HIV : Sex wider die Vernunft

Viele Anti-Aids-Kampagnen verlangen: den Kopf beim Sex einschalten. Aber Sex und Vernunft sind sich eigentlich spinnefeind. Aids-Aufklärern bleibt manchmal nur die unvernünftige Hoffnung auf einen Knalleffekt wie jetzt.

Ingo Bach

Ein unerwarteter Knall, und da ist sie wieder, die Angst vor Aids! Eine prominente Sängerin soll den Aids-Erreger HIV in sich tragen und trotzdem ungeschützten Sex mit Männern gehabt haben. Einer habe sich dadurch mit dem Virus infiziert. Die Sängerin wird verhaftet – und plötzlich reden alle wieder über Benimmregeln in Zeiten der Seuche, von denen die Öffentlichkeit sonst nur am 1. Dezember kurz Notiz nimmt, wenn Welt-Aids-Tag ist.

Schuldfragen werden nun heftig diskutiert. Wer ist für den Schutz beim Sex verantwortlich? Der HIV-Infizierte, der das lustvolle Zusammensein doch gefälligst mit den Worten eröffnen soll: „Ich bin positiv!“ Oder der Partner, von dem man ein Gefühl der Selbstverantwortung für den eigenen Körper erwarten kann.

Zweitrangig die Frage, ob der aktuelle Schock auch daher stammen könnte, dass heterosexueller Verkehr zur Infektion geführt haben soll, wo es doch immer noch – und so beruhigend für die Mehrheitsgesellschaft – die schwulen Männer sind, die in den westlichen Ländern am häufigsten davon betroffen sind. Erstrangig bei diesem Fall aber ist der Promifaktor an sich. Der also zieht noch. Der löst Diskussionen aus, der bleibt in Erinnerung. Andere Faktoren tun es offenbar schon lange nicht mehr.

Dieses Land hat im vergangenen Vierteljahrhundert, seitdem es die Krankheit gibt, schon viele Anti-Aids-Kampagnen erlebt. Die Nebenwirkungen der Arzneimittel werden beschworen, dass Aids nicht heilbar ist und dass immer noch daran gestorben wird. Das ist alles richtig, aber wohl ebenso vertane Müh, wie der Aufdruck auf Zigarettenpackungen, dass Rauchen tödlich sein kann.

Doch vor allem sollten die Plakatmotive die Botschaft unters Volk bringen, dass Kondome schützen. Man vermittelte sie jahrelang mit Fotos von aufgerollten bunten Parisern oder von Obst und Gemüse unter dem Gummitütchen. Die jüngste Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt „Liebesorte“ wie ein Eisbärenfell vor dem Kamin oder einen Küchentisch. Ohne Menschen, aber wieder mit einem aufgerollten Gummi. Alles irgendwie putzig und mit der Botschaft versehen, Spaß zu haben, aber ohne Aids-Risiko.

Doch wo sind auf solchen Fotos die Menschen? Schließlich ist es doch gerade die menschliche Unvernunft, die das Problem so gewaltig macht. Die Bereitschaft für geschützten Sex lässt nach, die jährlichen Infektionszahlen haben sich seit 2001 verdoppelt. Zwei Gründe werden dafür genannt: Die Menschen seien sorgloser geworden, weil sie auf die neuen Medikamente vertrauen, die Aids zu einer chronischen Krankheit machen. Zum anderen würden die Gefahren von Aids einfach vergessen, weil man so selten daran erinnert werde.

Aber vielleicht ist das gar kein unbewusster Prozess, den man mit menschenleeren vernünftigen Aufklärungsmotiven umkehren kann, sondern ein sehr bewusster. Schwule Männer zum Beispiel, die heute um die 40 sind, kennen seit ihrem ersten Mal nichts anderes, als dass man beim Sex immer auch ans Sterben denken sollte. Denn der Augenblick, wenn das Kondom ins Spiel kommt, ist nichts anderes als genau das: „Ich kann mir jetzt den Tod holen.“

Ist es vernünftig, dass mancher sich sagt: Ich will meinen Kopf ausschalten? Nein, aber ein Bedürfnis. Psychotherapeuten hätten weniger zu tun ohne die vielen Menschen, die sich beim Sex endlich mal fallen lassen möchten. Viele Anti-Aids- Kampagnen verlangen jedoch genau das Gegenteil: Kopf beim Sex einschalten. Dabei sind Sex und Vernunft nicht nur ein ungleiches Paar, sie sind sich eigentlich spinnefeind.

Vielleicht sollten wir unseren Anspruch an die Wirksamkeit der Kampagnen reduzieren. Permanente Aufmerksamkeit für ein Thema widerspricht der menschlichen Natur. Es mag zynisch klingen: Aber den Aids-Aufklärern bleibt manchmal nur die unvernünftige Hoffnung auf einen Knalleffekt wie jetzt – und darauf, dass solche Promi-Fälle eine nachhaltigere Wirkung entfalten als die ritualisierten Mahnungen an die Vernunft.

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