Zeitung Heute : Historischer Eingriff der US-Notenbank

Größte Zinssenkung der amerikanischen Geschichte / Aktienbörsen dennoch weltweit in Unruhe

Berlin - Mit der größten Zinssenkung der amerikanischen Geschichte hat die US- Notenbank Fed den Kursrutsch an den Aktienmärkten vorerst gestoppt. Um die Anleger zu beruhigen und US-Wirtschaft zu stützen, senkte die Fed den Leitzins, zu dem sich Banken bei ihr Geld leihen können, am Dienstag um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent. Einen solch drastischen Schritt hat es zuvor in den USA noch nie an einem Tag gegeben. Die Fed will damit auch Kredite für Unternehmen und Verbraucher billiger machen.

In Europa und den USA reagierten die Anleger verhalten positiv. Der Deutsche Aktienindex (Dax), der noch am Vortag mehr als sieben Prozent seines Wertes verloren hatte, stoppte seine Talfahrt und lag kurz vor Börsenschluss mit 0,6 Prozent im Plus bei 6827 Punkten. In den USA, wo am Montag nicht gehandelt worden war, hielten sich sie die Kursverluste in Grenzen. Gegen 17 Uhr notierte der Dow-Jones-Index gut ein Prozent im Minus bei 11 968 Punkten. Die asiatischen Börsen hatten zuvor noch die volle Wucht der Finanzkrise zu spüren bekommen: In Hongkong sank der Index Hang Seng um 8,7 Prozent. In Indien musste der Börsenhandel kurzfristig sogar ausgesetzt werden, weil der wichtigste Index um mehr als zehn Prozent gefallen war.

Experten gehen davon aus, dass die Krise nicht ausgestanden ist. Einige deuteten den vorgezogenen Zinsschritt sogar als Panikreaktion. „Die Fed macht sich erheblich mehr Sorgen über die Wirtschaft und das ist ein Anlass zur Sorge“, sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of America. Die Fed teilte mit, es gebe neue Anzeichen für eine weitere Verschlechterung der Lage am US-Immobilienmarkt, dem Auslöser der Krise.

Auch aus der Bankenbranche gab es am Dienstag neue Hiobsbotschaften. Die zweit- und die viertgrößte Bank des Landes mussten unerwartet hohe Wertverluste bekannt geben. Die Bank of America muss für das vierte Quartal 2007 rund 5,3 Milliarden Dollar abschreiben, Konkurrent Wachovia ist mit 1,7 Milliarden Dollar betroffen.

Ökonomen befürchten, dass die Börsenkrise den Aufschwung in Deutschland beenden könnte. „Eine Rezession wird jetzt auch in Deutschland kommen“, sagte der Berliner Wirtschaftsprofessor Michael Burda dem Tagesspiegel. „Die Frage wird nur sein, ob sie leicht oder schwer ausfallen wird.“ Vermutlich werde das Bruttoinlandsprodukt ab dem nächsten oder dem übernächsten Quartal schrumpfen. Führende Politiker versuchten dagegen, die Lage zu beruhigen. „Es gibt keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Deutschland sei nicht mehr so stark abhängig von der Entwicklung der US-Konjunktur. „Die Bürger sollen jetzt auf gar keinen Fall in vorschnelle Reaktionen ausbrechen.“ Der Vorsitzende der Euro-Finanzminister, Jean-Claude Juncker, erklärte, er erwarte keinen globalen Börsencrash.

Nach der Zinssenkung in den USA gerät nun auch die Europäische Zentralbank (EZB) unter Druck nachzuziehen. Erstmals seit gut drei Jahren liegt der Zins, zu dem sich die Banken in den USA Geld leihen können, wieder unter dem in der Euro-Zone, der derzeit vier Prozent beträgt. Die EZB hatte zuletzt eher Zinserhöhungen angedeutet. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte dazu, die EZB müsse unabhängig entscheiden.

Seiten 2, 3 und 15

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