Zeitung Heute : Hitlers Hellseher

Als Gedankenleser, Hypnotiseur und Astrologe wurde Erik Jan Hanussen in ganz Europa berühmt. Obwohl er Jude war, suchte und fand er engen Kontakt zu Führern der SA. Dafür musste er büßen

Andreas Conrad

Aus astrologischer Sicht war der Sieg Hitlers kaum aufzuhalten: „Die Verfassung wird gestürzt oder geändert. Da uns die Sterne verkünden, dass eine derartig ungeheure Machtfunktion durch die Bewegung und ihren Führer vollzogen werden soll, so ist der Astrolog vollkommen unparteiischerweise dazu gezwungen zu konstatieren, dass die Machtverhältnisse sich nach dieser Hinsicht hin verschieben müssen.“ Schon Ende September 1932 gab Erik Jan Hanussen, der berühmte Berliner Telepath, Hypnosekünstler und Hellseher, diese Prognose in seiner „Hanussen-Zeitung“ ab. Und je näher der 30. Januar 1933, der „Tag der Machtergreifung“, rückte, desto deutlicher wurde er. „Der endgültige Sieg der NSDAP kann unter keinen Umständen aufgehalten werden“, verkündete Hanussen Anfang Januar und stellte in der Ausgabe Nr. 40 am 8. Februar 1933 in einem offenen Brief an den neuen Reichskanzler triumphierend fest: „Meine Mission ist die innere Schau und die Verkündung ihrer Gesichte. Ich sah Ihr Kommen und habe es denen wahrheitsgemäß verkündet, die an meine Berufung glauben.“

In der Geschichte Berlins haben Magier, Okkultisten, Hellseher immer wieder eine Rolle gespielt. Nach dem im 16. Jahrhundert für 13 Jahre in der Stadt weilenden Schweizer Leonard Thurneysser, von Beruf Arzt, Drucker, Alchimist und eben auch Astrologe, hat man sogar in Wedding eine Straße benannt, eine Ehre, die dem zwielichtigen, bald nach Hitlers Sieg von der SA ermordeten Hanussen nicht widerfuhr. Gleichwohl hat er die Fantasie der Menschen auf Jahrzehnte hin beschäftigt, als der Hellseher, der Hitlers Sieg ebenso vorausgesagt habe wie den Brand des Reichstages. Der Mord war noch 1968 Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens des Generalstaatsanwalts beim Berliner Kammergericht. Drei Filme wurden über den Illusionisten gedreht, darunter István Szabós „Hanussen“ mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Bücher wurden über ihn geschrieben, und nach dem Kriege versuchten Varietékünstler, vom Ruhm des Toten zu profitieren. In den 50er Jahren warb ein gewisser Gerhard Belgardt als Hanussen secundus in Berlin erfolgreich um Publikum. Sein Vater, behauptete er, sei ein Freund des Vorgängers gewesen. In den 60er war es der Pforzheimer Wilhelm Gerstel, der als Hanussen II vorgab, über hellseherische Gaben zu verfügen.

Den auf eine angebliche dänische Herkunft verweisenden Künstlernamen hatte Erik Jan Hanussen 1918 angenommen. Eigentlich hieß er Hermann Steinschneider, geboren am 2. Juni 1889 in Ottakring bei Wien, als Sohn eines jüdischen, aus Mähren stammenden Schauspielers und Varietékünstlers und seiner Frau, der Tochter eines wohlhabenden Pelzhändlers. Schon früh hatte er dadurch Kontakt zur Welt der Bühne, bereits der Jugendliche versuchte sich als Schauspieler und Zirkusartist, wurde um 1910 Journalist bei fragwürdigen Publikationen. Schon damals begann ihn Okkultismus zu interessieren, übte er sich im Gedankenlesen, was genaugenommen ein „Muskellesen“ war: Die Kunst besteht darin, aus unbewussten Reaktionen der Muskulatur eines Mediums auf dessen Gedanken zu schließen, sich also dadurch beispielsweise zu dem Ort im Publikum führen zu lassen, wo zuvor eine Nadel versteckt worden war.

