Zeitung Heute : Hinter der Sonne

Aus seiner Familie kommen Polizisten und Widerstandskämpfer. Alle fühlen stets für ihr Land, nie für die Amerikaner, sagt Omar al-Janabi. Klare Fronten existieren im Irak nicht mehr. Und so ist ein Jahr nach dem Krieg noch nicht entschieden, ob das Chaos oder die Freiheit siegen wird.

Susanne Fischer[Bagdad]

„Es gefällt mir zu glauben, dass wir den Menschen hier helfen.“
Sergeant Qualls, 82. Airborne Divison, Irak

Es gibt Tage, an denen verwünscht Omar al-Janabi seinen Charakter. Seine Ehre. Seine islamische Erziehung, die ihm bedingungslosen Respekt gegenüber den Eltern gebietet. Wäre er eine Spur egoistischer gewesen und weniger der fürsorgliche Sohn, säße der junge Bauingenieur jetzt in Dubai in einem Apartment, hätte Strom rund um die Uhr und Frieden vor der Tür. Er würde als Verkaufsmanager von Sony arbeiten, einen Sommerurlaub in Spanien erwägen und sich für Politik nur am Rande interessieren.

Stattdessen quält er sich in Bagdad durch den Stau, unterwegs zu seinem kleinen Computerladen im Südwesten der Stadt und hofft, dass ihm weder Bomben noch Räuber noch Amerikaner in die Quere kommen.

Janabi, 35, fährt nicht gern Auto in Bagdad. Jedenfalls nicht mehr seit dem Krieg. „Challas“, genug, flucht er, als er beim Versuch, rechts abzubiegen, zum dritten Mal vor einer Betonbarriere steht. „Ich kannte mich hier mal gut aus. Bagdad ist eine andere Stadt geworden.“ Wie ein Fremder fühle er sich, bevormundet von Beton und Schildern mit der Aufschrift „Keine Durchfahrt! Dies ist eine ,killing zone’.“ Willkommen in Bagdad ein Jahr nach dem Krieg.

Als der Showdown begann zwischen George W. Bush und Saddam Hussein, stand für Janabi fest, dass er zu den Eltern zurück musste; als einziger Sohn durfte er sie jetzt nicht allein lassen. Omar al-Janabi kam in Bagdad an, zwei Monate bevor der oberste Feldherr der US-Streitkräfte „shock and awe“, Schock und Entsetzen, befahl. Zurück an jenen Ort, von dem er zwei Jahre zuvor geflohen war, weil gutmeinende Geister des alten Regimes ihm geraten hatten zu verschwinden. Sein Vergehen: Er hatte Freunde eingeladen. Konspiration, argwöhnten die Späher des Geheimdienstes in der Nachbarschaft. Freunde, die reden wollten über Gott und die Welt, sagt Janabi. Die Warnung aber nahm er ernst, beschaffte sich für 500 Dollar ein Touristenvisum für Dubai und verließ das Land.

„Big Brother“ aus Bahrain

Im Namen der Familie kam er zurück, und als letzten Gruß des alten Regimes nahm ihm der Geheimdienst bei der Einreise den Reisepass ab. „Jetzt sitze ich hier fest. Besten Dank, Saddam, besten Dank, Mister Bush!“

Das Land, so viel steht fest, ist nicht mehr dasselbe, das Janabi im Jahr 2001 verlassen hat. Die Sonnenseite der neuen Zeit ist schnell beschrieben: Saddam Hussein ist gestürzt, die Baath-Partei entmachtet. Nach zwölf Jahren Embargo kehrt die Weltwirtschaft zurück. Es gibt Internet-Cafés, die der Staat nicht mehr zensiert, 180 neue Zeitungen, Mobiltelefone. Für Händler, sagt Janabi, sei dies eine goldene Zeit: keine Steuern, keine Zölle und ein Volk im Kaufrausch. Im Geschäftsviertel Karrada werden Satellitenschüsseln und Fernseher mit Großbildschirmen täglich zu Hunderten verkauft, nirgendwohin flüchten die Iraker vor der Wirklichkeit lieber als in die Fernsehwelt, am liebsten zum internationalen Spaß-TV: „Big Brother“ aus Bahrain, Seifenopern aus Ägypten.

