Zeitung Heute : Hirte mit Florett

Gefürchtet für seine scheinbar nebensächlichen Halbsätze, vom Volk gefeiert wie ein Popstar: Der Papst ist zwei Jahre im Amt und wird 80 – eine Bilanz

Paul Kreiner[Rom]

Spätabends auf dem Petersplatz. Stille. Nur die Brunnen rauschen. Das weite, offene Oval ist in tiefes Dunkel getaucht; das Basaltpflaster lässt die Nacht noch schwärzer erscheinen, als sie ist. Einzelne Touristengrüppchen verlieren sich in der Finsternis, mit Standlicht dreht das Auto der Polizeistreife im Schritttempo seine Runden. Dezent angestrahlt sind nur die Fassade des Petersdoms und Michelangelos Kuppel, spärlich erleuchtet Berninis Kolonnaden.

Nur oben, im höchsten Stockwerk des Vatikanischen Palasts, da strahlt es hell aus zwei Fenstern. „Da, schaut“, erklären sich die Touristen gegenseitig und zeigen mit ausgestreckten Armen nach oben: „Der Papst arbeitet noch.“

Jedenfalls brennt Licht. Dabei hat Georg Ratzinger schon vor einiger Zeit gesagt, in der Nacht könne sein Bruder gar nicht arbeiten: „Da bringt er nichts zusammen.“ Nach den Fernsehnachrichten um acht Uhr und einem kleinen Spaziergang sei „relativ früh Schluss“. In Benedikts eigenen Worten klingt das so: „Ich muss eine persönliche Schwäche bekennen. Nachts kann ich nicht beten. Nachts möchte ich schlafen.“

Brennt das Licht also nur symbolisch? Damit die Fassade stimmt?

Außer dass der Papst – seinem Bruder Georg zufolge – „ein relativ geordnetes Leben führt“, weiß die Welt auch am Ende des zweiten Amtsjahres von Benedikt XVI. noch ziemlich wenig über den Papst selbst. Seine Interpreten, bestellt oder nicht, verlieren deutlich mehr Worte über ihn als er über sich selbst. Der wenig differenzierten Kritik am „Großinquisitor“ Ratzinger von einst ist nun auf zahlreichen Fernsehkanälen ein ebenso undifferenziertes Benedetto-Lob gefolgt. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein Verlag einen noch so alten Vortrag Joseph Ratzingers unter gewaltigem Werbe- und Wörtergetöse auf den offenbar begierigen Markt wirft.

Will man herausfinden, was Ratzinger in seinen beiden Papstjahren getan hat, dann fallen die Antworten schon dünner aus. Einen unerwartet offenen, gewinnenden Eindruck habe er gemacht, bestätigen sogar jene, die den scheuen Spitzentheologen und strengen Glaubenswächter „immer schon“ zu kennen glaubten – und die Zahlen geben ihnen recht: Über eine Million Gläubige oder Schaulustige hat Benedikt XVI. bei seinen allwöchentlichen Generalaudienzen 2006 angezogen; gerade in diesen Tagen jubelt die Stadt Rom über den „Ratzinger-Effekt“, der ihr deutlich mehr Ostertouristen beschert hat als je zuvor; an der Spitze die begehrten, weil kaufkräftigen Deutschen, die sich zuvor immer rarer gemacht hatten.

Aber was sind Benedikts Linien als Oberhaupt der katholischen Kirche?

Er geht die Wege weiter, die sein Vorgänger ausgetreten hat, vom rituellen Bad in der Menge auf dem Petersplatz oder in der Audienzhalle, bis hin zum Besuch in der Suppenküche der Caritas oder in einer römischen Jugendstrafanstalt. Selbst wenn Benedikt nun für seinen Sommerurlaub einen neuen Ort gewählt hat, so doch nur Lorenzago, jenes Dolomitendorf, in dem Johannes Paul II. auch schon sechsmal war. Ansonsten spricht man um den Vatikan herum, einen Begriff aus dem Schachspiel aufgreifend, von „Wartezügen“: Benedikt ist an der Reihe; er will aber die Partie nicht verändern, und so nimmt er nur folgenlose Bewegungen vor oder Feinkorrekturen, die in der Summe kein rechtes Bild ergeben.

