Zeitung Heute : Hoch hinaus, hin und weg

Für Studenten sind Aufenthalte in ganz Europa normal. Doch selbst das deutsche Handwerk lernt im Ausland dazu

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Dazulernen, sich weiterbilden, Berufserfahrung sammeln – das geht nicht nur im eigenen Land. Mit Mut und Mobilität lassen sich auch im Ausland Seminare, Praktika oder Studien absolvieren. Das erweitert nicht nur den eigenen Horizont und macht fit in einer fremden Sprache, sondern bringt auch Pluspunkte auf dem Arbeitsmarkt. „Offene Märkte und weltweite Vernetzung stellen auch im Bildungsbereich eine große Chance dar“, sagt Kuni Richter von der Informations und Beratungsstelle IBS, der zentralen deutschen Anlaufstelle bei der Suche nach beruflichen Weiterbildungen im Ausland. Auslandserfahrung sei längst die Schlüsselqualifikation bei der Einstellung von Arbeitnehmern geworden. „Mobilität, Flexibilität und interkulturelle Kompetenz sind gefragter denn je.“

Richter und ihre Kollegen von der IBS beraten zu allen Fragen rund um Weiterbildungen und Praxisaufenthalte im Ausland – von der Programmauswahl über die Finanzierung bis hin zur Vorbereitung auf einen Auslandsaufenthalt. Das vom Bundesbildungsministerium geförderte Angebot ist kostenfrei und richtet sich in erster Linie an Auszubildende, Berufstätige und Arbeitssuchende. Aber auch Schüler und Studenten werden hier bei der Suche nach einem Praktikum oder Studienaufenthalt fündig.

Rund 40 000 Interessenten lassen sich bei der IBS jährlich mit Tipps und Ratschlägen versorgen. Ebenso wie das Beratungsangebot ist die Nutzung der IBS-Internet-Datenbank mit rund 170 Angeboten von über 60 Weiterbildungsträgern kostenfrei. Eine jährliche Broschüre namens „Weiterbildung ohne Grenzen“ fasst alle Maßnahmen zusammen.

Expertenwissen ist gut, aber nicht genug: „Viel Eigeninitiative ist trotzdem unerlässlich“, sagt Richter. Die Vorbereitung eines Auslandsaufenthaltes sollte mit klaren Zielvorstellungen beginnen. Welche Branche interessiert mich? In welches Land will ich gehen? Wie sieht der Arbeitsmarkt dort aus? Außerdem sollte man sich überlegen, wie lange man im Ausland bleiben möchte, wie viel Geld man zur Verfügung hat und was man mit dem erworbenen Wissen später anfangen will. „Wenn diese Fragen geklärt sind“, sagt Richter, „können wir ganz gezielt dabei helfen, passende Kurse oder Praktika zu finden.“ Das Angebot der IBS steht im Internet unter www.inwent.org/infostellen/ibs/index. Telefonische Beratung gibt es unter der Nummer 0221-20 98 123.

Hilfe bei der Suche nach Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Europa erhält man auch über das Internetportal Ploteus. Initiiert von der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission, bieten die Webseiten Links zu Unis, Fachhochschulen und Akademien und Datenbanken über Schulen, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen und Kurse im Bereich Erwachsenenbildung. Auch Hinweise zu Stipendien und Austauschprogrammen sowie Kontaktadressen hält Ploteus bereit (www.europa.eu.int/ploteus). Über die Rahmenbedingungen eines Auslandsaufenthaltes in einem bestimmten Land kann man sich unter der Rubrik „Länderinformationen“ schlau machen, zum Beispiel zu Rechtsvorschriften, Steuerpflichten, Unterkünften oder Lebenshaltungskosten.