Um Omar al-Janabi vom Segen der neuen Zeit zu überzeugen, bedarf es gewichtigerer Argumente. Auch seine Familie hat eine Satellitenschüssel gekauft. Doch weigert er sich, darin eine relevante Errungenschaft zu sehen. „Ich kann jetzt zwischen 300 Fernsehprogrammen wählen. Bin ich deshalb ein freierer Mensch?“

Nichts verblasst angesichts neuer Gefahr so schnell wie die Erinnerung an eine alte. „Wir müssten uns nicht mehr fürchten, haben die Amerikaner versprochen. Doch statt vor Saddam haben wir jetzt vor ihnen Angst“, sagt Janabi. „Und vor den Terroristen. Vor den Räubern. Vor dem Bürgerkrieg.“ In zwölf Monaten hat Janabi noch keinem Amerikaner die Hand geschüttelt – obwohl er fließend englisch spricht, für die UN gearbeitet hat. Einmal sei ein Soldat auf ihn zugekommen, als er an einer Tankstelle gewartet habe. „Er streckte seine Hand durchs Autofenster und sagte ,Hi’. Ich sagte: ,Entschuldigen Sie, ich kann Ihnen nicht die Hand geben. Ich bin nicht froh, dass Sie hier sind.’“

Janabis Ansichten mögen die eines Einzelnen sein, sein Resonanzboden aber ist der Erfahrungsschatz einer Großfamilie. Sein Großvater hatte fünf Frauen, sein Vater hat 13 Brüder und acht Schwestern, die Zahl der Cousins reicht in die Hunderte. Eine Familie wie das Land, Irak in Kleinformat: Polizisten zählen dazu und Widerstandskämpfer, Sunniten und Schiiten, Bauern und Beamte, Lehrer und Arbeitslose, Gewinner und Verlierer der neuen Zeit. Was immer sich im vergangenen Jahr im Irak verändert hat: An den Janabis ist es nicht spurlos vorübergegangen.

Ihr oberster Scheich lädt die Amerikaner ein zum Tee, während andere Janabis sie mit Kalaschnikows bekämpfen. Sollten die USA im Irak auf klare Fronten gehofft haben – bei den Janabis werden sie sie nicht finden. Das müssen kuriose Familientreffen sein, mit Guerillakämpfern und Polizisten, die sie eigentlich verhaften müssten. Worüber reden sie beim Tee? „Die Kämpfer erzählen nicht viel. Und die Polizisten sagen, ihre Arbeit sei nur ein Job. Nahe dem Herzen fühlen sie stets für ihr Land, nie für die Amerikaner.“

Was aber wäre aus ihrem Land geworden, hätten die USA den Krieg nicht geführt? Janabi zuckt mit den Schultern. Er möchte gern glauben, das System Saddam wäre mit der Zeit von allein zusammengebrochen, auch wenn es dafür kaum Anzeichen gab. Wie die meisten Iraker erträgt er den Gedanken nur schwer, dass sie ihren Despoten ohne die Amerikaner kaum losgeworden wären.

Seit er aus Dubai zurückgekehrt ist, nimmt Omar al-Janabi am liebsten ein Taxi durch die überfüllte Stadt. Er setzt sich auf den Beifahrersitz und wartet auf Beute aus dem Meer der Geschichten. Er wird selten enttäuscht. Nach einer Taxifahrt weiß er, was es Neues gibt auf dem Straßenmarkt Bab al-Shargh (Viagra, Al-Qaida-DVDs, Männerzeitschriften aus den Abfällen des US-Militärs), er erfährt von Männern, die in den Schulen Kopftücher verteilen und dass der Regierungsrat demnächst neue Reisepässe ausgeben will. „Vielleicht“, horcht er auf, „komme ich ja doch noch nach Dubai zurück.“

An manchen Tagen hört Janabi mehr als ihm lieb ist. Von der jungen Frau etwa, die am helllichten Tag auf einer belebten Kreuzung aus ihrem BMW gekidnappt wurde und von dem Polizisten, der sich, statt ihr zu helfen, hinter einem Baum versteckte. Dann muss Janabi an seine Schwester denken. Hadeel lehrt Hauswirtschaft an der Bagdader Universität. Dass sie Arbeit hat, gleicht einem kleinen Wunder. Und einem großen, dass sie arbeiten geht. 72 Prozent der werktätigen Frauen vor dem Krieg waren Staatsangestellte. Die meisten haben mit dem Zusammenbruch des Systems ihre Arbeit verloren. Und die, die noch einen Job haben, trauen sich oft nicht hin. Zu häufig sind die Überfälle.

