometer an die Studenten austeilten, wusste Yang Mei, dass es mit dem Studieren erst mal vorbei sein würde. Mit ihren Mitschülern marschierte sie zum Einkaufen in den nächsten Supermarkt. „Die Mutter einer Mitbewohnerin kam extra aus der mehr als 1000 Kilometer entfernten Provinz Hubei mit dem Auto, um ihrer Tochter Essensvorräte zu bringen“, erzählt sie. Auch auf dem Balkon ihres kleinen Studentenzimmers stapeln sich Pakete mit Fertignudeln, Reis und Gurken.

Viele Studenten reiben sich mit Desinfektionsmittel ab, wenn sie das Wohnheim betreten. Trotz der Aufklärungskampagne im Fernsehen und in den Zeitungen wissen nur wenige Chinesen, wie sie sich gegen das Virus tatsächlich schützen können. Aus Angst verspritzen sie massenhaft giftige Desinfektionsmittel in ihren Wohnhäusern. Yang Mei weiß, dass einige Vorsichtsmaßnahmen übertrieben und manche vielleicht sogar zwecklos sind, und sie weiß auch, dass in Peking keine Nahrungsmittelknappheit droht. Aber Sars ist für viele junge Leute hier längst ein Abenteuer geworden, das eben seine eigenen Regeln hat. Die Prüfungen sind vergessen, zum ersten Mal seit Jahren haben die Studenten Zeit. „Ich habe mich noch nie so frei gefühlt“, schwärmt Yang Mei und fügt hinzu: „Sars hat bei uns viele, viele Liebespärchen hervorgebracht.“

Das ist die eine Seite des Ausnahmezustandes in Peking: Der Alltag steht Kopf, wird außer Kraft gesetzt. Das Elend auf der anderen Seite taucht in der Öffentlichkeit nur in Form von nackten Zahlen auf: als Zahlen der Toten, ohne Namen, ohne Lebensgeschichte. Sars hat in China kein Gesicht: Um Panik zu verhindern, dürfen die staatlichen Medien nur über Kranke berichten, die sich von der gefährlichen Lungenentzündung wieder erholen, oder über heldenhafte Ärzte und Krankenschwestern, die an „vorderster Front“ gegen das Virus kämpfen.

Eine Autostunde nördlich von Peking, in Xiaotangshan, dem „Kleinen Teichberg“-Landkreis, haben mehrere Tausend Arbeiter auf einer Wiese ein Notkrankenhaus mit 1000 Betten gebaut. Es soll die überfüllten und im Kampf gegen das Virus schlecht ausgerüsteten Krankenhäuser in den Städten entlasten. „Sieben Tage und sieben Nächte haben die Arbeiter gekämpft, um das größte Epidemie-Krankenhaus der Welt zu errichten“, schrieb die „Peking Morgenpost“. Das Parteiblatt „Volkszeitung“ machte daraus eine Propagandakampagne. Mit „Xiaotangshan-Geschwindigkeit“ gegen Sars kämpfen, heißt es seitdem auf Bannern in der Stadt.

Die Xiaotangshan-Klinik sieht einem Lager ähnlicher als einem Krankenhaus. Eine Backsteinmauer umgibt das Gelände. Die Kranken sind in ebenerdigen weißen Bungalows untergebracht. Zwei Polizisten mit Mundschutz bewachen die Zufahrt. Sie sitzen unter einem Sonnenschirm, auf dem „Frischer Wahaha Orangensaft“ steht. Es gibt auch eine Station zur Desinfektion der Krankenwagen. Arbeiter in Spezialanzügen und Hauben auf dem Kopf spritzen Chemikalien auf den Teer. Hinter den Krankenhausmauern wird sich für Hunderte Pekinger das Leben entscheiden. An der Zahlstelle der Autobahnausfahrt nach Xiaotangshan haben die Behörden bereits eine Expressdurchfahrt für die Krankentransporte eingerichtet. „Die meisten werden nachts angeliefert“, sagt ein Bauer.

Die Dörfer sind gesperrt

In Sichtweite des neuen Krankenhauses liegt das Dorf Houniufang, 2500 Einwohner. Die Dorfstraße ist mit zwei Fahrrädern blockiert. Auf einem Hocker sitzen drei Aufpasser, einer trägt eine verwaschene grüne Uniform. „Zutritt nur für Einheimische“, ruft er. Die meisten Dörfer im Umland von Peking sind für die Stadtbewohner gesperrt. Die Menschen hier haben Angst. Als Landbewohner ist es für sie schwieriger, eine Behandlung in den städtischen Krankenhäusern zu bekommen. „Die Schule, die Geschäfte, die Betriebe – bei uns ist alles geschlossen“, erzählt einer der Wachposten am Eingang von Houniufang. Am Boden vor ihm liegen einige staubige Filzlappen, die mit Desinfektionsmittel getränkt sind. Wenn die Bauern von den Feldern zurückkommen, müssen sie mit ihrem Fahrrad über die Lappen fahren. „Das hält das Virus zurück“, sagt der Wachmann. Normalerweise wird das Verfahren bei Tierkrankheiten wie der Maul- und Klauenseuche eingesetzt – bei Sars macht es keinen Sinn.

Die Bauern befürchten, ihre Waren kaum noch loszuwerden, wenn bekannt wird, dass sie aus Xiaotangshan stammen. Tierzüchter Zhao, ein dicker Mann im grünen Militäranzug, hat am Tor zu seinem Land ein Schild angebracht: „Wichtiger Ort zur Epidemiebekämpfung“ steht darauf. 200 Meter vom Krankenhaus entfernt züchtet er in einem Gehege Pfaue – mehr als 170 Tiere hat er im Moment. „Wir sind gut ausgerüstet“, erzählt Zhao und deutet auf einen tragbaren Sprühkanister. Damit spritzt er regelmäßig die Pfaue mit chemischem Desinfektionsmittel ab. Aus den Tieren wird chinesische Medizin hergestellt.

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