Wer sich im Ausland weiterbildet, hat allerdings mitunter ein Problem: klar und verständlich nachzuweisen, was er dort tatsächlich gelernt und welche Qualifikationen er erworben hat. In der EU absolvierte Weiterbildungen einheitlich zu dokumentieren, erleichtert seit Anfang des Jahres der „Europass Mobilität“. Das Dokument soll EU-weite Bewerbungen vereinfachen und dadurch zu mehr Mobilität auf dem europäischen Arbeitsmarkt beitragen. Es löst den bereits seit fünf Jahren existierenden „Europass Berufsbildung“ ab, der eine entscheidende Einschränkung hatte: Bescheinigt wurden nur Auslandsaufenthalte im Rahmen einer regulären Ausbildung. „Mit dem neuen Europass kann jetzt jeder im Ausland absolvierte Lernaufenthalt, sei es ein Praktikum oder ein Sprachkurs, nachvollziehbar dokumentiert werden“, erklärt Weiterbildungs-Expertin Richter. In Deutschland kann der kostenlose Pass zum Beispiel über den Weiterbildungsanbieter Inwent bezogen werden (www.inwent.org). Im Internet sollen demnächst unter www.europass-mobilitaet.de nähere Informationen bereitstehen.

Für Studenten und junge Akademiker sind Auslandsaufenthalte fast selbstverständlich geworden. Was aber macht ein Kfz-Mechaniker, den plötzlich das Fernweh packt oder ein Bäckergeselle, der von der Globalisierung profitieren möchte? „Sesam – Leben und Arbeiten in Europa“ heißt ein speziell auf das Handwerk zugeschnittenes europäisches Programm, das Handwerksgesellen einen Arbeitsaufenthalt im europäischen Ausland ermöglicht. Finanziert wird das bundesweit einzigartige Projekt aus Mitteln des EU-Programms Leonardo da Vinci.

Bettina Müller ist Projektmanagerin bei Sequa – Stiftung für wirtschaftliche Entwicklung und berufliche Qualifizierung, die das Vorhaben gemeinsam mit den deutschen Handwerkskammern betreut. „Das Interesse an Sesam ist groß“, sagt sie. „Gerade Handwerker profitieren sehr von einem Auslandsaufenthalt. Denn jedes Land hat seine ganz eigenen Handwerkstechniken.“ Man denke etwa an die Marmorverarbeitung in Italien – das lerne man nun mal am besten direkt vor Ort. Teilnehmen können Gesellen ab 18 Jahren, neuerdings auch Meister. Erster Ansprechpartner in Sachen Sesam ist die örtliche Handwerkskammer (für Berlin: www.hwk-berlin.de).

Acht Monate dauert das Programm. Zu Beginn werden die Teilnehmer in einem vierwöchigen Sprachkurs fit gemacht – wahlweise in Deutschland oder bereits im Gastland. Reicht ein solcher Crash-Kurs, um in einer fremden Sprache zurechtzukommen? Bettina Müller hat keine Bedenken: „Gerade praktische handwerkliche Tätigkeiten brauchen nicht viele Worte. Und über die Arbeit lernt man die Sprache relativ leicht.“

Das Sesam-Programm gewährt einen Zuschuss zum Lebensunterhalt von 5000 Euro. Auch für Sprachkurse werden bis zu 500 Euro bezahlt. Zusätzlich darf jeder ein individuelles Praktikumsgehalt mit dem Betrieb seiner Wahl vereinbaren. Beim Knüpfen von Kontakten zu ausländischen Firmen können die deutschen Handwerkskammern helfen. „Es hat sich aber immer bewährt, wenn die Teilnehmer selbst Ausschau nach geeigneten Betrieben gehalten haben, zum Beispiel im Urlaub“, sagt Müller.

Um viele Erfahrungen reicher kommen Sesam-Gesellen nach Deutschland zurück. Und manch einer kehrt der alten Heimat sogar ganz den Rücken. Bettina Müller weiß zum Beispiel von einem Bäcker zu berichten, der zunächst nach Italien ging und sich jetzt im sonnigen Australien niedergelassen hat – Globalisierung in ihrer vielleicht schönsten Form.

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