HINTERGRUND : Wie die Öffentlichkeit von My Lai erfuhr

Bernd Greiner

Anfänglich deutete nichts darauf hin, dass My Lai aufgedeckt würde. Kommandeure hatten Einsatzberichte gefälscht, vorgesetzte Stellen kümmerten sich nicht um die unglaubwürdige Darstellung. Erst zwölf Monate später gelang es einem Soldaten, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Ronald Ridenhour, der aus zweiter Hand über das Massaker erfahren hatte, wandte sich in einem langen Brief an Präsident Nixon sowie hochrangige Militärs und Politiker. Um Aufklärung gebeten, musste das Pentagon handeln. Wie es scheint, hatte man es auf eine geräuschlose Schadensabwicklung angelegt und wollte nur einen Verdächtigen anklagen – Leutnant William L. Calley. Dass dieses Kalkül nicht aufging, ist das Verdienst eines Journalisten, des damals 32-jährigen Seymour M. Hersh. Mitte Oktober 1969 von zwei Kontaktmännern im Pentagon über den Fall Calley in Kenntnis gesetzt, sprach Hersh mit Angehörigen der in My Lai eingesetzten Einheit – auch mit Lawrence Colburn – und legte acht Wochen später einen aufsehenerregenden Artikel vor, der von 36 Zeitungen nachgedruckt wurde.

520 Menschen wurden am 16. März 1968 von US-Soldaten in My Lai und im benachbarten My Khe ermordet. Es war das größte von amerikanischen Truppen in Vietnam verübte Massaker, aber keineswegs das einzige. Obwohl die genaue Anzahl nicht zu ermitteln ist, muss von Dutzenden Terrorakten gegen Zivilisten in den Jahren 1967 bis 1971 ausgegangen werden.

Woher rührte diese Gewaltbereitschaft? Zwei Aspekte verdienen besondere Beachtung. Erstens waren die GIs restlos überfordert. Ihre Ausbildung und überlegene Bewaffnung zählten nichts, weil der Feind in der Regel unsichtbar blieb und sich keiner offenen Schlacht stellte. Zugleich erlitten US-Truppen hohe Verluste durch Sprengfallen, Minen und Heckenschützen. Unter diesen Umständen können Frustration und Angst sehr schnell dazu führen, Rache an allen und jedem nehmen zu wollen. Zweitens waren viele Kommandeure entweder nicht willens oder nicht fähig, ihre Truppen zu disziplinieren. So mahnte der in My Lai eingesetzte Kompaniechef ausdrücklich zu rücksichtslosem Vorgehen – für ihn standen alle Vietnamesen auf der Seite des Feindes und hatten eine Bestrafung verdient.

Der Autor ist Leiter des Arbeitsbereichs „Theorie und Geschichte der Gewalt“ im Hamburger Institut für Sozialforschung. 2007 veröffentlichte er das Buch „Krieg ohne Fronten“ über den Vietnamkrieg (Hamburger Edition).

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