Zeitung Heute : Hiobsbotschaften von der Bahn

MARGARITA CHIARI

Weil die Bundesregierung sich voraussichtlich nicht von ihren Ökosteuerplänen abbringen lasse, sei die Bahn - leider, leider - gezwungen, die Preise im Nah- und vielleicht auch im Fernverkehr zu erhöhen.Dies alles zusätzlich zu der ohnedies schon beschlossenen Preiserhöhung zum 1.April, die vor allem in den ostdeutschen Regionen ganz kräftig ausfallen wird.

Ist das die Nachricht von der Bahn, auf die wir alle gewartet haben? Gab es nicht schon Hiobsbotschaften genug - die sich häufenden Unfälle, die Sorge um die Sicherheit, die nicht abreißenden Verspätungen und Umleitungen, die geplante Ausdünnung im Interregio-Verkehr? Selbst hartnäckige Bahnfans gewinnen langsam den Eindruck, das Unternehmen setze alles daran, auch noch den letzten Fahrgast zu vergraulen.

Was das Bahnmanagement in jüngster Zeit ablieferte, war starker Tobak.Auf klare Begründungen, wie es zu den Unfällen der vergangenen Monate kommen konnte - nicht nur in Eschede -, wartet die Öffentlichkeit noch immer.Hartnäckig hielt Bahnchef Johannes Ludewig an der Standardformulierung fest, es gebe "kein Sicherheitsrisiko" beim Schienenunternehmen, während rundum die Spekulationen ins Kraut schossen, die Unfälle und Pannen könnten vielleicht doch etwas mit dem Stellenabbau der vergangenen Jahre zu tun haben.Die Personalplanungen seien zu knapp und die Mitarbeiter demotiviert.

Das trägt nicht zur Beruhigung der Fahrgäste bei.Und nun? Neun Monate nach Eschede ringt sich der Vorstand endlich zu einem "Spitzengespräch" mit allen Beteiligten durch, mit dem Ergebnis, daß eine externe Expertengruppe die Vorfälle untersuchen und Vorschläge zu Verbesserungen unterbreiten soll - im Laufe des Jahres, wie es heißt.Das reicht nicht.

Denn Defizite gibt es überall.Ausgerechnet ihre treuesten Kunden, die Pendler, verärgerte die Bahn nachhaltig, als sie ihnen unter der Überschrift "DB Reise & Touristik verstärkt das InterRegio-Angebot" mitteilte, daß genau diese Regionalverbindungen zum Fahrplanwechsel Ende Mai ausgedünnt werden - und als Alternative dann nur der wesentlich teurere IC oder gar der ICE zur Verfügung stehen.Gutes Marketing sieht anders aus.Und daß die Bahn in ihrer neuen Werbekampagne vor allem die Prominenten ins Bild rückt, die von den schnellen, bequemen Zügen und dem hervorragenden Angebot im Speisewagen schwärmen, verstärkt nicht den Eindruck, daß ihr auch die breite Masse als Kunde am Herzen liegt.

Sicher wäre es falsch, nun allein das Management zu schelten.Schon die Väter der Bahnreform hatten darauf hingewiesen, daß die Jahre 1998-1999 zu den schwierigsten zählen werden - dann nämlich, wenn die hohen, aber notwendigen Investitionen der Anfangszeit auch verdient werden müssen.Absehbar war ebenso, daß die Umwandlung des Staatsunternehmens nach mehr als vierzig Jahren Behördendasein nicht ganz ohne Probleme über die Bühne gehen würde, zumal parallel auch noch die Sanierung der Reichsbahn zu bewältigen ist.Und schließlich muß auch die Industrie erst umdenken und Verantwortung für ihre eigenen Produkte übernehmen.Es wäre naiv gewesen zu glauben, dies alles ließe sich von heute auf morgen bewältigen.Bis die Bahnreform ein Erfolg wird, sind noch viele Hürden zu überwinden.Und Unternehmen, die in einem Umbruch dieses Ausmaßes stecken, sind nun einmal unberechenbar und gefährlich.

Doch statt diese Herausforderung anzunehmen, scheinen alle Beteiligten nun vor allem damit beschäftigt, die Reform zu demontieren.Monatelang erschöpften sich Aufsichtsrat, Belegschaftsvertreter und Management in einem verheerenden Machtkampf um Führungspositionen.Ebenso aber ist die neue Bundesregierung ihrem Versprechen, der Schiene nun endlich Vorrang einzuräumen, bislang nicht nachgekommen.War es wirklich nötig, der Bahn - wenn auch eingeschränkt - die Belastungen der Ökosteuer aufzuerlegen? Es ist höchste Zeit, daß in Sachen Bahnreform wieder alle an einem Strang ziehen - und sich die Neuerungen nicht nur in Preiserhöhungen für Bahnfahrer niederschlagen.

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