Zeitung Heute : Hinter die Kulissen geschaut Ideen von Logistikern für die Staatsoper

Patricia Pätzold
Hin und Her. Miriam Peschlow analysierte den Weg der Dekorationen zwischen den Bühnen und Lagern. Foto: TU Presse/Dahl
Hin und Her. Miriam Peschlow analysierte den Weg der Dekorationen zwischen den Bühnen und Lagern. Foto: TU Presse/Dahl

Der riesige Weihnachtsbaum beherrscht die Bühne, bemalte Holzwände und Treppen bilden den Hintergrund für überdimensionales Spielzeug aus Pappmaché,geheimnisvolles Licht umfängt elfenhafte Balletteusen in weißen Tütüs, die im Vordergrund ihre Pirouetten drehen. Das Publikum ist fasziniert vom „Nussknacker“, Tschaikowskis berühmtem Weihnachtsmärchen. Es gehört zu den beliebtesten Balletten auf den Opernbühnen der Welt.

Im vergangenen Jahr sahen in der Berliner Staatsoper Unter den Linden 190 000 Besucher insgesamt 287 Vorstellungen. Die Aufführungen kommen federleicht daher. Doch dahinter steckt eine logistische Glanzleistung, der ausgefeilte Produktionsprozess einer riesigen Maschinerie aus Sänger-, Tanz- und Orchesterproben, aus Transporten, Montagen, Licht- und Tontechnik. „Dass es in diesem summenden Bienenstock immer wieder klappt, ist der oft langjährigen Erfahrung der Mitarbeiter zu verdanken. Oper und Theater sind in der Logistik bisher nämlich unbetrachtet geblieben“, sagt Miriam Peschlow, frisch diplomierte Kauffrau der TU Berlin. „Erfolgreiche Logistikkonzepte gibt es inzwischen vor allem in der Katastrophen- und der Eventlogistik. In Oper und Theater dagegen wird vieles noch intuitiv gehandhabt.“

Diese Lücke haben Peschlow und ihr Kommilitone Wojciech Konarski mit ihrer Diplomarbeit nun geschlossen. Sie analysierten den Entwurf für das Logistikkonzept, das nach der dreijährigen Sanierung für die Staatsoper Unter den Linden zum Einsatz kommen soll und lieferten neue Ansätze zur Optimierung der innerbetrieblichen Logistik des Opernhauses.

Das Konzept soll einerseits helfen, die mit dem Umbau und einer Umstrukturierung der Lagerstandorte gestiegenen Anforderungen an die Transport-, Lager- und Montagelogistik zu bewältigen. Andererseits soll vor allem die Belegung der Hauptbühne durch Montagen entlastet und damit eine höhere Spielfrequenz der Abendvorstellungen ermöglicht werden. Begeistert von dem Ergebnis waren nicht nur die Opernverantwortlichen, die die Ideen der Absolventen aufgreifen wollen, sondern auch professionelle Logistiker. Sie ehrten die Arbeit, die in dem von Professor Frank Straube geleiteten Bereich Logistik der TU Berlin entstanden ist, mit dem LNBB-Logistikpreis des Netzwerkes Berlin-Brandenburg 2010.

„Uns hat nicht nur der Blick hinter die Kulissen einer großen Opernbühne gereizt“, erzählt Peschlow. „Vor allem konnten wir hier die Logistik in all ihren Grundfunktionen beobachten und analysieren.“ Spezifische Literatur, die normalerweise in fast allen Fachdisziplinen vorhanden ist, gab es nicht. Drei Monate lang begleiteten die Diplomanden Bühnenarbeiter, Techniker, Requisiteure, Maskenbildner, Sänger und Verwaltung. Sie stellten fest, dass der Schwerpunkt in der Beschaffungs-, der Produktions- und der Entsorgungslogistik liegt. „Wir konnten zwei Hauptströme der Materialbewegungen identifizieren“, erklärt Peschlow. „Zum einen den Transport der Dekorationskomponenten zwischen der Haupt- beziehungsweise Probebühne und der Montagehalle innerhalb des Opernhauses; zum anderen den Austausch der Dekorationen zwischen dem Opernhaus und seinen externen Lagern.“ Optimierungen bei diesen Strömungen sollten also die größte Entlastung bringen.

Wenn in drei Jahren der „Nussknacker“ wieder Unter den Linden gegeben wird, kann die Staatsoper ihren Stars nicht nur ein angemessenes Ambiente bieten, sondern auch auf eine innere Erneuerung verweisen. Patricia Pätzold

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