Zeitung Heute : „Hinweise auf erhebliche Risiken“

Der Tagesspiegel

Anders als viele seiner Kollegen sieht der Physiker Dr. Horst-Peter Neitzke Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung. Neitzke ist Chef des 1991 von Wissenschaftlern der Universität Hannover gegründeten Ecolog-Instituts und hat für den Mobilfunkbetreiber T-Mobil ein Gutachten geschrieben.

In Berlin wird über die Einführung Schweizer Grenzwerte für Mobilfunkantennen diskutiert. Reichen die deutschen Werte nicht aus?

Die deutschen Grenzwerte berücksichtigen nur mögliche akute Schäden durch die so genannten thermischen Wirkungen des Mobilfunks, das heißt die Überhitzung von Körpergewebe durch Felder hoher Intensität. Vor anderen Wirkungen, für die es deutliche wissenschaftliche Hinweise gibt und die bei Intensitäten zum Teil weit unterhalb der deutschen Grenzwerte beobachtet wurden, schützen die deutschen Grenzwerte nicht. Dies betrifft zum Beispiel Störungen des zentralen Nervensystems, die sich in Veränderungen des Schlafes und Beeinträchtigung der Lernfähigkeit äußern können, Störungen des Hormonsystems, Veränderungen bestimmter Zellfunktionen sowie Schädigungen am Erbmaterial. Experimente an Tieren und Zellkulturen deuten zudem auf eine Krebs fördernde Wirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder, wie sie beim Mobilfunk verwendet werden.

Ein großer Teil ihrer Kollegen sagt, es gebe keinen Beweis dafür, dass Mobilfunktrahlung krank macht.

Im konservativen wissenschaflichen Sinn haben sie Recht. Keiner dieser Effekte ist bewiesen. Aber die Vielzahl unterschiedlicher Ansätze und Ergebnisse weist in eine ähnliche Richtung und gibt starke Hinweise auf erhebliche Gesundheitsrisiken.

Um wie viel niedriger wäre die Strahlung einer Antenne nach Schweizer Standard?

Die Schweizer Grenzwerte, die immer dann einzuhalten sind, wenn sich in der Nähe der Anlagen Menschen auf Dauer aufhalten, betragen nur ein Zehntel des deutschen Grenzwerts, das heißt, dass in der Schweiz beim Bau von Mobilfunkanlagen auch ein zehnmal höherer Schutzabstand zu Wohngebieten, Schulen, Kindergärten usw. eingehalten werden muss.

Wenn die Grenzwerte gesenkt werden, müssen mehr Antennen aufgestellt werden. Bleibt die Emission dadurch letztlich nicht gleich?

Nicht unbedingt. Denn solche Grenzwerte sind Immissionsgrenzwerte, das heißt, dass sie überall dort eingehalten werden müssen, wo sich die zu schützenden Menschen befinden.

Das Gespräch führte Tobias Arbinger.

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