Die Bilanz aus Omars Umfeld in einer Woche: Der Cousin einer Freundin wurde von US-Soldaten erschossen, als er nachts ihren Konvoi überholen wollte. Der Freund eines Bekannten kam um, als er zwei Dolmetscherinnen der US-Armee zur Arbeit fuhr und alle drei von Unbekannten erschossen wurden. Der Bruder eines Kollegen wurde entführt und tot aufgefunden.

Die Leichen kommen alle zu Doktor Faik Bakr in die Gerichtsmedizin. Von seinem Schreibtisch aus hat er einen ganz eigenen Blick auf den befreiten Irak. Er zieht eine Statistik hervor: 636 Tote in Bagdad im Januar, die keines natürlichen Todes gestorben sind, darunter 283 Schusswaffen- und 32 Bombenopfer. „Vor dem Krieg waren es im Monat durchschnittlich 16 Tote.“ Am Mittwoch kamen nach dem Anschlag auf ein Hotel wieder neue Tote hinzu.

Saddam war berüchtigt für Grausamkeit, in seinen Folterkellern starben Iraker in unbekannter Zahl. Doch was seit dem 9.April 2003, dem Tag, an dem Bagdad fiel, in den Kühlkammern von Doktor Bakr landet, legt nicht Zeugnis ab von einer friedlicheren Zeit.

Ammar al-Mashadani, Vater von fünf Kindern, ging seiner Arbeit nach, als ihn der Tod ereilte. Er starb auf der Stadtautobahn, es war kein Verkehrsunfall. Der Taxifahrer wurde von einem Panzer überrollt. Wenn seine Familie Glück hat und der englischen Sprache mächtig ist, erhält sie einen Beileidsscheck über maximal 2500 Dollar. „Verpflichtet sind wir dazu nicht“, sagt ein US-Captain. „Wir tun es, weil wir freundschaftliche Beziehungen zur Bevölkerung aufbauen wollen.“

Vier Monate bis zum Dschihad

Am Tag nach dem Unfall steht der Nachbar des toten Taxifahrers, vor dem Leichenschauhaus. „Nichts hat sich geändert“, sagt er, „Saddam hat getötet, und die Amerikaner töten auch.“ Ein Urteil, das gegen die vielen tausend Toten in den Massengräbern Saddams kaum standhält. Doch dass der Vergleich aufkommt, zeigt, wie groß ein Jahr nach dem Krieg die Kluft ist zwischen dem moralischen Anspruch der USA, das Leben der Iraker zum Besseren gewendet zu haben und dem Empfinden der Menschen.

Ein zweiter Mann mischt sich ein, er stellt sich vor als Anhänger des radikalen Schiitenpredigers Muktada Sadr: „Wir geben den Amerikanern noch vier Monate Zeit. Dann beginnen wir den Dschihad!“ Und was müssen die Amerikaner in diesen vier Monaten tun? „Die Stromwerke reparieren, unsere Gehälter auszahlen und neue Straßen bauen.“ Er hält kurz inne. „Und sie müssen ihre Einstellung uns gegenüber ändern.“

Drinnen im Büro erzählt Doktor Bakr von zwei Fällen, die für ihn Sinnbilder sind des neuen Irak: Eine Familie brachte einen Eisblock mit eingefrorenen Körperteilen in die Gerichtsmedizin. Das Krankenhaus habe ihnen so ihren Sohn übergeben, der bei einer Explosion ums Leben gekommen sei. „Als wir das Eis auftauten, merkten wir, dass die Teile von mindestens zwei, eher drei Personen stammten. Wohin steuert ein Volk, das nicht einmal mehr seine Toten ordentlich zählt?“

