Zeitung Heute : Hoch hinaus

Der gefeierte Countertenor Bejun Mehta.

Meister der hohen Stimme: Bejun Mehta. Foto: www.marcoborggreve.com all rights reserved.
Meister der hohen Stimme: Bejun Mehta. Foto: www.marcoborggreve.com all rights reserved.

Ein schauriges Gruseln wird für immer mit den barocken Bravourarien verbunden bleiben. Damals rief das begeisterte Publikum noch „Es lebe das Messerchen!“ als höchstes Lob für jene Kastraten, die mit ihren Koloraturen für den kollektiven Rausch bis hin zur Ohnmacht sorgten. Zustände wie im alten Neapel wünscht sich auch heute noch mancher Opernfan, nur so ist zu erklären, dass ein enthemmter Fan dem damals 13-jährigen Knabensopran Bejun Mehta empfahl, sich noch rechtzeitig kastrieren zu lassen, um die engelhafte Stimme zu erhalten. Weil glücklicherweise auch Bejun Mehta von diesem einschneidenden Verfahren abgesehen hat, wissen wir nicht, wie die Kastrasten klangen. Wir können nur mutmaßen über den hohen Klang kurzer Stimmlippen und die erotisierende Wirkung des endlos scheinenden Atems dieser Männer, die bis ins 19. Jahrhundert hinein die Heldenrollen der italienischen Opern beherrschten. Dennoch ist der Countertenor längst nicht mehr schwacher Ersatz für einen zu Recht verschwundenen Sängertypus, sondern hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem eigenständigen Klangideal emanzipiert.

Zeitgenössische Komponisten wie Aribert Reimann, Peter Eötvös oder Unsuk Chin komponieren für Countertenöre, die sehr gerne aus dem Barockghetto ausbrechen und zeigen wollen, dass sie deutlich mehr können, als hinreißende Koloraturen zu singen. George Benjamin schrieb eine der Hauptrollen in seiner Oper „Written on Skin“ eigens für Bejun Mehta, und auch sonst erweitert der Sänger stetig sein Repertoire. Wenn Männer Schumanns „Frauenliebe und -leben“ singen können und Frauen Schuberts „Winterreise“, dann wird ein Countertenor sich auch an das Repertoire des späten 19. Jahrhunderts rantrauen dürfen, das in seine Stimmlage passt.

Von der Salonmusik mit großem Sentiment bis zum zurückgenommen verfeinerten Kunstlied reicht Mehtas Repertoire jenseits der Opernbühne. Dabei ist es doch immer seine eigene Stimme geblieben, mit der er seine künstlerischen Vorstellungen immer geschickter und eleganter umsetzt, ob einst als Knabensopran oder heute als gefeierter Countertenor. Mit tiefem Verständnis für die musikalische Form und großer Ernsthaftigkeit erarbeitet Mehta sich immer wieder neue Stücke, auch wenn mancher Kritiker ihn gerne weiterhin im kleinen Barockgärtlein einpferchen möchte. Dabei bleiben die Opern von Händel und Hasse, Vivaldi und Mozart selbstverständlich im Zentrum seines Interesses, schon allein weil die großen Opernhäuser ihm vor allem diese Rollen anbieten.

Darüber hinaus setzt er sich aber unermüdlich für die weniger bekannten Werke der Kastratenzeit ein, etwa von Traetta, Conti oder Vinci. Sie alle reizten die formalen Vorgaben der Affektelehre bis an ihre Grenzen aus. Jedes Gefühl, jede Seelenregung wird in Töne umgesetzt und Bejun Mehta nutzt die Gelegenheit, seine Zuhörer zu verblüffen und emotional zu packen. Heulen und Zähneklappern oder gar Ohnmachten kommen in Opernhäusern und Konzertsälen kaum noch vor, auch das hat sich über die Jahrhunderte geändert. Die Faszination der hohen Männerstimme ist jedoch geblieben, inzwischen glücklicherweise ohne gruselige Operation. Uwe Friedrich

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