Während seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg hatte Hanussen erste Bühnenerfolge, ergänzte sein Programm bald um Hypnose und Hellsehen, wobei er dank guter Kontakte zur Feldpoststelle seines Regiments phänomenale Treffer hatte: Die Briefe wurden erst zugestellt, wenn er sie für seine Auftritte ausgewertet hatte. Der verfeinerte Trick sollte ihm später in Berlin zum Verhängnis werden: Die Informanten von der SA, denen er die genaue Kenntnis der politischen Lage verdankte, ließen nicht mit sich spaßen.

„Was ist Magie? Die Menschen in dem geliebten Glauben an das Wunderbare nicht zu stören, sondern zu bestärken.“ So hatte Hanussen 1919 das Erfolgsrezept seiner Kunst beschrieben, die ihn in der Weimarer Zeit auf Tourneen durch ganz Europa, den Orient und selbst die USA führte. Immer wieder machte er auch in Berlin Station, im Lunapark etwa oder im Wintergarten. Anfang 1930 ließ er sich hier nieder, erst im Eden-Hotel in der Budapester Straße 18, später am Kurfürstendamm 16, wo er auch die Besucher seiner mittlerweile hochbegehrten Sprechstunden empfing. Für seinen neuen Wohnort sagte er 1931 eine gloriose Zukunft voraus: Im Jahre 2500 – New Yorks Untergang durch eine Naturkatastrophe sollte da bereits 300 Jahre zurückliegen – werde Berlin Hauptstadt der Vereinigten Staaten der Welt sein.

Aber mehr interessierte Hanussen sich doch für die nähere Zukunft, das war wichtiger fürs eigene Vorankommen. Ob der Hellseher, wie teilweise behauptet, Hitler persönlich kennengelernt hat, ist nicht gesichert. Fest steht aber, dass er in Berlin bald freundschaftlichen Kontakt mit führenden Parteigenossen pflegte, so zu dem SA-Führer für Berlin-Brandenburg, Wolf Heinrich Graf Helldorf. Hanussens jüdische Herkunft war nicht bekannt, seine Spenden an die SA, das Verleihen größerer Beträge an Helldorf und andere SA-Führer, schließlich der Eintritt in die SA als förderndes Mitglied waren daher hochwillkommen – und nicht zuletzt die für Hitler und sein Gefolge schmeichelhaften Prognosen, die der gefeierte Hellseher in der „Hanussen-Zeitung“ abgab.

Hitlers Machtübernahme wurde auf der Titelseite des Blattes überschwänglich gefeiert, samt Porträtfoto des neuen Kanzlers, in der Mitte des astrologischen Tierkreises. Geholfen hat ihm diese Ergebenheitsadresse nicht mehr. Im Mai 1932 hatte das kommunistische Kampfblatt „Berlin am Morgen“ eine Hetzkampagne gegen Hanussen eröffnet und im August auch dessen jüdische Herkunft publik gemacht, munitioniert offenbar von einem früheren, ebenfalls jüdischen Sekretär des Hellsehers. Im weiteren Verlauf wurden sogar bei jüdischen Gemeinden Informationen über Hanussen eingeholt und abgedruckt.

Zunächst schien Hanussens Stern weiter zu steigen: ein erfolgreiches Programm in der Scala, ein Leben in Luxus, die Eröffnung des „Palasts des Okkultismus“ in der Lietzenburger Straße 16, einer ultramodern eingerichteten, mit astrologischen Symbolen geschmückten Residenz, in der sich der Magier selbst inszenierte. Dort fand am 26. Februar 1933 die Séance statt, bei der Hanussen den Brand des Reichstages einen Tag später vorausgesagt haben soll. Und knapp einen Monat später, am 24. März 1933, wurde er von dort durch ein SA-Kommando abgeholt, in die Kaserne an der GeneralPape-Straße verschleppt und wahrscheinlich dort erschossen. Offenbar wusste der Hellseher zu viel über die Vorgänge hinter den Kulissen der SA, hatte sich zudem ausgerechnet als Jude bei Hitlers Schergen einzuschmeicheln versucht. Dass man zugleich einen Gläubiger los wurde, kam den Mördern sicher gelegen.

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