An einem anderen Tag wurde die Leiche eines Mannes eingeliefert, ein Schusswaffenopfer, doch die Leiche kam ohne Kopf. „Es erfordert viel Kraft, einem Menschen den Kopf abzuschlagen“, sagt Bakr. Ein Racheakt? „Ich untersuche, woran die Toten gestorben sind. Über das Warum kann ich nichts sagen.“ Vielleicht ist er verunsichert, weil auch er eine gehobene Position hatte in der Partei; jedenfalls mag er nicht reden über eines der beunruhigendsten Phänomene im Nachkriegsirak. Fast täglich werden von Killerkommandos Ärzte, Beamte, Professoren erschossen, die meist zwei Dinge gemeinsam hatten: Sie waren höherrangige Mitglieder der Baath-Partei und Sunniten. Diese Morde haben nach Kriegsende begonnen, sind also keine spontanen Racheakte. Manche vermuten eine gezielte Kampagne zur Ausrottung der alten sunnitischen Elite. Niemand weiß genau, wer dahinter steckt. Die Killer müssten Schiiten sein, sagen die einen, sie kämen von der islamischen Dawa-Partei, die anderen.

Männer verschwinden

Im Irak muss man nicht einmal das Haus verlassen, um zu verschwinden. Omars Nachbar Gazi Ahmed, ein pensionierter Offizier der irakischen Armee, wurde am 28. Juli 2003 in seinem Haus abgeholt. Tosender Lärm weckte ihn morgens um fünf, ein Hubschrauber landete vor dem Haus. „Sind Sie Gazi Ahmed?“, fragten die US-Soldaten und verbanden ihm die Augen , auch den ältesten Sohn führten sie ab. Erst nach zwei Monaten und vielen Irrläufen durch die Besatzungsbürokratie erfuhr die Familie, Vater und Sohn seien im Gefängnis Abu Ghreib zu finden. Andere hören Sätze, die sie von früher kennen: Die Gefangenen seien „hinter der Sonne“, weshalb sie genauso gut zu suchen aufhören könnten.

Ein Jahr nach dem Sturz Saddams werden im Irak wieder Männer zu Tausenden vermisst. Mehr als 10000 sollen sich in US-Gewahrsam befinden. Als Besatzungsmacht können die USA jeden verhaften, der in ihren Augen ein Sicherheitsrisiko darstellt. Nacht für Nacht durchkämmen Spezialeinheiten Häuser, rufen „Wir kommen als Freunde!“, bevor sie mit Vätern und Söhnen wieder verschwinden.

Irak – ein großes Guantanamo? Einer Militär-Statistik zufolge ist der älteste Gefangene 75, der jüngste 11 Jahre alt, manche sitzen schon fast ein Jahr, ohne Recht auf einen Anwalt oder die Aussicht auf einen Prozess. Es ist ein Teufelskreis: Natürlich muss die US-Armee jene suchen, die ihren Soldaten nach dem Leben trachten. Doch zugleich wächst mit jeder Razzia die Zahl derer, die bereit sind, Bomben zu legen.

Janabis Nachbar kam frei nach fünfeinhalb Monaten Haft, ohne Erklärung. In seiner Abwesenheit war seine Frau gestorben. „Für mich haben die Amerikaner sie getötet.“ Sein Sohn sitzt noch, niemand sagt der Familie warum. „Können wir Papa mit Geld aus dem Gefängnis holen?“, fragten seine vier Kinder. „Dann sparen wir unser Taschengeld.“

Noch ist nicht entschieden, ob im Irak das Chaos oder die Freiheit siegen wird. Als Omar al-Janabi dieser Tage wieder einmal mit dem Taxi durch seine Heimatstadt fuhr, fragte er sich, ob der ganze Beton je wieder verschwinden wird. „Oder bleibt Bagdad für immer eine vermauerte Stadt?“ Am Tag darauf hat er die Exportchancen für gebrauchte Betonbarrieren eruiert. Ohne Hoffnung ist er also nicht.

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