Zeitung Heute : Hinter Gittern

Kino-Kampagnen, Plakate, Durchsuchungsaktionen: Staatsanwaltschaft und Filmindustrie machen ernst mit der Jagd nach Raubkopierern

Johanna Rüdiger

Wer gehofft hatte, im Internet eine Kopie der in dieser Kino-Woche anlaufenden Krimi-Komödie „Starsky & Hutch“ zu ergattern, der wird enttäuscht. Denn was vor wenigen Wochen für jeden Schüler mit ein bisschen Computererfahrung möglich war, ist nun schwieriger geworden: Bei der weltweit umfangreichsten Durchsuchungsaktion wurden in Deutschland vor einer Woche 19 Internetserver sichergestellt, die Film und Software-Raubkopien im Umfang von 38 Terabyte zur Verbreitung vorrätig hatten. „In den nächsten Wochen wird ein dramatischer Rückgang an Raubkopien zu sehen sein“, sagt Diane Gross, Sprecherin der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), deren Ermittlungsabteilung die Beweise für die Behörden lieferte. Selbst diejenigen Erst-Veröffentlicher, die nicht gefasst worden sind, seien aus Angst untergetaucht. Die Durchsuchungsaktion markiert einen Richtungswechsel in der Filmbranche, die nicht tatenlos zusehen will, wie Raubkopierer ihr Geschäft ruinieren.

Während die Musikindustrie in der aktuellen Kampagne unter der eigens eingerichteten Webseite www.pro-music.org noch auf Aufklärung und Appelle an das schlechte Gewissen der Räuber setzt, geht die Filmindustrie härter vor. Die Zeiten der netten Hinweise auf die Illegalität von Raubkopien seien vorbei, sagt Elke Esser, Geschäftsführerin der Zukunft Kino Marketing GmbH und Auftraggeberin der Anti-Pirateriekampagne. „Die Musikbranche verliert immer noch die Hälfte ihres Umsatzes an Raubkopierer – daraus haben wir Konsequenzen gezogen." Auch die Filmindustrie sieht ihre Existenz durch die Raubkopierer bedroht, da sich immer mehr potenzielle Kinogänger und Video-Entleiher Filme illegal beschaffen. So ergab 2003 eine „Brenner-Studie" der Filmförderungsanstalt (FFA), dass mit 13,3 Millionen Filmen bis zum August fast so viele Streifen heruntergeladen oder gebrannt wurden wie im gesamten Vorjahr. Dadurch errechne sich für die Filmbranche ein Schaden von rund 800 Millionen Euro, sagt Esser.

Statt an die Brenner zu appellieren, schlägt die Filmindustrie daher zurück: „Raubkopierer sind Verbrecher", lautet das Motto der Kampagne, die im Herbst begann und nun in die zweite Runde gegangen ist. Der neue Spot zeigt ein kleines Mädchen, das in dramatischer Psychothriller-Manier durch eine scheinbar verwaiste Wohnung läuft, die Mutter sitzt reglos auf dem Sofa. „Wo ist Papi?“, ruft das Mädchen verzweifelt, die Stimme aus dem Off erklärt: Raubkopierer werden seit dem 13. September 2003 mit Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren bestraft. Eine Kampagne, die schockieren will. In der Anfangsphase ernteten die Spots und Plakate scharfe Kritik von allen Seiten, und die Kampagne landete aufgrund von Beschwerden sogar vor dem Werberat.

„Aber sie wirkt", sagt Elke Esser und verweist auf eine Studie des Forsa-Institutes, das im Auftrag des „Stern" nach dem Start der Kampagne selbsterklärte Hobbybrenner zu ihrem Verhalten befragt hat. Demnach will die Hälfte der Piraten die Finger vom Kopieren lassen. Neben Drohkampagnen setzt die Filmbranche auch auf straf- und zivilrechtliche Verfahren. So sorgte die von der Industrie finanzierte GVU mit ihren Ermittlungen dafür, dass die Gerichte 2003 Geldstrafen mit einem Gesamtvolumen von mehr als einer halben Million Euro verhängten. Gleichzeitig stieg die Zahl der Strafverfahren, die mit Gefängnisstrafen abgeschlossen wurden, um mehr als das Doppelte von 23 auf 51 Fälle.

Dass nicht gleich jeder Vater, der seiner Tochter zum ersten Mal den neuesten Disney-Film auf den Heimcomputer lädt, im Gefängnis landet, stellt GVU-Sprecherin Gross klar: „Wir sind nicht hinter Schulhofpiraten her, wir beschäftigen uns mit gewerbsmäßiger Kriminalität." Auch Elke Esser betont, dass die Filmbranche keine Schüler kriminalisieren will. Die Kampagne richte sich zwar eindeutig an so genannte „Hobbybrenner“. Doch nur, weil die Grenzen zwischen denjenigen, die für den einmaligen Eigenbedarf brennen, und den organisierten Händlern zunehmend verwischen. So gaben in der Umfrage über die Hälfte der Brenner an, Filmkopien auch für Personen außerhalb ihres Haushaltes anzufertigen. Das sei ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr, warnt Esser.

Technische Unterstützung bei der Jagd nach Raubkopierern bekommt die Filmbranche ab April vom Fraunhofer Institut IPSI. Denn mit Hilfe einer neuen Wasserzeichentechnologie kann jede einzelne beschlagnahmte Kopie wieder an den Ort des Verbrechens zurückverfolgt werden. Das neue System der digitalen Containertechnologie erfordert nicht mehr einen geheimen Schlüssel für das Zeichen, der leicht bekannt werden kann und so die Zerstörung des Wasserzeichens ermöglicht. Durch die schnelle, individuelle Imprägnierung kann der wahre Käufer eines Filmes – und damit der Ursprung des Raubes – mit Hilfe der eingebetteten Kundennummer ausfindig gemacht werden.

Die Musikbranche versucht es unterdessen mit anderen Mitteln: Sie startete auf der Cebit die Internet-Plattform „Phonoline“, ein Projekt, mit dem die Musikwirtschaft den Brennern eine kostenpflichtige, aber legale Alternative bieten will. Elke Esser hält den Online-Verkauf für einen guten Ansatz, glaubt aber nicht, dass sich diese Lösung auf die Filmbranche übertragen lässt. „Den Brennern geht es hauptsächlich um den Kick, die Filme früher als alle anderen zu sehen.“

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