Zeitung Heute : Hitlers englischer Traum

Alfred Rosenberg war Hitlers Chefideologe. 1931 fuhr er nach London. Sein Auftrag: Die Briten für die Nazis gewinnen. Er stieß auf Sympathien. Bis die Maske fiel.

Ernst Piper

Die Ausgangslage war eindeutig. Im Westen saß mit Frankreich der Erbfeind, im Osten war Russland in der Hand der Bolschewisten. Blieb ein potenzieller Partner: England. So schrieb Adolf Hitler in „Mein Kampf“. Wenige Jahre später verfasste er ein zweites Buch, eine außenpolitische Standortbestimmung, die zu seinen Lebzeiten nur nie erschien. Vielleicht weil ein anderer inzwischen konkreter geworden war: Alfred Rosenberg veröffentlichte „Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik“. Und die Gedankengänge des „Führers“ und seines Chefideologen waren weitgehend deckungsgleich.

Alfred Rosenberg, 1893 im estnischen Reval geboren, war im November 1918 nach München gekommen. Sehr bald gehörte er zu Hitlers engsten Gefolgsleuten. Rosenberg war weitgereist, sprach fließend Russisch und Französisch, hatte ein Diplom in Architektur – der Mann war gebildeter als die meisten anderen Nazis.

Wie Hitler träumte Rosenberg von einem Bündnis mit den in puncto Ariertum den Deutschen geradezu überlegenen Engländern, einer rassistischen Pax Germanica, die den Deutschen die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent zusprach, während Großbritannien als Beherrscher der Weltmeere Schutzmacht der weißen Rasse in Afrika, Indien und Australien sein sollte. Und, was bis heute weithin unbekannt ist, Rosenberg, der 1946 als „Urheber des Rassenhasses“ in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt werden sollte, setzte alles daran, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Ein Bündnis zwischen Deutschlandund England aber hätte die politische Weltkarte in der Tat radikal verändert. Doch die Frage ist,wie realistisch waren solche Pläne, mit wie viel Wohlwollen konnten die Nazis in England rechnen?

Großbritannien war in jener Zeit eine Weltmacht, die ihren Zenit deutlich überschritten hatte. Insbesondere in der britischen Oberschicht gab es eine nicht kleine Gruppe, die ausgesprochene Sympathien für Deutschland hegte. Zu ihr gehörten Politiker, Adelige (prominentestes Beispiel war der spätere König Edward VIII.), Industrielle und Zeitungsverleger wie Lord Rothermere, der auf den nationalsozialistischen Wahlerfolg vom 14. September 1930 mit einem großen Artikel reagierte. Unter der Überschrift „Hitlers Sieg – Neugeburt der deutschen Nation“ war er auf der Titelseite des „Völkischen Beobachters“ abgedruckt worden, eine „neue Ära in der Weltpolitik“ wurde darin beschworen. Lord Rothermere sah im Sieg der NSDAP eine neue Generation sich artikulieren, der das britische Volk mit Verständnis begegnen sollte, denn: „Unter Hitlers Aufsicht ist die deutsche Jugend tatsächlich gegen die Korruption des Kommunismus organisiert.“ Eine ähnliche Stellungnahme eines vergleichbar prominenten französischen Zeitungsmagnaten wäre undenkbar gewesen.

Rosenberg, Chefredakteur des NS-Parteiblatts „Völkischer Beobachter“, bemühte sich in seinem Kommentar, möglichst viele Gemeinsamkeiten zwischen den Äußerungen Rothermeres und dem außenpolitischen Programm der NSDAP herauszuarbeiten. Ein Jahr später, im Dezember 1931 fuhr er selbst nach London. Es war die erste offizielle Auslandsreise eines prominenten Nationalsozialisten. Und die Ausgangslage schien günstig: Das Interesse der Briten an den Nazis war seit dem Wahlerfolg deutlich gewachsen. Im Berliner Büro des „Völkischen Beobachters“ gaben sich die Besucher die Klinke in die Hand. Ein Manko gab es freilich: Der außenpolitische Vordenker der NSDAP sprach kein Englisch – anders etwa als Mussolini, der eigens Englischunterricht genommen hatte, weil auch dem italienischen Faschistenführer die Beziehungen zu den Briten sehr wichtig waren.

