Zeitung Heute : Hinterm Tellerrand geht’s weiter

Trotz Lehrstellenmangels sind viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Jobberater empfehlen, sich auch jenseits der Standardberufe zu informieren

Katja Winckler

LERNEN FÜR DIE JOBS VON MORGEN: BERUF UND BILDUNG

Katharina Franke hat allen Grund zur Freude. Anfang August fängt die Abiturientin aus Friedberg in Hessen bei der Frankfurter Dekabank ihre Ausbildung zur Investmentfondskauffrau an. Ein Studium kommt für die 20-Jährige zurzeit aus Kostengründen nicht in Frage. „Außerdem möchte ich nach 13 Jahren Schule endlich mein eigenes Geld verdienen“, sagt sie. Der Beruf Investmentfondskauffrau ist einer von fünf Berufen, die am 1. August neu in Kraft treten. Neu ist auch die Ausbildung zur Kosmetikerin, zum Elektroniker für Gebäude- und Infrastruktursysteme, zum Fahrzeuglackierer sowie zur Bestattungsfachkraft. Außerdem wurden etliche Ausbildungsbereiche modernisiert.

Doch nicht alle Schulabgänger finden wie Katharina Franke überhaupt einen Ausbildungsplatz, geschweige denn einen nach ihren Wünschen. Bundesweit suchten bis Ende Mai diesen Jahres noch 600 789 Schulabgänger übers Arbeitsamt einen Ausbildungsplatz. Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit konnte jedoch nur 433 061 angebotene Ausbildungsplätze verzeichnen. In Berlin sind rund 12 677 Lehrstellensuchende unvermittelt, in Brandenburg 17 801. Wegen dieser alarmierenden Zahlen ist Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn im Rahmen der von der Bundesregierung initiierten Ausbildungsoffensive unterwegs. Mit Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt im Schlepptau sucht sie 170 000 Lehrstellen. Dafür putzt sie derzeit Klinken in Betrieben und bei Existenzgründern.

Nicht die Hände in den Schoß legen

Olaf Möller vom Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg möchte allerdings nicht ins allgemeine Jammern und Klagen einfallen. Viele Schulabgänger müssten sich an die eigene Nase fassen. Sie würden sich nicht rechtzeitig für eine Ausbildungsstelle bewerben oder nicht beim Arbeitsamt melden. „Interessant ist das Missverhältnis an angebotenen Stellen und interessierten Bewerbern.“ In Berlin zum Beispiel sollen 4320 Lehrstellen unbesetzt sein, in Brandenburg 3371. Möller plädiert dafür, bloß nicht die Hände in den Schoß zu legen. Wer den Blick über den Tellerrand wage, könne trotzdem einen Traumjob finden.

Das beste Beispiel dafür, dass sich Engagement und eine rechtzeitige Vorbereitung lohnen, ist Katharina Franke. In den Schoß ist ihr die Wunsch-Lehrstelle nicht gefallen: In den Schulferien jobbte sie zunächst in einem Laden und absolvierte Praktika in einer Werbeagentur und bei einer Versicherung. Danach merkte sie, dass ihr der kaufmännische Bereich Spaß macht und bewarb sich daraufhin vor einem Jahr bei Banken. In der Zeitung hatte sie von dem neuen Ausbildungsgang gelesen. Und da ihr eine normale Banklehre nicht sehr zukunftsträchtig erschien, wollte sich Franke lieber auf den Wertpapiermarkt mit seinen über 5000 in Deutschland zugelassenen Fonds spezialisieren. Bislang konnte man in diesen Bereich ohne Hochschulabschluss nur quer einsteigen.

Ilona Zeuch-Wiese vom Bonner Bundesinstitut für Berufsbildung, rät Schulabgängern, auch wenn sich der Wunschberuf nicht gleich findet, eine Ausbildung anzufangen, „denn das ist eine Basis, von der aus man sich weiter orientieren kann.“ Die meisten Schulabgänger würden sich auf Standardberufe wie Bürokauffrau, Kauffrau im Einzelhandel, Friseurin und Kraftfahrzeugmechaniker versteifen. Dabei würden weniger überlaufene Berufszweige völlig zu Unrecht übergangen, sagt Zeuch-Wiese. Zum Beispiel sei der Ausbildungszweig „Fachverkäuferin im Nahrungsmittelhandel“ chronisch unterbesetzt. „Dabei unterscheidet sich diese Ausbildung gar nicht so sehr von der so beliebten Kauffrau im Einzelhandel.“ Weitere Jobs unter den „Top Ten“ der unterbesetzten Ausbildungsberufe: Bäckerin und Konditorin, die zahnmedizinische Fachangestellte, Restaurantfachleute, Fleischer, Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte, Fachleute für Systemgastronomie, Steuerfachangestellter, Zentralheizungs- und Lüftungsbauer sowie Versicherungskaufleute.

Ilona Zeuch-Wiese gibt zudem den Tipp, zu schauen, in welchen Sparten Azubis benötigt werden. In Berlin werden beispielsweise Auszubildende für die Berufe Konstruktionsmechaniker, Energie-Elektroniker sowie Mechatroniker gesucht, sagt Olaf Möller. Auch angehende Kaufleute im Einzelhandel, Fachkräfte im Nahrungsmittelhandel, Versicherungskaufleute, Kaufleute für Bürokommunikation und Verwaltungsfachangestellte sind gefragt. In Brandenburg sind Lehrstellen ausgerechnet für den männlichen Ausbildungsberuf – Kraftfahrzeugmechaniker – offen. Gesucht werden Azubis als Elektroinstallateure, Köche, Kaufleute im Einzelhandel, im Groß- und Außenhandel sowie im Nahrungsmittelhandel. Und auch Bürokaufleute, Versicherungsfachangestellte und Restaurantfachleute sind begehrt.

Aber selbst wer eine Ausbildungsstelle ergattert hat, sollte nicht auf der faulen Haut liegen, meint Ilona Zeuch-Wiese vom Bundesinstitut für Berufsbildung. „Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Da sollte man sich schon während der Ausbildung nach Weiterbildungsangeboten umschauen.“

Auch das hat Katharina Franke bereits vor Antritt ihrer Ausbildung getan. „Wenn ich mich nach meiner Ausbildung zur Investmentfondskauffrau weiterbilden will, kann ich zwei weitere Jahre auf die Berufsakademie gehen.“ Vorher heißt es jedoch noch mal fleißig büffeln, denn Mitte Juni stehen für Franke die Abi-Prüfungen an. Aber mit der Aussicht auf eine Lehrstelle nach Maß gelingt auch das bestimmt mit links.

Weitere Infos im Internet:

www.bibb.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben