Zeitung Heute : Hinterm Horizont

Der Tagesspiegel

Von Antje Sirleschtov

Mit Subkulturen kennt sich Klaus Haase bestens aus. Das hat man schließlich in der DDR gelernt. „Die da oben haben ihre Politik gemacht und sich nicht darum geschert, wie wir da unten damit zurecht kamen.“ Und weil das Leben irgendwie weiter gehen musste, hat man sich eben durchgemogelt. Jetzt, zwölf Jahre später , sitzt Haase, der damals Ingenieur in Magdeburg war, in einer düsteren Baracke in Genthin. Er ist Geschäftsführer einer der größten ABM-Gesellschaften in Sachsen-Anhalt. Und er bedient sich noch immer alt bekannter Reflexe.

Neulich etwa, da fiel ihm ein, dass es irgendwo im deutschen Verordnungsdickicht einen Paragrafen gibt, der es erlaubt, Sozialhilfeempfänger in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) zu beschäftigen. Flugs fuhr er ins örtliche Aussiedlerheim und warb dort für seine Idee. Jetzt gammeln deutschstämmige Russen – beinahe jeder zehnte Genthiner ist mittlerweile ein Spätaussiedler – nicht mehr Tag für Tag vor ihrer baufälligen Übergangsherberge herum, sondern arbeiten in Haases ABM-Gesellschaft. Nach ein paar Monaten können sie zum Arbeitsamt gehen, einen ordentlichen Deutsch-Kurs belegen oder eine Berufsausbildung machen. Vielleicht findet der eine oder andere dann auch einen Job. „Man kann die Leute doch nicht hierher holen und sie dann einfach in Ghettos wegsperren“, sagt Haase. Und weil sich wieder einmal „von denen da oben keiner kümmert“, tut er es eben.

Klar, Haase trickst in solchen Fällen mit den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung herum; natürlich wirft man ihm vor, mit seinem kleinen ABM-Kombinat subventionierte Subkulturen neben der Marktwirtschaft aufzubauen. Aber Haase schießt zurück: „Bald sind Landtagswahlen. Und glauben Sie, ein einziger Politiker wäre hier gewesen und hätte sich für unsere Probleme interessiert?“ Früher habe man die wenigstens alle vier Jahre mal gesehen. Doch jetzt, „da werben sie noch nicht mal um unsere Stimmen“. Es war wirklich niemand hier.

In vier Tagen wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Mit bunten Plakaten und Aufsehen erregenden Wahlkampfaktionen mit Prominenten aus der Bundespolitik werben Sozialdemokraten, CDU, Liberale, Grüne und PDS in Großstädten wie Magdeburg, Halle und Dessau seit Wochen um die Gunst der Wähler. Dort gab es Ost-Parteitage, da lud man ein zu Unternehmertreffs, und auch so mancher hoffnungsvolle Spatenstich sollte den Sachsen-Anhaltinern vor dem Wahlgang am Sonntag noch einmal ins Gedächtnis rufen, wie sehr sich Politiker um das Wohl der Bürger bemühen. Und hier im Norden? In Genthin, wo seit nun einem Jahrzehnt die Arbeitslosigkeit um die Zwanzig-Prozent- Marke kreist? Wo das Waschmittelwerk von Henkel der einzige erwähnenswerte Investor weit und breit ist und die jungen Leute scharenweise ihre Koffer packen? Wer bringt die Hoffnung hierher ins Jerichower Land?

