Zeitung Heute : Hoch hinaus

Berlin wird besser mit der Welt verbunden – doch nicht bei allen Fluglinien wird das Leipziger Urteil gut aufgenommen

Flora Wisdorff

Der Flughafen Berlin-Schönefeld kann unter Auflagen ausgebaut werden. Wie könnte sich dadurch die Erreichbarkeit Berlins per Flugzeug verbessern?


Früher, nach der Wende, als die Pläne für einen Großflughafen in Berlin erstmals laut wurden, träumte man noch von einem großen, internationalen Drehkreuz in Berlin, das vielleicht sogar mit Frankfurt oder Paris hätte mithalten können. Aber jetzt steht längst fest, dass Berlin- Brandenburg International (BBI) kein Flughafen werden wird, von dem aus man in die ganze Welt fliegen kann. „Es gibt schon genügend solcher großen Drehkreuze in Europa, auf die sich die wichtigen Interkontinentalverbindungen weiter konzentrieren werden“, sagte Dieter Schneiderbauer, Leiter Travel und Transportation bei der Unternehmensberatung Mercer, dem Tagesspiegel.

Berlin werde mit dem BBI jedoch auf jeden Fall „in die Spitzengruppe Europas aufsteigen“. Er rechnet bis 2015 mit 20 bis 25 Millionen Passagieren im Jahr – derzeit sind es 17,2 Millionen. Zum Vergleich: London-Heathrow hat ein Passagieraufkommen von 67 Millionen, in Frankfurt starteten und landeten im vergangenen Jahr 52 Millionen Fluggäste.

Allerdings sei nicht sicher, dass es dann auch viele neue direkte Interkontinentalverbindungen ab Berlin geben werde. „Es wird bestimmt die eine oder andere geben, aber keine große Anzahl“, sagte Schneiderbauer. Die großen Fluggesellschaften bestätigen das. Die Lufthansa will keine Garantie dafür abgeben, dass der Bau des BBI zwingend auch die Auflage neuer Strecken mit sich bringe. „Für interkontinentale Direktverbindungen sehe ich auch mittelfristig keinen Markt in Berlin“, sagt Sprecher Thomas Ellerbeck. Auch die Zahl neuer innereuropäischer oder innerdeutscher Verbindungen hänge davon ab, wie sich die Wirtschaftskraft in Berlin entwickle.

Die strengen Auflagen des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts für den Bau des BBI könnten den Fluggesellschaften zufolge sogar dazu führen, dass es weniger Flugverkehr gibt. Kritisch sehen sie vor allem, dass zwischen 22 und 24 Uhr sowie zwischen fünf und sechs Uhr kein planmäßiger Verkehr stattfinden darf. In Tegel ist dies zumindest bis 23 Uhr erlaubt. „Mit diesen Auflagen können wir manche Verbindungen auf die Kanaren und ans Mittelmeer nicht wirtschaftlich fliegen“, sagt Air-Berlin-Sprecher Peter Hauptvogel. Und auch bei der Lufthansa heißt es: „Das wird den Standort im nationalen und internationalen Wettbewerb beeinträchtigen“. Das heißt, dass manche Strecke sogar an einen anderen Flughafen wandern könnte. Auch Experte Schneiderbauer sieht die Auflagen als „tiefgreifendes Problem für Charter- und Billigflieger“. Das sei ein „Risiko“ für die Wirtschaftlichkeit des künftigen Flughafens.

Grundsätzlich begrüßen aber alle Fluggesellschaften, dass der BBI jetzt gebaut werden darf. Die Billigflieger, die erst in den vergangenen Jahren an den Flughafen Schönefeld gekommen sind und entscheidend dazu beigetragen haben, dass Berlin jetzt von einer Vielzahl europäischer Städte direkt angeflogen werden kann, wollen am BBI auch weiter wachsen – und die Hauptstadt noch zugänglicher machen. Allerdings hängt ihre Wachstumsstrategie in Berlin auch davon ab, ob ihre Interessen beim Bau des Flughafens berücksichtigt werden.

Easyjet, die acht Flugzeuge in Schönefeld stationiert und 2005 2,5 Millionen Passagiere von und nach Schönefeld transportiert hat, formuliert klare Forderungen. Der neue Flughafen dürfe nicht zu teuer werden – damit die Gebühren nicht steigen. Zudem dürfe er nicht ausschließlich als Umsteigeflughafen gebaut werden. Denn die Billigflieger fliegen direkt von Punkt zu Punkt, die Passagiere sollen möglichst schnell am Flugzeug sein. Vor allem aber muss die Maschine nach ihrer Ankunft innerhalb von 20 Minuten wieder losfliegen können – sonst können sie Personal und Maschinen nicht effizient nutzen. „Wir wollen keine Erlebniswelten oder Marmorhallen am BBI“, sagt auch Air-Berlin-Sprecher Hauptvogel. Ein eigener, vom Umsteigeverkehr der traditionellen Fluglinien getrennter Terminal sei eine Möglichkeit, heißt es bei Easyjet. Die Flughafengesellschaft müsse sich beim Bau und den Gebühren auch nach den Billigfliegern richten, meint auch Schneiderbauer. „Die Billigflieger haben sich auf den innereuropäischen Kurzstrecken jetzt etabliert, sie werden auch weiterhin einen Großteil der Strecken ab Berlin fliegen“. Wie sehr sich die Erreichbarkeit Berlins mit dem BBI verändert, hängt also noch von einigen Entscheidungen ab.

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