HISTORIENDRAMA„Die Lincoln Verschwörung“ : Im Zweifel gegen das Recht

Julian Hanich
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Foto: TobisFoto: Claudette Barius, SMPSP

Ein Anschlag erschüttert Amerika. Präsident Abraham Lincoln wird erschossen. Sein Außenminister entgeht einem Attentat schwer verletzt. Die Verschwörung versetzt die Hauptstadt Washington in tiefe Unruhe. Doch unter der harten Hand von Kriegsminister Edwin Stanton (Kevin Kline) schlägt der Staat zurück: Lincolns Mörder wird getötet, der Großteil der Konspiratoren vor Gericht gebracht. Unter ihnen: die Mutter eines Verschwörers, Mary Surratt (Robin Wright), die stets ihre Unschuld beteuert. Als ihr Pflichtverteidiger darf sich der junge Frederick Aiken (James McAvoy) versuchen, ein unerfahrener, idealistischer Anwalt und Held des Bürgerkriegs. Doch das Spiel scheint abgekartet. Stanton, ein Machtpolitiker, will Ruhe im Land. Ein Militärgericht soll die Sache schnell zu Ende bringen.

Wir befinden uns im Washington, D.C. des Jahres 1865. Aber es könnten auch die USA kurz nach dem 11. September 2001 sein. Auf den ersten Blick dient der Film als Geschichtsstunde. Robert Redford erzählt eine selten thematisierte Facette des Lincoln-Attentats nach. Doch eigentlich will der Regisseur auf etwas anderes hinaus. „Die Lincoln Verschwörung“ ist eine kritische Parabel, die uns im historischen Gewand etwas über die Politik von Bush, Cheney, Rumsfeld und Co. verdeutlichen soll. Hier wie dort ging es um das Aushebeln von Gesetzen im Dienste der Macht: Gefügige Militärtribunale ersetzten Zivilgerichte und das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ galt nicht mehr. Redford nutzt das Nachspiel von Lincolns Ermordung für ein aufrüttelndes Plädoyer: Die Nation soll sich ihrer Rechtstaatlichkeit wieder bewusster werden!

Als handelte es sich um ein Melodram, versucht Redfords Historienfilm, höchste moralische Eindeutigkeit herzustellen. Was dabei jedoch verloren geht, sind Subtilität und Dialektik. Dazu kommt ein ästhetischer Makel, der einem den Film mit zunehmender Dauer verleidet: Redfords Hang zum kitschigen Bild. Mit seinem Kameramann Newton Thomas Sigel hat er sich Leonardo da Vincis Sfumato und das Chiaroscuro von Rembrandt und Caravaggio geliehen. Deshalb liegt über vielen Bildern ein sanfter Lichtschleier, der die Figuren beinahe religiös überhöht. Und deshalb gibt es Helldunkeleffekte wie in der christlichen Malerei. So gerät „Die Lincoln Verschwörung“ zum rechtschaffenen, aber kunstgewerblich aufgehübschten Historiendrama. Zu eindimensional. Julian Hanich

USA 2010, 123 Min., R: Robert Redford, D: James McAvoy, Robin Wright, Kevin Kline

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