Letzte Woche hat es Ulrich Marseille versucht. Für Donnerstagabend lud der Spitzenkandidat der Schill-Partei ins Gasthaus „Elbpark“ nach Tangermünde, eine halbe Stunde nördlich von Genthin. Gut zwanzig Zuhörer interessierten sich für sein Wahlprogramm. Die Hälfte davon hatte der Unternehmer selbst mitgebracht. Nett fanden es die Leute allemal, wie Marseilles hübsche schlanke Ehefrau mit der fünf Monate alten Leoni auf dem Arm stundenlang lächelnd auf und ab lief und Heftchen und Videobänder von ihrem Mann verteilte. Zustimmendes Nicken auch, als sich Marseille, Leonis Vater, von den so genannten Berufspolitikern distanziert. „Die sabbeln ja nur“, meint der schlaksige Norddeutsche, und von den Sorgen der kleinen Leute, „da verstehen die ohnehin nichts davon.“ Er dagegen, sagt Marseille, als Adoptivsohn aus einfachen Verhältnissen habe er sich kümmern müssen, um sein Geld zu verdienen. „Wir wissen ja, wie schwer das ist“, sucht er im Publikum Zustimmung. Was die Schill-Partei den Menschen in Sachsen-Anhalt inhaltlich verspricht, hat Marseille dann auch erzählt. Vier Wochen soll man unter seiner Regierungsbeteiligung nur noch auf eine Baugenehmigung warten, und Investoren will er heranholen, aus der ganzen Welt.

Fahrradketten reparieren

Marseilles Worte erregen die Mienen der Zuhörer kaum. Denn die Straßen und Gehwege im Land sind dank milliardenschwerer Fördertöpfe seit Jahren frisch asphaltiert, und die Zahl derer, die sich eine rasche Baugenehmigung für ihr Häuschen wünschen, ist aus Geldmangel ohnehin begrenzt. Und Investoren heranzuholen, das hat ihnen hier in den letzten zwölf Jahren beinahe jeder zugesagt. Als Marseille sein Publikum am späten Abend entlässt, bleiben die meisten Videobänder mit seinem stahlend lachenden Gesicht auf den Tischen liegen. Und draußen vor dem „Elbpark“ steht sein riesiger silbergrauer Daimler zwischen all den Toyotas und Golfs wie ein Ufo von einem fernen Planeten.

Dass dieser Schill-Ableger in Magdeburg das Phänomen der letzten Landtagswahl wiederholen könnte, daran glaubt hier eigentlich niemand. Damals, 1998, hatte die rechtsgerichtete DVU mit einem bissigen Anti-Wahlkampf aus dem Stand beinahe jeden sechsten Sachsen-Anhaltiner überzeugt. Auch in Genthin machten 13 Prozent ihr Kreuzchen bei der DVU. Der Schock über ein solches Wahlergebnis traf nicht nur Beobachter außerhalb der Landesgrenzen. Auch in Sachsen-Anhalt selbst wurde seither viel diskutiert über Ursachen und Wirkung.

In Genthiner Politikerkreisen allerdings spielte das Thema kaum eine Rolle. Zumindest kann sich Bernd Neumann daran nicht erinnern. Dabei ersehnte sich Neumann so manches Mal die Unterstützung seiner Lokalpolitiker. Denn sein Arbeitsplatz, das Thomas-Morus-Haus, liegt nicht nur örtlich im Brennpunkt der Stadt. Direkt am Genthiner Wasserturm, dem Ort, wo sich beinahe alle Wege der 15 000-Einwohner-Stadt kreuzen, sammeln sich jeden Nachmittag die Jugendlichen und Schüler Genthins, die es zuhause nicht aushalten. Solche, die nicht viel mit sich anzufangen wissen, die null Bock haben auf Chor oder all die anderen Arbeitsgemeinschaften, die die Schule anbietet. Eben solche, die anderswo kiffend um Bahnhöfe herumschleichen oder vor Ausländerheimen Selbstbestätigung suchen. Schon gegen Mittag sieht man die ersten auf den Stufen des bunt bemalten Thomas-Morus-Hauses hocken. Ab drei Uhr werden drinnen die Plätze an den Billardtischen knapp. Wer hierher kommt, und es werden immer mehr, „der lebt in den verlorenen Hoffnungen seiner Eltern“, sagt Neumann, und zieht die Tür zum Fernsehraum zu, von wo aus mit ohrenbetäubendem Lärm irgendeine Soap dröhnt. Kaum einer, dessen Eltern mit Begriffen wie Karriere etwas anzufangen weiß. 20 Prozent Arbeitslosigkeit seit Jahren, sagt Neumann, „da glauben auch die Kinder irgendwann nicht mehr an sich selbst“.

