HIP-HOPDrake : Da helfen keine Millionen

Wenn ein 25-jähriger Hip-Hop-Millionär über zerbrochene Beziehungen, disfunktionale Familien oder die emotionale Leere seines Jetset-Lebens lamentiert, könnte man das für eitle Larmoyanz oder bewusstes Karrierekalkül halten. Dagegen spricht jedoch, dass Drake, der eigentlich Aubrey Graham heißt, Sohn eines afroamerikanischen Musikers und einer jüdischen Kanadierin und Neffe der Funk-Legende Larry Graham ist, die Scheidung seiner Eltern als ein seine Kindheit überschattendes Trauma erlebt hat. Und dass er, mit gerade mal 14 Jahren, Star in einer erfolgreichen TV-Serie und somit Objekt der Begierde für hysterische Teenager wurde. Nach seinem TV-Ausstieg nahm ihn HipHop-Superstar Lil Wayne unter Vertrag und lancierte Drakes Debütalbum „Thank me later“.

Welch bedeutende Dinge man von dem Newcomer erwartete, bewies die Gästeliste, auf der sich Prominenz wie Jay-Z, Alicia Keys und Timbaland tummelte. Noch eine Nummer größer geriet der Nachfolger „Take Care“, eines der wenigen Alben des letzten Jahres, von dem über zwei Millionen Stück verkauft werden konnten. Drake erweist sich als begnadeter Stilist, dem das Dicke-Hosen-Getue seiner gangsterrappenden Kollegen fremd ist. Stattdessen verortet er sich mit schläfrigem Sprechgesang und erotisierten Gesangspassagen im kommerziell umkämpften Niemandsland zwischen Hip-Hop und R’n’B, eher ein Nachfolger von R. Kelly als der nächste 50 Cent. Am Ende ist Drake gar keine millionenschwere Heulsuse, sondern einfach ein typischer Vertreter einer Generation, die trotz materieller Abgesichertheit in einem Bewusstseinszustand aus Selbstzweifeln und an Weltschmerz grenzender Melancholie verhaftet bleibt. Jörg Wunder

Max-Schmeling-Halle, Do 12.4., 20 Uhr, 40 €

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