Zeitung Heute : Hoch hinaus

Als dritte Nation nach Russland und den USA schießt heute China mit einer eigenen Rakete einen Menschen ins Weltall. Aber bei diesem Prestigeobjekt soll es nicht bleiben. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Wirtschaftswachstum kann sich das Reich der Mitte diese Technologie leisten. Und Experten im Westen fürchten gar militärische Pläne.

Harald Maass[Peking]

In roten Lettern steht „China“ auf dem Raumgleiter. An dem von Astronauten gesteuerten Mondfahrzeug leuchtet die chinesische Nationalflagge. Bei der Weltausstellung in Hannover im Jahr 2000 konnten Besucher zum ersten Mal sehen, was Chinas Weltraumforscher für die Zukunft planen. Während in den USA und Russland die bemannte Raumfahrt wegen der enormen Kosten und Risiken in der Kritik steht, holt China auf: Bis zum Jahr 2020 soll eine chinesische Raumstation im Orbit der Erde schweben, heißt es in einem von der Regierung herausgegebenen Weißbuch. Einige chinesische Raumfahrtexperten träumen bereits von Mondflügen und Expeditionen zum Mars.

Der Flug von „Shenzhou 5“, mit dem China heute nach Russland und den USA als drittes Land der Erde einen Menschen ins All schießt, ist für die Volksrepublik nur der Beginn eines ehrgeizigen Weltraumprogramms. Nachdem China bereits 1970 einen Satelliten ins All geschossen hatte, startete die Regierung 1992 unter dem Codenamen „Projekt 921“ heimlich ein bemanntes Raumfahrtprogramm. Das Ziel: Den Anschluss an die Weltraummächte USA und Russland zu erreichen. Bis zu 10 000 Menschen, darunter einige der besten Wissenschaftler des Landes, sollen nach Angaben chinesischer Medien zeitweise an der Umsetzung des Projekts gearbeitet haben. Wie alle chinesischen Raumfahrtprogramme wird „Projekt 921“ vom Militär geleitet.

Ursprünglich war das erste Projektziel, ein bemannter Weltraumflug, noch vor der Jahrtausendwende geplant gewesen. Wegen technischer Schwierigkeiten verzögerte sich jedoch die Entwicklung. 1999 wurde vom Jiuquan-Raumfahrtzentrum in Westchina die erste von vier „Shenzhou“-Testraumkapseln in den Orbit geschossen. Der letzte Testflug, die „Shenzhou 4“-Mission, fand im Dezember 2002 statt.

Phase zwei von „Projekt 921“ sieht den Aufbau einer eigenen Raumstation vor. Im Februar 1999 gab Peking grünes Licht für das Vorhaben. Weil die „Langer Marsch“-Raketen vom Typ CZ-2F nur eine begrenzte Nutzlastkapazität haben, rechnen Experten zunächst mit einer aus verschiedenen Modulen zusammengebauten Ministation. Ab 2005 könnten nach Angaben chinesischer Staatsmedien die ersten Module in den Orbit geschossen werden. Sollte wie geplant bis 2010 die neue Trägerrakete CZ-5 mit einer Nutzlast von 20 Tonnen einsatzfähig sein, könnte China eine komplette Raumstation in den Orbit schießen. Im vergangenen Februar tauchte ein Foto aus einer chinesischen Werkshalle auf, das Ingenieure beim Bau einer solchen Weltraumstation zeigt. Chinesischen Medien zufolge soll die geplante Station einen Durchmesser von vier bis fünf Metern und eine Länge von elf Metern haben. Ein Roboterarm zur Durchführung von Reparaturen und Versuchen sei bereits fertig entwickelt, heißt es weiter.

„Das volle Potenzial“

Mit dem dritten Forschungsziel von „Projekt 921“, der Entwicklung eines Raumgleiters, will China schließlich den Anschluss an die technisch führenden USA schaffen. Einer Konzeptstudie zufolge, die Mitte der 90er Jahre entworfen wurde, soll der Raumgleiter horizontal starten und landen, wobei er beim Start durch ein Trägerflugzeug unterstützt wird. Obwohl auf der Weltausstellung in Hannover bereits ein Modell des Raumgleiters zu sehen war, ist das Vorhaben bisher nie über die Projektphase hinausgekommen. Nach Meinung von Experten sind die technischen Anforderungen und damit auch die Kosten für ein solches Vorhaben um ein Vielfaches höher als die für das Shenzhou-Programm.

Besser stehen die Chancen für ein anderes Weltraumprojekt, an dem Chinas Ingenieure derzeit arbeiten: ein Flug zum Mond. In zehn bis fünfzehn Jahren soll nach Aussage von Wissenschaftlern ein von China gebauter Roboter auf den Mond geschickt werden. Das Projekt wurde im März offiziell gestartet. Nach Angaben von Xu Yansong von der chinesischen Nationalen Raumfahrtbehörde sei eine Mondumrundung bereits in vier Jahren möglich. „China hat das volle Potenzial, Menschen zum Mond zu schießen“, erklärte Huang Chunping, Generaldirektor für Startsysteme. Manche Weltraumforscher schwärmen bereits von weiteren Zielen. 2020 sei China in der Lage, einen Forschungsroboter auf den Mars zu schicken, behauptet Liu Zhenxing von der Akademie der Wissenschaften.

Ob, und wenn dann welche der chinesischen Weltraumpläne Wirklichkeit werden, ist offen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Wirtschaftsboom ist Peking finanziell zwar in der Lage, die milliardenschwere Weltraumtechnik zu finanzieren. Die enormen Ausgaben müssen jedoch im Verhältnis zum Nutzen stehen. Einige chinesischen Wissenschaftler sehen die Entscheidung zur bemannten Weltraumfahrt deshalb als Fehler. Ausflüge zum Mond oder Mars würden nur „wissenschaftlichen Abfall“ produzieren, schrieb der Anti-Schwerkraft-Experte Hu Wenrui von der Akademie der Wissenschaften.

Westliche Experten glauben, dass Pekings Weltraumprogramm vor allem militärische Ziele verfolgt. Angeblich sollen bei den vier Testflügen von Shenzhou bereits Aufklärungssysteme an Bord gewesen sein. China arbeite an der Entwicklung von Spionagesatelliten und Anti-Satelliten-Waffen, sagte der Militärexperte Robert Karniol vom Fachmagazin „Jane’s Defense Weekly“. Peking dementiert solche Pläne. China werde sich „niemals an einem Wettrüsten im Weltall beteiligen“, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums vor dem Start von „Shenzhou 5“. Foto: dpa

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