Vor ein paar Monaten haben sie hinten im Garten eine Werkstatt eingerichtet. Damit man mal die Kette am Fahrrad reparieren kann. Gleich hagelte es Beschwerden von den Genthiner Fahrradverkäufern. Wettbewerbsverzerrung, hieß es. Doch Neumann blieb stur: „Hier geht’s nicht ums Wegsperren“, sagt er, „man muss Werte vermitteln.“ Nun wird eifrig gebastelt. „Sie sollten mal sehen, wie stolz die sind, sich selbst helfen zu können“, sagt Neumann. Das schafft kein Fahrradverkäufer.

Und auch hier wieder die Aussiedler von nebenan. Neumann brennt gerade eine CD für einen der Jungs. „Der spielt Klavier, göttlich.“ Ein Pianist unter den Russen, sogar über einen jungen Schach-Großmeister hat neulich etwas in der Zeitung gestanden. Kopfschüttelnd zischt Neumann so etwas wie „die wohnen hier im Ort, und keiner im Stadtrat erkennt das Potenzial“. Natürlich steht in allen Wahlprogrammen der Parteien, die Sachsen-Anhalt in den nächsten vier Jahren mitregieren wollen, ein wohl formuliertes Kapitel über die Integration von Ausländern, und auch die Jugendarbeit wird ganz obenan gestellt. Nur wenn’s konkret wird, sagt Neumann, „dann ducken sich alle weg“.

Erst kürzlich hat das Förderwerk des Waschmittelwerkes, das die Familie Henkel zur Unterstützung sozialer Projekte eingerichtet hat, angekündigt, dass die einst gesponserten zweieinhalb Millionen Mark übernächstes Jahr aufgebraucht sind. Gleich darauf wiesen Land, Landkreis und auch die Stadtoberen in Genthin Neumanns Anfrage nach Kompensation zurück. Und auch die Politiker im Beirat des Thomas-Morus-Hauses (alle Parteien haben darin einen Sitz) haben nur bedauernd die Achseln gezuckt. Kein Geld, das ahnte man ja. Aber auch keine Ideen? „Du musst dir selbst helfen“, sagt Neumann. Dieser Tage hat er sich erst einmal eine „Sponsoren-Fibel“ gekauft.

Blühende Inseln

Doch wer soll Geld spenden für das Genthiner Jugendprojekt? Beinahe mitleidig lächelt der Arbeitsamtschef Harald Tappert hinter seiner goldglänzenden Brille hervor. Als er Anfang der 90er Jahre aus Bremen nach Genthin beordert wurde, glaubte sich der Mittfünfziger am Beginn eines erfolgreichen Laufbahnabschlusses. Denn hier in Genthin, da fand er „optimistisch stimmende“ Bedingungen vor. Es gab neben Henkel Maschinen- und Anlagenbauer, Stahlbaubetriebe, ein Zuckerwerk, und die Baubranche brummte unter dem Kohlschen Aufbauwerk mit Volldampf. „Blühende Inseln“, murmelt Tappert heute, „ich habe gedacht, es wird ein kurzes Tal.“ Seitdem geht es in Genthin jedoch bergab. Kaum noch Landwirtschaft, die ansässigen Baubetriebe entlassen ihre Mitarbeiter zu hunderten, und wenn einer der anderen Unternehmer „mal drei Jobs am Stück zu vergeben hat, dann ist das ein Glück“. An eine Belebung der Wirtschaft glaubt Tappert kaum noch. Er flüchtet sich jetzt ins Historische. „Vor 100 Jahren war hier oben auch nicht viel los.“ Warum sollten die Zeiten nicht wiederkehren?

Dennoch: Aufgeben gilt nicht. „Wer seine Ausbildung beendet hat, wird sofort fortvermittelt“, sagt Tappert. Nach Süddeutschland, nach Irland, in die Niederlande oder Österreich. Wo auch immer Leute gebraucht werden, Tappert sucht in seiner übervollen Kartei nach geeignetem Personal. „Nur weg hier“, heißt die Devise.

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