So war es zuletzt mit den Wandlungsworten der Heiligen Messe. Bisher, bekräftigt zuletzt von Paul VI., besagen sie, dass Jesu Blut „für alle“ vergossen worden sei. Benedikt änderte in: „für viele“. Erläuternd ließ er den Bischofskonferenzen der Welt mitteilen, dass Jesus am Kreuz sicherlich „für alle Menschen“ gestorben sei, dass aber an konkreter Stelle ein – ausschließendes – „für viele“ den Kern besser treffe. Zahlreiche von Benedikts Interpreten sahen in dieser Korrektur gleich die bei Ratzinger immer befürchtete „Generalwende rückwärts“ heraufziehen – zumal, da demnächst auch die Wiederaufwertung des alten lateinischen Mess-Ritus’ erwartet wird. Doch kurz danach lobte der Papst nachdrücklich die nunmehr 40 Jahre zurückliegende Liturgiereform, an der sich wiederum Konservative und Traditionalisten so heftig stoßen.

Dass Benedikts Führungsstil offenbar recht subtil ist und sich nicht unbedingt auf direkt feststellbare Eingriffe beschränkt, darauf weisen Fachtheologen hin. Mit gewisser Sorge sagen sie, Ratzinger habe lange genug wissenschaftliche Werke publiziert, um zu wissen, wie man in einem scheinbar nebensächlichen, elegant hingeworfenen Halbsatz einen ungeliebten Kollegen in Grund und Boden ramme.

Aufsehen hat dieser Tage die Zurechtweisung des Befreiungstheologen Jon Sobrino ausgelöst, dessen Thesen „den Gläubigen durch ihre Irrtümer schaden“ könnten. Er betone zu sehr das soziale Engagement der Kirche und zu wenig den Gedanken der Erlösung durch Jesus Christus. Der Bannstrahl gegen Sobrino ruft Erinnerungen an die schweren Auseinandersetzung des Vatikans mit den lateinamerikanischen Befreiungstheologen in den 80er Jahren hervor. Eine entscheidende Rolle spielte damals Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation.

Der Zeitpunkt von Sobrinos Verurteilung ist möglicherweise nicht ganz zufällig. Denn gerade jetzt kommt auch Ratzingers weltweit beworbenes Jesus-Buch auf den Markt. Der Papst sagt im Vorwort, das Werk sei so etwas wie das Ziel seines „inneren Weges“, die Summe seines Gelehrtenlebens; er habe es jedoch nicht als Papst, sondern als „normaler“ Theologe geschrieben: „Jeder kann mir widersprechen.“

Natürlich weiß Ratzinger, dass er mit diesem Buch der Jesus-Forschung seine Richtung aufdrängen und dass das Werk eine normative Schrift werden wird – auch wenn der Papst so tut, als wolle er das gar nicht. Es passt ins Bild, dass Ratzinger kurz vor Veröffentlichung seines Buches noch eigens die Jesus-Theologie Sobrinos aus dem Feld hat schlagen lassen.

Römische Beobachter seiner Auftritte haben den Eindruck, als fühle sich Benedikt XVI. als letzter Verfechter einer alten, untergehenden Welt. Getreu dem Satz des Philosophen Peter Sloterdijk, ein Oberhaupt der Katholischen Kirche müsse „seelisch zweitausend Jahre alt sein“, schließt der Papst immer wieder die Klammer zu den Anfängen des Christentums. Bei seinen wöchentlichen Generalaudienzen nimmt er derzeit die führenden Theologen aus den ersten Jahrhunderten der Kirche durch, geradezu schulmäßig, einen nach dem anderen. Auch sonst schöpft er die meisten seiner Zitate aus den Werken der „Kirchenväter“, und was er in seiner wegen der Islamkritik berühmt-berüchtigten „Regensburger Vorlesung“ grundgelegt hat, das hat er nun, zum 50. Geburtstag der EU, noch einmal eingeschärft.

