Historische Spurensuche : Wie Kleist Berlin erlebte

Heinrich von Kleist machte Berlins erste Boulevardzeitung. 1811 erschoss der Dichter seine Freundin und sich selbst. Zum 200. Todestag: Eine historische Spurensuche.

Heinrich von Kleist mit 24 Jahren. Kleist machte Berlins erste Boulevardzeitung. 1811 erschoss der Dichter seine Freundin und sich selbst. Eine Spurensuche zum 200. Todestag.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2011 13:22Heinrich von Kleist mit 24 Jahren. Kleist machte Berlins erste Boulevardzeitung. 1811 erschoss der Dichter seine Freundin und sich...

Noch im Sterben provozierte er seine Zeitgenossen: Am 20. November 1811 erschoss der Dichter Heinrich von Kleist am Kleinen Wannsee erst seine Freundin Henriette Vogel und steckte sich dann die Pistole in den Mund. Die Stunden zuvor hatte das Paar, das sich zum Sterben zusammengefunden hatte, in heiterster Stimmung verbracht – so berichteten Augenzeugen. Nur in der Grenzüberschreitung fühlte Kleist sich wirklich frei. Der Drang, ins Extreme zu gehen, machte das Kind einer Soldatenfamilie zu einem modernen Dichter, den Umgang mit ihm allerdings schwierig.

Kleist war zum Zeitpunkt seines Todes 34 Jahre alt, die mit einem anderen verheiratete Henriette Vogel 31. Selbsttötung galt seinerzeit als Sünde, deshalb wurden beide nach einer Obduktion an Ort und Stelle beerdigt. Die Grabstelle gehört seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den bekanntesten Literaturgedenkstätten in Deutschland, doch wo sich Kleist sonst in Berlin aufgehalten hat, ist wenig bekannt.

Er hat schon als Kind in der Stadt gelebt und in den letzten beiden Lebensjahren eine wichtige Rolle im Berliner Kulturleben gespielt – vor allem als Herausgeber, Redakteur und Autor der „Berliner Abendblätter“. Von Oktober 1810 bis März 1811 erschien die Zeitung täglich außer sonntags, so etwas hatte es in Berlin noch nicht gegeben. Kleist druckte aktuelle Polizeinachrichten neben Kunstkritiken, Anekdoten und Essays wie seiner Abhandlung „Über das Marionettentheater“. Zum Verhängnis wurden ihm politische Artikel: Die preußische Obrigkeit wünschte keine freie Presse und setzte den Herausgeber durch Zensurmaßnahmen unter Druck. Das Blatt verlor an Qualität, deshalb musste Kleist nach einem halben Jahr das Erscheinen einstellen.

Berlin war damals eine Stadt mit 150 000 Einwohnern. Im Jahr 1810 wurden 6094 Häuser an 133 Straßen und 91 Gassen, 34 Brücken und 29 Kirchen gezählt. Es gab keine Kanalisation, kein fließendes Wasser, aber schon Straßenbeleuchtung. Berlin war in 102 Polizeibezirke eingeteilt, die auf nebenstehendem Stadtplanausschnitt durch farbige Linien abgegrenzt sind. Kleist wohnte zuletzt in der Friedrichstadt, dem Quartier um die Friedrichstraße südlich der Behrenstraße, damals ein beliebtes Wohngebiet von Autoren, Schauspielern und kulturell interessierten Bürgern. Alle wichtigen Adressen konnte er zu Fuß in wenigen Minuten erreichen.

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