Arrangiert wurde Rosenbergs Reise durch den baltischen Baron Wilhelm de Ropp, der Mitarbeiter der „Times“ und Auslandsvertreter der Flugzeugfirma Bristol Aeroplane Company war, und Major F. W. Winterbotham, der zu der nicht unerheblichen deutschfreundlichen Fraktion innerhalb der Royal Air Force zu gehören schien. In Wirklichkeit arbeitete Winterbotham für den britischen Geheimdienst und war Chef der Abteilung Air Intelligence. Immerhin, Winterbotham brachte Rosenberg mit wichtigen Leuten zusammen, arrangierte ein Mittagessen mit Geoffrey Dawson, dem Herausgeber der „Times“, sowie, am Tag darauf, mit Oliver Locker-Lampson, dem Organisator einer rechtsgerichteten Organisation, den Blauhemden.

Am Abend gab Winterbotham für den deutschen Gast einen Empfang, an dem mehrere Mitglieder des Unterhauses sowie Repräsentanten der britischen Luftfahrt teilnahmen. Darüber hinaus wurde Rosenberg einflussreichen Bankiers und dem Zeitungsmagnaten Lord Beaverbrook vorgestellt, die allesamt deutschfreundlich waren und offen ihr Verständnis für den Wunsch nach einer Revision der Verträge von Versailles bekundeten – diesen „Schandfrieden“ des Ersten Weltkriegs rückgängig zu machen, war Hitlers erklärtes Lieblingsziel. Schließlich suchte Rosenberg auch den Kontakt zum Außenministerium und traf den Kriegsminister Lord Hailsham.

Diese erste offizielle Auslandsreise eines führenden Nationalsozialisten war ein Erfolg für die NSDAP. Selbst die „New York Times“ berichtete darüber. Parallel zu Rosenbergs Londonreise lud Hitler eine Reihe von amerikanischen und britischen Journalisten ein, um ihnen Ziele und Absichten seiner Bewegung zu erläutern. In seinen Interviews sprach Hitler immer wieder von dem Vorteil einer deutsch-englischen Zusammenarbeit und dem Interesse Englands an einem starken Deutschland. Es folgte die Feststellung, Frankreich sei durch seine Politik der forcierten Rüstung und der aggressiven Hortung von Goldreserven auf dem besten Wege, „sich zum Weltschuldigen zu machen“, und in Amerika und Italien wachse die antifranzösische Stimmung von Stunde zu Stunde. Der alte Traum von der Isolation des Erzfeinds wird hier erkennbar.

Hitler ging im Weiteren auf Gerüchte ein, er werde demnächst nach Rom und London reisen. Zu diesen Reisen kam es nie. Hitler beließ es bei geschickt dosierten Ankündigungen. Aber es wird deutlich, dass Rosenbergs Londonreise keine isolierte, spontane Aktion war, sondern im Kontext der Bemühungen der NSDAP zu sehen ist, sich ein außenpolitisches Profil zu geben. Und die Partei war seit den Septemberwahlen 1930 ein bedeutender Machtfaktor in der deutschen Politik.

Nachdem Adolf Hitler im Januar 1933 Reichskanzler geworden war, wurden seine Ambitionen nunmehr offizielle Politik. Im März 1933 kam der englische Außenminister Sir John Simon zu Gesprächen mit dem Reichskanzler nach Berlin. Im April erschien in großer Aufmachung im „Völkischen Beobachter“ ein Interview, das Rosenberg einem britischen Journalisten gegeben hatte. Grundsätzliche Konflikte zwischen Deutschland und England existierten nicht, hieß es dort.

Dieses Interview war wohl eine Reaktion auf eine Debatte im britischen Unterhaus, in der äußerst kritische Töne über das neue Deutschland zu hören gewesen waren. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ sprachen gar von einer „antideutschen Unterhaus-Kundgebung“. Hauptanlass war der Boykott vom 1. April 1933, der sich vor allem gegen jüdische Geschäfte und Warenhäuser, aber auch gegen Rechtsanwälte und Ärzte gerichtet hatte. Wegen des gewalttätigen Charakters – im ganzen Reich waren Posten der SA und SS aufmarschiert und hatten die Menschen am Betreten der jüdischen Geschäfte gehindert – verloren Deutschland und die neue „nationale Regierung“ im Ausland dramatisch an Ansehen, womit man in Berlin offenbar überhaupt nicht gerechnet hatte.

Die englische Öffentlichkeit war schon zuvor sensibilisiert gewesen durch Meldungen über willkürliche Massenverhaftungen von Kommunisten und Sozialdemokraten, über Misshandlungen und Konzentrationslager. In Deutschland versuchte das NS-Regime Meldungen über solche Übergriffe als Gräuelpropaganda jüdischer Emigrantenkreise zu verkaufen, gegen die sich am 1. April der berechtigte Volkszorn gerichtet habe.

Rosenberg beabsichtigte erneut nach London zu fahren. Angesichts der Hoffnungen, die die Nazis in eine Verständigung mit den Briten setzten, war es naheliegend, dass seine erste Reise als außenpolitischer Vordenker des neuen Regimes ihn wieder dorthin führte. Doch der Zeitpunkt war denkbar ungeschickt gewählt.

Rosenberg traf am Freitag, den 5. Mai 1933 in London ein und logierte im vornehmen und teuren Hotel Claridge’s. Zehn Tage wollte er bleiben, in seinen Aufzeichnungen von 1946 vermerkte Rosenberg über den Zweck seiner Reise: „Über die noch als fremd empfundene Wende aufzuklären, Fragen zu beantworten.“ Doch niemand hatte Fragen. Man glaubte – vollkommen zu Recht –, dass sich bei den Boykottkrawallen am 1. April der wahre Charakter des neuen Regimes enthüllt habe und tat jetzt die offerierte Aufklärung über die „Wende“ als Propaganda ab. In Rosenbergs Aufzeichnungen heißt es deshalb auch weiter: „Empfang kühl. Vielfach sehr reserviert. Durch einige Zwischenfälle (...) besonders gestört.“

Tatsächlich hatte Rosenberg in seiner mitunter grenzenlosen Instinktlosigkeit am Ehrengrabmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs einen Kranz mit einer schwarz-weiß-roten Hakenkreuzschleife niederlegen lassen. Aufgebrachte britische Patrioten hatten erst die Schleife abgeschnitten, bald darauf den ganzen Kranz in die Themse geworfen. Nicht zuletzt dieser Vorfall sorgte für eine erregte Debatte im Unterhaus, in der sich der Innenminister, der kurz zuvor Leo Trotzki die Einreise verweigert hatte, heftiger Kritik ausgesetzt sah. Es gab sogar Stimmen, die forderten, Rosenberg auszuweisen.

Am Abend des Tages der provokativen Kranzniederlegung hatte Rosenberg im Claridge’s eine Pressekonferenz gegeben. Vor dem Hotel hatte sich, offenbar durch die Nachrichten über die deutschen Bücherverbrennungen vom 10. Mai mobilisiert, eine größere Schar von Demonstranten eingefunden, deren Protestrufe auch im Inneren des Gebäudes zu hören waren. Rosenberg ließ eine lange Tirade auf die Journalisten niedergehen, auf Deutsch, einer Sprache, die die allermeisten von ihnen gar nicht verstanden. Den überlangen Ausführungen über die Bedeutung des gegebenenfalls gewaltsamen Kampfes gegen den Bolschewismus folgten sehr geraffte Übersetzungen. Rosenbergs Auftreten führte zu einem Sturm der Entrüstung. Die Labour-Opposition verlangte im Unterhaus eine Debatte darüber, warum man einen solchen Menschen überhaupt ins Land gelassen habe, und Premierminister MacDonald weigerte sich, ihn zu empfangen.

Einige Gesprächspartner traf Rosenberg dann doch. Bezeichnend war die knappe Notiz der „Times“ über den Besuch im britischen Außenministerium: „Sir Robert Vansittart, Ständiger Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, empfing Herrn Rosenberg, Leiter der außenpolitischen Abteilung der Nazis, gestern Nachmittag auf Bitten der Deutschen Botschaft.“ Die lapidare Meldung, die deutlich machte, dass Vansittart das Gespräch nicht gesucht hatte, war umrahmt von Berichten über den Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus dem Deutschen Tennisverband sowie die Verhaftung von katholischen Priestern in Bayern. Außenminister Simon teilte dem, wie eine Zeitung schrieb, „zu Wunschdenken neigenden, in der Diplomatie unerfahrenen Ideologen“ offen mit, dass es dem NS-Regime gelungen sei, die in mehr als zehn Jahren entstandenen Sympathien für Deutschland in nur zwei Monaten zu zerstören.

Am 12. Mai gab es erneut Demonstrationen gegen Rosenberg vor dessen Hotel. Im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud übergossen Unbekannte zur gleichen Zeit die Figur des deutschen Reichskanzlers mit roter Farbe und verzierten sie mit einem Schild „Massenmörder Hitler“. Am 14. Mai erschien im „Observer“ ein Kommentar des Chefredakteurs, der schrieb, Rosenbergs Aufenthalt habe offenbart, dass sich ein Abgrund auftue zwischen dem sich wiederbewaffnenden Deutschen Reich und der zivilisierten Menschheit. Nun war offenbar die Leidensfähigkeit des Emissärs erschöpft. Er packte seine Koffer und verließ London zwei Tage früher als geplant.

Dafür, dass der Aufbruch in Eile erfolgt ist, spricht ein Brief des Hotelmanagers, der darüber informiert, dass man Rosenberg all das, was er in seinem Hotelzimmer zurückgelassen hatte, nun nachgeschickt habe: Ein paar Handschuhe, eine weiße Krawatte, zwei Kragen, ein Taschentuch, ein Paar Socken und eine Nagelbürste. Die „Times“ überschrieb ihren Kommentar am folgenden Tag mit „Herr Rosenberg reist ab“. Der meistzitierte Satz des Artikels lautete: „Sein Besuch wird selbst von denen, die ihn organisiert haben, kaum als Erfolg angesehen werden.“ Der Kommentar schloss mit der Empfehlung, bevor man im Ausland über den guten Willen der deutschen Regierung rede, solle man erst einmal aufhören, im eigenen Land Hass zu predigen. Der deutsche Botschafter Leopold von Hoesch sah sich gezwungen, nach Berlin zu berichten: „Aufenthalt Rosenbergs hat Besserung hiesiger Atmosphäre nicht herbeigeführt, vielmehr hat er ablehnende Einstellung Englands gegen neues Deutschland zu vollem Ausbruch gebracht.“ Die öffentliche Meinung sei sogar ablehnender als je zuvor.

Das blieb auch in Berlin nicht verborgen. Nach der ersten Londonreise 1931 hatte es noch geheißen, „Hitlers Vertrauensmann“ sei „im Hitlerreich als Außenminister vorgemerkt“. Jetzt hätte man ihm wohl nicht einmal mehr als Referatsleiter eine Chance gegeben. Als Ideologe sollte Rosenberg weiterhin eine zentrale Bedeutung für die Nazis haben, als Politiker kam er erst wieder 1941 als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete zum Einsatz. Über das Londoner Unternehmen notierte er 1946 im Nürnberger Gefängnis: „Galt in Berlin als Misserfolg.“ Das war nicht übertrieben.

Der Autor ist Historiker und lebt in Berlin. In Kürze erscheint seine Biografie „Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe“ im Blessing Verlag.

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