Nicht nur das Christentum, sondern das ganze europäische Denken – so der Grundgedanke –, basieren auf der Verschmelzung des nahöstlichen Evangeliums mit der griechisch-hellenistischen Metaphysik, die in genau jenen ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung stattgefunden habe. Seither habe Europa geglaubt, sich in mehreren Emanzipierungsschüben von diesem Erbe befreien zu sollen. Das Resultat sei heute zu besichtigen: zivilisatorischer Verfall auf der ganzen Linie.

Besonders gerne zitiert Benedikt den Kirchenlehrer Augustinus von Hippo. Am Montag wird der Papst 80 Jahre alt, schon am Sonntag feiert er auf dem Petersplatz in Rom mit einer Messe. Und am Wochenende – dieses Geburtstagsgeschenk macht er sich selbst – besucht er das Grab des Augustinus in Pavia. In dem spätantiken, nordafrikanischen Römer erkennt sich Benedikt gleich mehrfach wieder: Zum einen, weil auch jener Bischof ein exzellenter Theologe, ein glänzender Sprachstilist und ein effektvoller Polemiker war. Zum anderen, weil Gott sie beide in gleicher Weise der Beschaulichkeit eines stillen Gelehrtenlebens entzogen und zu einer „Lasttier“-Rolle in der tumulterfüllten Öffentlichkeit gezwungen hat. Und zum dritten, weil auch der Prediger Augustinus an der Wende zum fünften Jahrhundert in einer Zeit des Verfalls die Fackel des christlichen Glaubens hatte hochhalten müssen: Das Römische Reich als irdischer Garant für Sicherheit und Ordnung zerbrach, nichts galt mehr, und Barbarenhorden zerschlugen auch noch den Rest. Vandalen waren es damals. Wer wird es heute sein?

Angesichts dieser Krisenlage, die er wie Augustinus als existenziell empfindet, sieht sich Benedikt XVI. nicht zu neuen Schritten innerhalb der Kirche gedrängt. Die „zentralen Punkte“, deren Reform gerade eben die Bewegung „Kirche von unten“ wieder einmal anmahnt – „Positionen zu Homosexualität, Abtreibung, Sterbehilfe, Gentechnik sowie die Haltung zur Ökumene, zum Zölibat, zur Stellung der Frau in der Kirche“ – sind nicht Ratzingers Punkte. Ihm ist es am Rand eines zivilisatorischen Abgrunds viel wichtiger, die Fundamente, die „unverrückbaren Grundlagen“ von Christentum und Welt, ins Gedächtnis zurückzurufen.

Dabei ist Benedikt kein Drohprediger; Angst hat er auch nicht. Er spricht mit der Seelenruhe und dem Gottvertrauen einer Institution, die in 2000 Jahren schon alle möglichen Stürme überlebt hat. Und der Professor-Papst spricht, wenn er es vor Publikum tut, in einer vergleichsweise einfachen Sprache – teils aus dem Stegreif und in jedem Fall weitab von den barocken Schnörkeln sowie den dauernden Selbstzitierungen seines Vorgängers. Jener Nachmittag im vergangenen Jahr, als er auf dem Petersplatz etwa 100 000 italienischen Kindern den Sinn von Beichte und Erstkommunion erklärte, gilt bis heute als einer der überraschendsten Höhepunkte von Ratzingers Predigtkunst.

Dass Benedikt XVI. nun schon 80 Jahre alt sein soll, das fällt angesichts dessen kaum einem in Rom auf. Dass er vor seiner Wahl zum Papst – nach Auskunft seines Bruders – schon zwei Schlaganfälle gehabt hat, noch weit weniger. Der auch körperlich voll bewegliche Benedikt selbst kommt nur ganz selten auf sich persönlich zu sprechen: „Ach ja, ich bin ein alter Mann. Wer weiß, wie viel Zeit der Herr mir noch geben wird“, sagte er vergangenen September auf dem Flug nach Bayern, und damit war das Thema auch schon wieder abgehakt. Er führt eben „ein relativ geordnetes Leben“.

Und abends um elf, wenn das letzte Publikum vom Petersplatz gewiesen wird, da geht schließlich auch im Apostolischen Palast das Licht aus.

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