Zeitung Heute : Hochbegabte: Eine Klasse für sich

Silke Becker

Chris hat es eilig. Das Mittagessen ist gerade vorbei, und er will noch einmal mit seinem Tretroller den Hang hinunterheizen. Das tun die Jungs in jeder Pause, und sie kommen mit einer scharfen Bremse genau vor dem blank gewienerten Wagen des Direktors zum Stehen. Manchmal untersuchen sie auch die Schrauben an den Radkappen oder das Reifenprofil, aber jetzt muss Chris dringend in die Deutschstunde. Seine Zwillingsschwester Maren sitzt schon da. Sie ist eine Minute jünger als er, aber dafür hat er den Vorteil, zehn Zentimeter größer zu sein. Das zählt, wenn man zehn Jahre alt ist.

Vorne in der Klasse steht ein hagerer Lehrer ganz in Schwarz und liest den Anfang einer Geschichte vor. Die Kinder sollen sich überlegen, wie es weitergehen könnte. Ein Mann in einem Heißluftballon über dem Ozean gerät in Schwierigkeiten. Sie denken sich lauter Katastrophen aus: das Ding stürzt ab, ein Flieger streift es, ein Vogel beißt ein Loch in den Ballon, und ein Zehnjähriger weist darauf hin, dass die Verbindung von nassem Stroh und Gas zu einer Explosion führen kann. "Aha", sagt der Lehrer.

Die Schüler der "Talenta" in Geseke bei Paderborn, einem neu gegründeten Hochbegabteninternat, geben oft solche Sachen von sich. Ein Achtjähriger sagt, er habe die Figur im Gameboy "paralysiert". Paralysiert? Na, eben lahmgelegt. Die Kinder wollen wissen, wie eine tote Maus verwest, oder auch, wie unter Wasser der Druckausgleich im Körper funktioniert. Auch ihren Sport- und Religionslehrer haben die Schüler verblüfft, als er in den ersten Tagen einen Orientierungslauf mit ihnen machen wollte. Fünf Minuten lang erklärte er ihnen, wie sie Fragen beantworten und Punkte sammeln können. Er dachte, sie können es unmöglich verstanden haben. Aber weil keine Nachfragen kamen, ließ er einen Schüler die Regeln wiederholen. Der gab in fünf Sätzen wieder, wofür der Lehrer fünf Minuten gebraucht hatte.

Die Freundin lästerte nur

Acht Lehrer unterrichten die 13 Schüler, sie müssen alle Fächer abdecken: Deutsch, Kunst, Mathematik, Religion, Biologie, Sport, und was der Lehrplan noch vorschreibt. Die Lehrer kommen von Haupt- oder Berufsschulen, viele wollten wieder an ein Gymnasium. Für die 13 Kinder dagegen ist diese Schule die "Endstation", sagen zumindest Eltern, Lehrer und auch die Schulgründerin. Man könnte auch behaupten, es ist die letzte Chance für die Kinder, Spaß an der Schule zu bekommen.

Die jungen Hochbegabten sind an allen Schulen gescheitert, die sie davor besucht hatten. Sie waren gelangweilt, störten, verweigerten sich, trieben Lehrer zur Weißglut und waren selbst unglücklich. So sehr, dass manche sich sogar mit Selbstmordgedanken trugen. Nun sollen sie richtig Stoff bekommen und zum ersten Mal ihre Fähigkeiten einsetzen können. Aber erst einmal wollen die Lehrer den Kindern beibringen, wieder zu lernen. Die meisten sehen eine Mathematikaufgabe und wissen sofort die Lösung. Sie sollen lernen, dass es Zwischenschritte gibt, dass auch kompliziertere Aufgaben kommen werden. In Englisch und Latein geht es nicht ganz ohne Üben. Bislang waren sie gewöhnt, dass sie alles sofort konnten.

Aber in diesen Tagen wirkt der Unterricht manchmal, als seien die Lehrer hauptsächlich damit beschäftigt, die Kinder zu bändigen. Es sind keine genialen Schnelldenker, die alles aufsaugen, was ihnen präsentiert wird, ganz und gar nicht. Am frühen Nachmittag hopsen ein paar auf ihren Sitzbällen, einer macht Scherenschnitte, andere träumen. Sie lassen den Lehrer vorne reden. Manchmal wird vorne an der Tafel mit einem roten Laufzettel gedroht. Das wirkt. Denn wenn man drei davon hat, gibt es ein Gespräch mit den Eltern.

Sie alle haben ein oder zwei Klassen übersprungen. Einer der Jungen ist in seiner früheren Schule gleich in die zweite Klasse gekommen und war sofort Bester. Das mochten die anderen Kinder nicht. Deshalb hat er Prügel eingesteckt. Manche der Kinder haben sich tief in ihr Inneres zurückgezogen, andere haben sich so daran gewöhnt zu stören, dass sie jetzt kaum mehr aufhören können. Sie sind acht, neun, zehn Jahre alt, waren alle schon beim Psychologen.

Maren hat eine Klasse übersprungen. Maren ist zehn. Ein zartes kleines Mädchen, mit einem langen Rock, Lackschuhen, und beim Laufen wackelt sie schon ein bisschen mit dem Po. Meistens verbringt sie ihre Zeit mit den Jungs, denn das einzige andere Mädchen, das es in der Schule gibt, spielt Pokémon, und das findet Maren "total babyhaft". Die Jungs hingegen fahren Tretroller oder lassen sich über Treppen rollen.

Die Lehrer freuen sich über die Freundschaften zwischen den Kindern und sprechen davon, sie machten "sozial Fortschritte". Denn die meisten hatten vorher gar keine oder wenige Freunde. Maren glaubte früher, sie hätte eine Freundin, aber es stellte sich heraus, dass die hinter ihrem Rücken über sie lästerte. Marens Zwillingsbruder Chris sieht verlegen zur Seite, wenn er sagt, dass er "nur einen richtigen Freund" hatte, obwohl es in seiner Schule so viele Kinder gab. Traurige Geschichten erzählen viele der Kinder, und gleichzeitig reden sie wie Erwachsene. Chris etwa findet die neue Schule, die im Sommer den Betrieb aufnahm, "sehr positiv" und meint, dass es besser und ruhiger werden wird, wenn im nächsten Jahr neue Kinder kommen.

Aber dann benehmen sie sich doch wieder wie Kinder. Chris stürzt mit Kuchenkrümeln um den Mund und am T-Shirt aus der Klasse und will sein Zimmer zeigen, gegenüber im Bettenhaus, ein langer kahler Flur, rechts und links gehen die Räume ab. Chris ist immer umnebelt von einer schweren Wolke Rasierwasser, und bevor er sein Zimmer betritt, legt er noch mal eine Ladung drauf. Das mit der Dosierung hat er noch nicht raus. Warum er das macht? "Einfach so, riecht doch gut." Sein Zimmer ist penibel aufgeräumt, die blaue Bettwäsche mit den Monden und Sternen ist sauber zusammengelegt, auf dem Schreibtisch stehen alle Bücher mit dem Cover nach vorne. Es sind viele Fachbbücher darunter, vor allem Nachschlagewerke. Einige Lehrer meinen, solche Bücher zeigten, dass Eltern überfordert seien, weil sie die bohrenden Fragen ihrer Kinder längst nicht mehr beantworten könnten.

Die Mutter von Maren und Chris will ihren Kindern Gardinen für die Zimmer nähen. Damit sie es zu Hause schön haben, wenn ihr Internat schon so weit weg ist. Christl und Günter Hollburg wollen ihren tatsächlichen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Sie empfangen den Besucher in Ahaus an der holländischen Grenze. Die Hollburgs reden davon, dass diese Wohnung nur ein Übergang ist, dass es ihnen eigentlich viel besser geht, sie ein großes Haus besaßen, eine Firma, aber die Bank hat ihnen das genommen. Fotos fliegen auf den Tisch: der Kamin damals, die Kinder in Sonntagskleidern, Maren mit Rüschenbluse ...

Ihre Kinder waren von Anfang an anders. Mit sieben Monaten konnten sie laufen, mit zwei sprechen, mit drei schreiben. Einfach so. Jahrelang ging alles gut, bis sie in die Schule kamen. Nach ein paar Wochen kamen "gebrochene Kinder" nach Hause, erzählt Christl Hollburg. "Mama", sagten sie, "du hast uns versprochen, dass wir da was lernen." Aber sie konnten immer schon alles; während die anderen Buchstaben malten, haben sie gelesen. Als die anderen die Zahlen übten, haben sie gerechnet. Hollburgs machten sich lange keine Gedanken. Bis ein Artikel über Hochbegabte im "Stern" der Mutter die Augen öffnete. Danach ist sie das erste Mal zu einem Psychologen gegangen. Der hat den IQ der Zwillinge getestet: 129. Um die 100 gilt als normal.

Aber als Christl Hollburg fortan den Lehrern erklärte, dass ihre Kinder ein anderes Lerntempo hätten als die meisten, wollte das niemand hören: "Das kann nicht sein, für jeden gelten hier die gleichen Regeln", war meist die Antwort. In der Schule übersprangen beide Kinder jeweils eine Klasse.

Beruhigungsmittel für ein Kind

Aber ist Christl Hollburg nicht stolz darauf, hochbegabte Kinder zu haben? "Nein, um Gottes Willen. Das ist naturgegeben. Stolz bin ich auf deren Charakter." Am Schluss weinten die beiden morgens vor der Schule nur noch, sie behielt sie wochenlang zu Hause. Nun hat die Familie beim Jugendamt eine Förderung für das Hochbegabtengymnasium in Geseke beantragt, weil die Kinder in normalen Schulen als nicht beschulbar gelten, wie es heißt. 4000 Mark soll das Jugendamt an das Internat zahlen, wie bei den meisten anderen Eltern auch. Manchmal erzählen Chris und Maren jetzt wieder, dass sie nichts lernen, es so unruhig ist und alle Quatsch machen. Es wird schon werden, hofft Christl Hollburg, denn wo sollten die Kinder denn jetzt noch hin?

Andere Hochbegabtenschulen im Land, Gymnasien, die mit der neunten Klasse beginnen, suchen sich ihre Schüler aus. Es gibt Probezeiten, Lehrer wollen sehen, ob die Schüler in die Gruppe passen. Doch an der "Talenta", die mit der fünften Klasse beginnt, funktionierte das nicht. Alle wurden genommen. Die einzige Bedingung: ein IQ von mindestens 130. Zwei Jungen mussten sie schon wieder wegschicken. Sie waren zu unruhig, brachten alles durcheinander. Hochbegabte Kinder, die all die Informationen, die auf sie einströmen, nicht filtern können. Einer der Jungen bekam Ritalin vom Psychiater, ein Beruhigungsmittel. Das Letzte, was sie von ihm gehört haben, war, dass er in eine Klinik eingewiesen wurde.

Viel zu unruhig sei es an der Schule, findet man in der "Gesellschaft für das Hochbegabte Kind". Beate Anders ist die Vorsitzende, sie wohnt 100 Kilometer von der Talenta entfernt, in Hamm, und redet sich gerade in Rage. "Wir empfehlen die Schule nicht", sagt sie erst und dann: "Wir raten Eltern ab." Es gibt kein Konzept, heißt es, jedenfalls können sie keines erkennen. Es gibt keine Lehrerfortbildung, keine Wettbewerbe für die Schüler, keinen fächerübergreifenden Unterricht. Die Kinder werden nicht genug gefordert. Deswegen läuft es wie an einem normalen Gymnasium. Die Kinder brauchen "Futter, Futter, Futter", sagt sie, man müsse ihnen komplizierte Knobelaufgaben vorsetzen, dann werden sie ruhig. Und eigentlich glaubt Beate Anders längst, dass die Schule vom nordrhein-westfälischen Bildungsministerium nur genehmigt wurde, weil man zusehen wolle, wie das Projekt scheitert. Dann könnte die Düsseldorfer Landesregierung beruhigt behaupten, dass das staatliche Schulsystem mit ein paar Förderklassen für Begabte doch das Beste sei.

Im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium sagt der Sprecher Horst Kückmann nur, dass die Schule sämtliche Auflagen erfüllte und deswegen staatlich anerkannt ist, aber für die richtige Schulform hält man es nicht. Sie haben keine guten Erfahrungen gemacht mit der Schulgründerin Berna Kirchner, die ansonsten Altersheime und Kliniken besitzt. Ein Internat ist bereits in Konkurs gegangen, die Landesregierung musste mehr als 40 Lehrer übernehmen. Zur Eröffnung vor sieben Wochen ließ sich auch keiner der Staatssekretäre blicken, um sich mit diesem neuen Projekt zu schmücken; vielleicht ist das ja schon ein Zeichen.

Am späten Nachmittag kommt die Sonne durch, ein schöner Spätsommertag. Die Kinder stehen im Schlossgarten, auf einer gegenüberliegenden Koppel grasen Rehe: die Naturforscher-AG. Erdklumpen fliegen, einer entdeckt eine Maus, und Chris hackt wie ein Wahnsinniger mit einer Harke auf ein Blumenbeet ein. Da sollen Radieschen wachsen, einen Teich wollen sie auch anlegen und abwarten, was ankrabbelt. Antje Schäfer, die Biologielehrerin, steht in der Mitte in Jeans und Lederweste und beantwortet Fragen. "Es wird schon werden", sagt Antje Schäfer, wenn sie nach der Zukunft der Schule gefragt wird, "wir fangen ja gerade erst an." Irgendwann, hofft sie, kommen auch die "normalen Hochbegabten", die Unproblematischen, mit denen man zügig den Stoff durchgehen kann.

Christl Hollburg, die Mutter von Chris und Maren, findet, dass es ihren Kindern schon viel besser geht. Jeden Freitag fahren sie und ihr Mann vier Stunden Auto, um die beiden Kinder abzuholen, zwei Stunden hin und zwei wieder zurück. Es muss in Geseke klappen. Sonst gehen wir nach Schottland, sagt der Vater. Er meint Cademur, ein Internat für Hochbegabte mit 85 Schülern, die Hälfte stammt aus Deutschland. Auch da zahlt das Jugendamt, wenn die Kinder hier zu Lande als nicht beschulbar gelten. Die meisten landen später an englischen Eliteuniversitäten. "Um Gottes Willen, da gehen wir nicht hin", sagt seine Frau, "da regnet es ja ständig."

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